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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.11.2009

ZZ Packer - Kaffee trinken anderswo
Claire Horst

Dass diese Autorin einen Schreibworkshop besucht hat, merkt man ihren klassischen Short Storys sofort an. In der Tradition von AutorInnen wie Alice Walker, James Baldwin und Toni Morrison ...



... erz├Ąhlt sie Geschichten aus dem allt├Ąglichen und oft tristen Leben afroamerikanischer Durchschnittsmenschen.

Ihre Figuren leben in schwarzen Vororten gro├čer St├Ądte im S├╝den der USA oder verlassen ihre Heimat, um in den Metropolen ihr Gl├╝ck zu versuchen. Gl├╝cklich wird niemand von ihnen. Es scheint, als sei es den Figuren der jungen Schriftstellerin unm├Âglich, irgendwo anzukommen und mit sich selbst und ihrer Umgebung Frieden zu schlie├čen. Voller Wut die einen, gehemmt und unf├Ąhig zum Selbstschutz die anderen, sind Packers Gestalten scheiternde Kreaturen, denen die eigene Pers├Ânlichkeit ebenso im Weg steht wie die verst├Ąndnislose Umgebung.

Dina, die Protagonistin der Titelgeschichte, war immer eine Vorzeigesch├╝lerin. Sie ist von Baltimore nach Connecticut gezogen, um ein Studium in Yale zu beginnen. Gegen den Paternalismus der zumeist wei├čen StudentInnen, die mit "Ich-bin-total-solidarisch-Stimme" von oben herab zu ihr sprechen, wehrt sie sich auf ihre Art: "Pl├Âtzlich war ich abgebr├╝ht und aufs├Ąssig, ein Kind von der Sorte, das Spa├č daran hatte, Katzen mit Nadeln zu stechen, die Sorte, die smarten Kids auflauerte, um ihnen Pfefferspray ins Gesicht zu spr├╝hen."

Dinas Handeln, ihre Einsamkeit und Frustration schildert Packer packend und mit einer gewissen Ironie. Wie in einer klassischen Trag├Âdie scheint das traurige Ende der Geschichte unausweichlich ÔÇô denn wie Dina ahnt auch die Leserin schon bald voraus, dass ihre Zukunftspl├Ąne nicht aufgehen werden. Zu wenig ist sie bereit, sich an die Erwartungen der Umwelt anzupassen. Als schwarze Studentin kann sie sich entweder der Gruppe schwarzer StipendiatInnen anschlie├čen oder die brave, dankbare S├╝dstaatlerin mimen. Stattdessen schlie├čt sie Freundschaft mit einer ├╝bergewichtigen wei├čen Lesbe, die ebenso allein ist wie sie selbst.

Dinas zwanghafter Selbstschutz, ihr Unverm├Âgen, sich f├╝r andere Menschen zu ├Âffnen, f├╝hrt zum Scheitern dieser Freundschaft. Statt ihre Freundin zur Beerdigung derer Mutter zu begleiten, bricht sie das Studium ab und kehrt zur├╝ck in ihre Vorstadt von Baltimore. Es scheint kein Ausweg aus ihrem vorgezeichneten Schicksal m├Âglich: "Ein Tag verging wie der andere: Ich las, rauchte drau├čen vor der T├╝r und studierte die Reihe von Friseursalons auf der anderen Stra├čenseite, in denen M├Ądchen in abgeschnittenen Jeans und Tanktops verschwanden, um Stunden sp├Ąter mit blitzenden neongellen N├Ągeln und Hairstyles in der Farbe und dem Glanz von Lackleder wieder herauszukommen."

Von einem anderen Leben kann sie nur tr├Ąumen: "Ich w├╝rde sie [ihre Freundin] zu irgendeiner unbestimmten Zeit in der Zukunft besuchen ÔÇô bewusst unbestimmt, f├╝r Menschen wie mich, die vergangene Ereignisse entsprechend ihren W├╝nschen nachjustieren. In dieser Zukunft hat man immer die Chance, die Einkaufst├╝te aufzufangen, bevor sie auf den Boden knallt, die eigenen Worte k├Ânnen immer zur├╝ckgespult und gel├Âscht, umgeschrieben und redigiert werden."

Wie Dina leben alle ProtagonistInnen der Short Storys in einer Welt, an der sie leiden. Mit bewundernswertem Einf├╝hlungsverm├Âgen und sprachlicher Feinheit gestaltet die junge Autorin die unterschiedlichen Charaktere ihrer Figuren. Die alternde Angeh├Ârige einer PfingstlerInnengemeinde, die mit missionarischem Eifer ihre frohe Botschaft verbreitet und am Desinteresse ihrer Mitmenschen scheitert, der angepasste Sch├╝ler, der erfolglos versucht, sich gegen seinen trinkenden Vater zu behaupten, die von zu Hause ausgerissene Jugendliche ÔÇô alle sprechen sie eine eigene Sprache und gehorchen sie einer eigenen Weltsicht. Gemeinsam ist ihnen eine grundlegende Traurigkeit und das Gef├╝hl, einer benachteiligten Minderheit anzuh├Âren.

AVIVA-Tipp: Mit ihren Kurzgeschichten hat ZZ Packer bereits mehrere Preise gewonnen. Dabei wird h├Ąufig besonders ihr Sprachgef├╝hl hervorgehoben. Tats├Ąchlich bleiben viele ihrer S├Ątze lange im Ged├Ąchtnis haften, so treffend sind sie. Streckenweise wirken Packers Metaphern allerdings etwas gewollt, fast gedrechselt ÔÇô auch das ist vielleicht ein Ergebnis des Schreibworkshops, den sie besucht hat. Gl├╝cklicherweise greift sie immer wieder zu humorvollen und ironischen Wendungen, sodass die Tristesse der Handlung nicht ├╝berhand nimmt.

Zur Autorin: ZZ Packer, geboren 1973 in Chicago, wuchs in Atlanta/Georgia und Louisville/Kentucky auf. Sie studierte an der Yale University und besuchte den Iowa Writers` Workshop der University of Iowa. Ihre Short Storys und Artikel erschienen im New Yorker, Harper`s und in der New York Times. Der Erz├Ąhlband "Kaffee trinken anderswo" war Finalist des PEN/Faulkner Awards. 2007 wurde ZZ Packer in die Liste der "20 Best of Young American Novelists" des renommierten Literaturmagazins Granta aufgenommen. Sie lebt mit ihrer Familie in Pacifica/Kalifornien. (Verlagsinformationen)

ZZ Packer
Kaffee trinken anderswo. Stories

Aus dem Amerikanischen von Giovanni und Ditte Bandini
A1 Verlag, erschienen Herbst 2009
280 Seiten, gebunden
19,80 Euro
ISBN 978-3-940666-09-3

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Toni Morrison - Liebe

Remember Celia Jones. Valerie Wilson Wesley

Literatur Beitrag vom 04.11.2009 Claire Horst 

   




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