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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 09.12.2009

Olga Martynova - In der Zugluft Europas
Adriana Stern

Der schmale, wunderschön gestaltete Gedichtband entführt uns in einer Mischung aus surrealistischen und impressionistischen Bildern in scheinbar andere, beim tieferen Hinspüren jedoch vertraute ...



... Welten. Sie werden nur aus ungewöhnlichen Perspektiven betrachtet, etwa dem Inneren eines Vogels oder verschiedener Jahreszeiten.

Die Autorin beschreibt auf poetisch verträumte Weise Reisen durch Länder West- und Osteuropas, in denen sie für Momente in unterschiedlichen Tages-, Nacht- und Jahreszeiten verweilt, bevor sie aufbricht und weiterzieht. Ruhelos, beinahe rastlos, bannt sie ihre Wahrnehmungen für uns in Lyrik, wie ein Maler mit kräftigen Farben und feinziselierten Pinselstrichen Augenblicke auf die Leinwand zaubern oder ein Fotograf Momentaufnahmen aus besonderen Blickwinkeln auf einem Film festhalten würde. Ihre Gedichte sind wie in zeitlose Ewigkeiten eingehüllte Geschenke.

Olga Martynova ist eine stille und unaufdringliche, zugleich beharrliche, melancholische und kritisch-humorvolle Beobachterin. Sie schenkt der Welt eine weitere Sprache und hinterlässt damit ihre Spuren in den Begegnungen mit der Natur, verschiedenen Landschaften, anderen Menschen und künstlerischen Vermächtnissen der Zeitgeschichte. Zum Beispiel denen der griechischen Sage oder denen bedeutender MalerInnen, MusikerInnen und SchriftstellerInnen. So begegnen wir Verdi, Haydn, Puschkin, Emily Dickinson, Tschechow und Gauguin in unvertrauten Zusammenhängen, die durch die Augen der Autorin betrachtet auf eine neue Weise für uns lebendig und gegenwärtig werden.

Es sind seltene und kostbare Momentbeschreibungen, die sich in unsere Herzen weben. Momentbeschreibungen wie die aus dem Leben des Orpheus etwa, verglichen von der Autorin mit dem unauffälligen, lautlosen und doch so wertvollem Tun einer Seidenraupe. "In ein Kügelchen sich verwandelnd an dem flimmernden Faden(in ihm der Falter Vergessen)... wie schläfrig und warm ist dieser Kokon..." Und alles findet sich darin wieder. Apollo, Verdi, Haydn, Dionysos. "In unserem Kokon ist es dunkel, du siehst nicht, was du singst, nur der gelbe Pirol klagt in Tschechows bescheidenen Büschen."

So taucht sie ein in die Welt der Literatur, Malerei, Musik, Mythologie und der Natur. Und dies an bewegenden Orten und in von ihr aufgespürten Augenblicken kollektiven Gedächtnisses der Zeitgeschichte. Alle beschriebenen KünstlerInnen gehören mit ihren Werken zum menschlichen Kulturerbe, zu unserer Geschichte und Sozialisation. Und doch haben sie für jede von uns eine ganz eigene Bedeutung, die durch den Blick der Autorin erneut, vielleicht zum ersten Mal, in unser Bewusstsein gelangt.
Olga Martynova zu einem Werk von Gauguin: "...hinter den Palmen verborgen die schrecklichen Götter. Europa ist am Ende."

Ihre Assoziationen sind stets eigenwillig und laden zu eigenen Betrachtungen ein, wie ihre Gedanken zu Emily Dickinsons Briefen beispielsweise: "Fügsam geleitete sie hin, in die Welt-hinter-der-Welt die Bienen, Kleeblüten, Vögel, Freunde, die Anverwandten und wen sie sonst noch liebte (ja, wen denn sonst noch?) und schaute ihnen nach. Das Gegenlicht, das augenblicklich und eifersüchtig den Garten ankohlte, gab keine Antwort.". Oder ihre Eindrücke zu einem Werk von Elias Canetti: "Eine Zwinge ist der Brustkorb, die Kollektion klein-klein zusammengesammelt,- gehascht: Irgendwelche winzigen Pferde schnauben in die Ohren großer Füchse."

Olga Martynovas Gedichte sind auf berührend persönliche Weise politisch. In ihnen werden Städte und Landstriche zu Menschen mit menschlichen Gebrechen, die durch unser Handeln zu verantworten sind. "Die Jahrhunderte rattern – nun stirbt die Bukowina ab, ein Ziehen in Bessarabien, Galizien Migräne, Sodbrennen Böhmen, in Bosnien Stiche… Der Flickenumhang Europa ist Naht für Naht geplatzt", stellt die Autorin fest, und "keiner merkt das Nackte. ... In der Zugluft Europas stehend hat unsere Erzählung keine Stimme."

