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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 17.12.2009

Elissa Mailänder Koslov - Gewalt im Dienstalltag
Britta Leudolph

Im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek arbeiteten von 1942 bis 44 insgesamt 28 SS-Aufseherinnen, die ihren männlichen Kollegen in ihrer Brutalität und Grausamkeit in nichts nachstanden...



... Elissa Mailänder Koslov untersucht, wie aus scheinbar normalen jungen Frauen brutale Täterinnen wurden.

Im Herbst 1942 trafen die ersten SS-Aufseherinnen in Majdanek ein. Bis zur Räumung des Lagers verrichteten insgesamt 28 Frauen ihren "Dienst" in diesem Konzentrations- und Vernichtungslager, das für zehntausende Menschen der Ort unvorstellbaren Grauens, der Entmenschlichung und des Todes wurde.

Diese KZ-Aufseherinnen waren überwiegend ledig und entstammten zumeist einem sozial schwächeren Milieu, der Dienst als SS-Aufseherinnen versprach ihnen an erster Stelle einen gut bezahlten Arbeitsplatz, sozialen Aufstieg und zusätzlich den Beamtinnenstatus. Doch können materielle Anreize dafür ausreichen, dass sich anfangs verschüchterte Frauen innerhalb weniger Wochen zu SS-Aufseherinnen entwickeln, die insbesondere in Majdanek für ihr besonders grausames und brutales Vorgehen berüchtigt waren?

Elissa Mailänder Koslov zeigt anhand von NS-Dokumenten, ZeugInnenaussagen, Interviews und Erinnerungsliteratur, "[...] dass die Entwicklung dieses Gewaltverhaltens keineswegs ein linearer Prozess war, sondern durch normative, institutionelle, soziale und situative Dynamiken vor Ort entstand."

Aus heutiger Perspektive sind die Handlungen der SS-Aufseherinnen nicht nachvollziehbar. Sie schlugen, misshandelten und töteten Frauen und Kinder, hetzten Hunde auf Wehrlose, führten Selektionen für die Gaskammern durch. Die Autorin leistet hier einen wichtigen Beitrag, indem sie zeigt, dass die "Gewalt im Dienstalltag" nicht allein "von oben" angeordnet wurde. Auch die SS-Aufseherinnen verfügten über Handlungsspielräume, die sie ausschöpften: "De facto galt jedoch in allen Konzentrationslagern eine Dienstvorschrift, in der die eigenmächtige Bestrafung bzw. die tätliche Züchtigung von Häftlingen ausdrücklich untersagt war. Das KZ-Personal hatte offiziell lediglich "das Recht [...], liederliche Häftlinge ihres Blocks oder Aufsichtsbereichs zu rügen, mündlich zu verwarnen oder mit Sonderordnungsdienst (Stubendienst) zu belegen." In späteren Prozessen gegen die SS-Aufseherinnen hatten diese nur allzu oft behauptet, sie hätten keine Wahl gehabt.

Elissa Mailänder Koslov gelingt mit ihrem kultur- und alltagsgeschichtlichen Zugang eine genaue Analyse des Alltags im Konzentrationslager Majdanek und zeigt wie sich "im Kontext des Dienstalltags [...] materielle Interessen und individuelle Befindlichkeiten bzw. Bedürfnisse mit der nationalsozialistischen Verfolgungs-und Vernichtungspolitik [...]" verflechten.

Zur Autorin: Elissa Mailänder Koslov studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Wien, Paris und Erfurt. Sie promovierte 2007 an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Cotutelle mit der Universität Erfurt. Seit 2008 arbeitet sie am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Dort leitet sie im Center für Interdisciplinary Memory Research das Forschungsprojekt "Referenzrahmen des Helfens", welches das Hilfsverhalten imNationalsozialismus erforscht.

AVIVA-Tipp: Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Frauen, die während des nationalsozialistischen Regimes zu brutalen Täterinnen geworden waren in der Öffentlichkeit häufig als pervers, sadistisch, abweichend von der "normalen Frau" dargestellt. Elissa Mailänder Koslov setzt diesem Bild eine realistischere Perspektive entgegen. Es waren junge Frauen, die sich durch das Tragen ihrer Uniform und einer Waffe sowie die Alltäglichkeit von Gewalt, Tod und Vernichtung zu brutalen Gewalttäterinnen entwickelten, die sich als "Herrenmenschen" fühlten und ihre Opfer oft als minderwertige Subjekte wahrnahmen. "Gewalt im Dienstalltag" macht der Leserin begreiflich, dass es eben nicht eine kleine Gruppe Wahnsinniger war, die die Massenvernichtung und den Holocaust zu verantworten haben, sondern viele willfährige HelferInnen, die oft im vorauseilenden Gehorsam unsägliche Verbrechen begingen. Auch nach über 60 Jahren lässt die Brutalität und Grausamkeit der SS-Aufseherinnen die Leserin fassungslos zurück.


Elissa Mailänder Koslov
Gewalt im Dienstalltag. Die SS-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek 1942 –1944

Hamburger Edition, erschienen 2009
Gebunden, 520 Seiten
ISBN 978-3-86854-212-7
35 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Kathrin Kompisch - Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus

Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern







Literatur Beitrag vom 17.12.2009 Britta Leudolph 

   




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