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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 20.01.2010

Barbara Bongartz - Perlensamt
Adriana Stern

Im Bann des undurchsichtig, geheimnisvollen David Perlensamt, dessen Lebenslauf im Dunklen liegt, sucht der Kunsthistoriker Martin Saunders nach der wahren Herkunft einer bedeutenden ...



... Bildersammlung, die er bei Perlensamt entdeckt.

Der Roman "Perlensamt" spielt innerhalb eines Jahres und wird eingerahmt durch einen Prolog und einen Epilog, die den Angriff auf das World Trade Center im September 2001 beschreiben.

Au├čer, dass damit der genaue Zeitpunkt der Romanhandlung angegeben wird, hat die Beschreibung des Anschlags nichts mit dem Stoff des Buches zu tun. Und das ist auch schon genau das Problem, das beim Lesen des vorliegenden Romans auftritt.

Es wird zuviel hineingemixt, damit der Plot funktioniert. Die Logik bleibt dabei leider auf der Strecke Einige der Themen sind: Die Geschichte des Kunstraubs w├Ąhrend des Nationalsozialismus, die Folgen des Nationalsozialismus f├╝r die zweite und dritte Generation, verkorkste Familienbiographien und ihre verheerenden Folgen, das Schweigen der Eltern ├╝ber den Nationalsozialismus, die Schwierigkeit sexueller Identit├Ątsfindung, die Geschichte von Otto Abetz, des Botschafters von Hitler in Paris, das Verschwinden einer der Wellenbilder von Courbet, die Welt des Kunsthandels, eine komplizierte Krimihandlung und schlie├člich auch noch der Anschlag auf das World Trade Center. Kein Wunder, dass der Autorin die Logik abhanden kommt.

Die ProtagonistInnen: allen voran Martin Saunders, amerikanischer Kunsthistoriker mit einer deutschen Mutter, die ihr Leben in Schweigen h├╝llt. Er wurde damit konfrontiert, was es bedeutet, wenn ein Opfer der Nazis ein gestohlenes Gem├Ąlde in fremden H├Ąnden entdecken muss. Eine von Saunders Aufgaben war es, die Provenienzen von Gem├Ąlden zu pr├╝fen und seine Mitarbeiterin Mona bescheinigt ihm "Martini, nicht jeder hat diese Ahnungen - in Provenienzforschung bist du ein Naturtalent." Doch wie kann ein Kunsthistoriker dann eine halbe Seite sp├Ąter sagen: "Mir ist eure verdammte Vergangenheit schei├čegal."? Das passt nicht zusammen, wie so vieles in diesem Roman.

Die Figur des Martin Saunders ist ebenso unlogisch gezeichnet wie das Motiv f├╝r den Mord an Miriam Perlensamt, der Mutter von David. Fast macht es den Eindruck, als w├╝rde diese Figur von der Autorin wie eine leblose Puppe durch die Handlung geschoben und erf├╝llte dort nur den Zweck, nicht zu reagieren, wenn es spannend werden soll und nur dann zu recherchieren, wenn Informationen f├╝r die LeserInnen ben├Âtigt werden. Immer wieder stellt Saunders in den entscheidenden Momenten eben nicht die Frage, die auf der Hand liegt (weil die Handlung sonst zu Ende w├Ąre), w├Ąhrend er an anderer Stelle nicht lockerl├Ąsst (wo die Handlung komplexer und f├╝r die Leserin noch verwirrender werden soll.) Die Figur des Martin Saunders scheint ausschlie├člich f├╝r die Romanhandlung konstruiert und lebt deshalb auch nicht.

Auch David Perlensamt ist eine solch konstruierte Figur, wobei sich die Konstruktion hier auf seine, zugegeben, ├Ąu├čerst geschickte und von der Autorin hochspannend beschriebene Verschleierungstaktik bezieht, mit der er David gezielt genau dahin lenkt, wo er ihn hinhaben will: Zu glauben, die Bilder an seinen W├Ąnden entstammten tats├Ąchlich der von Otto Abetz in Paris geraubten Kunstsammlung. Als sich Perlensamt Martin Saunders Interesses an ihm sicher ist, bekennt er sich dazu, der Enkel von Otto Abetz, Ribbentrops Mann im von den Nationalsozialisten besetzten Paris und Erbe seiner zusammengestohlenen Kunstsammlung zu sein. "Unser Familienname ist Abetz. Mein Gro├čvater war Hitlers Botschafter in Paris.", l├Ąsst ihn die Autorin sagen.

Warum er David genau davon ├╝berzeugen will, wird erst am Schluss des Buches deutlich, womit die Autorin gleichzeitig auch das Motiv f├╝r den Mord an Miriam Perlensamt liefert, der nur scheinbaren Mutter von Perlensamt (eine weitere unn├Âtige Komplikation).

Die Mutter von Perlensamt wird bereits im zweiten Kapitel get├Âtet, wie es sich f├╝r einen guten Krimi geh├Ârt, und dieser Mord, gestanden von Perlensamts Vater, besch├Ąftigt uns im Laufe der vierunddrei├čig Kapitel ab und zu, steht aber nicht im Vordergrund des Geschehenes.