Und doch ist ihre Stimme, die ruhig und verhalten, ähnlich verborgen wie das Tun der Seidenraupen anklingt, von einer starken, surrealistisch anmutenden Klarheit. Es ist eine Stimme, die sich uns nicht aufdrängt, uns vielmehr im Hinterkopf mit leisen Tönen durch den Tag begleitet. Und an ihre Zeilen "Es regnet tauende Zeit...Was ist unauffälliger als die Zeit?" erinnert, wenn für Augenblicke die Zeit still steht, und der Blick im Vorübergehen die Zeiger einer Uhr streift, die, hinter Regenschleiern eines trüben Novembertages verhangen, doch unaufhaltsam ihre Kreise drehen.

Olga Martynova ist eine "durch Zeiten - und Welten Reisende", die uns nicht nur mit dem Werk beeindruckender KünstlerInnen in Berührung bringt, sondern uns auch Städte und Landstriche auf neue Weise erleben lässt. "Die Winterreise bis nach Rom, als ob das Herz ertrinkt im Flüstern unberührten Wassers, als ob die Sonne ausgegraben wird aus Schnee."
Venedig: "Die Leere ist so gelenkig, so leicht. Überall atmet die Entfernung leichthin. ... Frei aber wandeln drüben an der gewölbten, sanft geneigten Küste der Adria die Wahnsinnigen einher."
Die Toskana /Florenz: "Toskana, schwarz-weiß, gestreift und rund, für die Eintagsgäste der mit Wasser geheftete Glanz von Florenz." Humorvoll und uns durch die Zeilen der Buchseiten zuzwinkernd bemerkt sie zum Schluss über Florenz: "Unten die Stadt- ein angezündetes Meer... Auf den Wal schaut die Sonne wie Jonas: Sag, hast du mich wirklich freigespuckt oder nur beiseite gelegt für später?"
Irgendwo in Osteuropa: "Neva-Winter mit schwarzem Schmutz. Eisüberwachsene Stufen ins Nirgendwo hin. Das ist es, was das Gedächtnis in Geschenkpapier hüllt. Und ein paar Häuser gelegen an Neva und Moldau."

AVIVA- Tipp: Die Autorin malt Bilder mit Worten, lässt vor unserem inneren Auge ganze Filmsequenzen entstehen. Wenn sie zum Beispiel davon spricht, dass Libellenflügel sich den Fluss entlang strecken, wie verlangsamte Lichter oder wenn die Zeit unhörbar die Schellen schüttelt, wird das eigene Empfinden auf neue Weise lebendig, begreifbar, bewusst. Der Gedichtband ist bis zum Rand angefüllt mit Metaphern, die dazu auffordern, eigene Bilder und Empfindungen zu entdecken. Etwa in den taubedeckten Zweigen zwischen frühmorgendlichen Nebelschleiern. Bilder, die die Seele beflügeln.
Es wäre nicht ganz zutreffend, von einem Feuerwerk an Eindrücken, Metaphern und Weisheiten zu sprechen, weil sich dieser Gedichtband auf leisen Sohlen in unsere Seelen schleicht und sich dort einnistet, während wir "mit dem Zug nach Hause fahren, die Zeit uns stets hinterher. ... Die Zeit setzt sich auf einen Meilenstein und die zirpenden Ichs schwirren über dem Abhang."

Zur Autorin: Olga Martynova wurde 1962 in Dudinka bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. Sie wuchs in Leningrad (St. Petersburg) auf und studierte dort am Pädagogischen Institut russische Sprache und Literatur. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main. Anfang der 1980er Jahre, als eine freie Literatur in der Sowjetunion undenkbar erschien, gründete sie in Leningrad zusammen mit ihrem Mann Oleg Jurjew, mit Dmitry Sachs und Valery Schubinsky "Kamera Chranenija" (auf deutsch etwa "Aufbewahrung") – eine DichterInnengruppe, eine poetische Strömung, ein Verlag und bis heute ein Internetprojekt. Der Almanach "Kamera Chranenija" war Samisdat, Untergrundliteratur, und in der Tat zur "Aufbewahrung" von Texten gedacht.
Nach wie vor schreibt Olga Martynova ihre Gedichte auf Russisch. Doch ist sie in der deutschen Sprache so weit heimisch geworden, dass sie seit einigen Jahren Rezensionen auf Deutsch verfasst und sich als Vermittlerin zwischen der deutschen und der russischen Literatur begreift. Eine Auswahl ihrer Besprechungen erschien 2003 unter dem Titel "Wer schenkt was wem". Sie übertrug einen Großteil ihrer Gedichte ins Deutsche, so 2001 die Auswahl "Brief an die Zypressen". 2006 veröffentlichte sie gemeinsam mit Jelena Schwarz "Rom liegt irgendwo in Russland. Zwei russische Dichterinnen im lyrischen Dialog über Rom". (Quelle: Verlag Das Wunderhorn)

Olga Martynova
In der Zugluft Europas

Gedichte
Reihe Edition Künstlerhaus, erschienen 2009
48 Seiten, 14 x 22 cm, gebunden, bibliophile Ausgabe
ISBN: 978-3-88423-327-6
13.50 Euro

Literatur Beitrag vom 09.12.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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