Dort geht es eher um die Beziehung zwischen Martin Saunders und David Perlensamt, die homoerotisch gepr├Ągt ist und voller Widerspr├╝che steckt, und auch um die Verbrechen der Nationalsozialisten in Paris, und immer wieder um das Gem├Ąlde "La Vague" von Courbet, das offensichtlich 2004 tats├Ąchlich gestohlen und seitdem unauffindbar ist. M├Âglicherweise war das der Anlass f├╝r die Autorin, diesen Roman zu schreiben.

Die Idee f├╝r den Plot ist bemerkenswert und es w├Ąre in der Tat w├╝nschenswert, die fehlende Verarbeitung der Naziverbrechen und die Folgen des Schweigens dar├╝ber, vor allem f├╝r die dritte Generation, in weiteren Romanen zum Thema zu machen. Es ist zweifellos wichtig, ├╝ber Raubkunst zu schreiben. Und es ist folgerichtig, einen Krimi daraus zu machen. Es gibt kaum ein Genre, das daf├╝r besser geeignet ist.

Dann hat die Autorin am Ende doch alles richtig gemacht? Leider nein. Die Begr├╝ndung f├╝r den Mord entbehrt jeder Logik und die Wahrheit ├╝ber die Herkunft der Kunstsammlung w├╝rde bedeuten, dass ein Verbrechen, bereits im Kindesalter geplant, erst Jahrzehnte sp├Ąter zur Ausf├╝hrung kommt. Genau dann, wenn die richtige Zufallsbekanntschaft ins Leben tritt. Sorry, das ist nun wirklich unglaubw├╝rdig.

Dass der M├Ârder unentdeckt bleibt, der falsche Verd├Ąchtige sich selbst umbringt, die Tante schweigt, obwohl sie genau wei├č, was abl├Ąuft, im Fernsehen ├Âffentlich nach den Eigent├╝mern verschollener Bilder gesucht wird, ohne dass ExpertInnen sich die Bilder vorher ansehen und sie auf ihre Echtheit ├╝berpr├╝fen und weitere Ungereimtheiten sind ein bisschen zu wenig Realismus f├╝r ein Buch, das immerhin den Anspruch erhebt, geschichtliche Fakten wiederzuspiegeln.

Die Autorin im Netz: www.barbarabongartz.de

AVIVA-Fazit: Schade, dass die Autorin diese brillante Idee und dieses ungeheuer wichtige Thema nicht wirklich umsetzen konnte. Denn der Stoff ist ohne Zweifel gut gew├Ąhlt und hat es verdient, beschrieben zu werden. Aber wenn die Figuren nicht lebendig werden, der Handlung die Logik fehlt und zu viel an Schaupl├Ątzen und Komplikationen hineingepackt wird, muss es nicht verwundern, wenn das Ergebnis entt├Ąuschend ist.

Dabei hat die Autorin gut recherchiert, wartet mit viel Wissen und Kenntnis ├╝ber Kunstraub, das Gesch├Ąft mit dem Kunsthandel, die Geschichte von Otto Abetz auf. Auch die Figur des Perlensamt ist spannend angelegt, nur leider ist auch sein Handeln so unlogisch und unglaubw├╝rdig, dass die Leserin ver├Ąrgert zur├╝ckbleibt.

Zur Autorin: Barbara Bongartz1957 in K├Âln geboren, Studium u.a. der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Paris, M├╝nchen, K├Âln. Assistentin am Theaterwissenschaftlichen Institut, Universit├Ąt K├Âln. 2001 erschien, nach zahlreichen anderen Publikationen, ihr Roman "Die Amerikanische Katze", eine Liebeserkl├Ąrung an New York, (2007) der autobiografisch gepr├Ągte Roman "Der Tote von Passy". Im Herbst 2009 dann "Perlensamt" bei weissbooks.w. Barbara Bongartz lebt als Schriftstellerin in Berlin. (Quelle: Verlag weissbooks.w)
Weitere Ver├Âffentlichungen: Von Caligari zu Hitler ÔÇô von Hitler zu Dr. Mabuse, Eine psychologische Geschichte des Deutschen Films von 1948-62 (1990). Das B├Âse m├Âglicherweise, Erz├Ąhlungen (1994). St├╝cke f├╝rs Herz, Erz├Ąhlungen (1995). Eine der Geschichten aus Donner und Sturm, Novelle (1996), ├ľrtliche Leidenschaften-Compilationes, Roman (1996). Der Fall Cordelia Richter, Roman (1999), Sch├Âne Organe, (2000), Die Amerikanische Katze, Roman (2001), Inzest oder Die Entstehung der Welt, Roman in Briefen von Barbara Bongartz und Alban Nikolai Herbst, (2002). Auszeichnungen: F├Ârderpreis und Arbeitsstipendium der Stadt D├╝sseldorf 1998. Akademie Schlo├č Solitude 1999/2000. Arbeitsstipendium K├╝nstlerhaus Lucas, Ahrenshoop 2001.

Barbara Bongartz
Perlensamt

Verlag: weissbooks.w, erschienen 17.08.2009
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3940888433
19,80 Euro


Weiterlesen auf AVIVAÔÇôBerlin:

Interview mit Barbara Bongartz

"Der Tote von Passy" von Barbara Bongartz

"Bilder eines Vaters" von Christiane Kohl

"Verlorene Bilder, verlorene Leben" von Melissa M├╝ller und Monika Tatzkow

Literatur Beitrag vom 20.01.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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