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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 02.02.2010

Siri Hustvedt - Die zitternde Frau
Adriana Stern

Das plötzliche und unkontrollierbare Zittern ihres ganzen Körpers, während Siri Hustvedt einen Vortrag hält, nimmt die Autorin zum Anlass, tief in die Geschichte der Psychoanalyse und ...



... in andere Geistes- und Naturwissenschaften einzutauchen, um eine Antwort auf dieses Phänomen zu finden.

"Die zitternde Frau" beginnt mit einem Gedicht von Emily Dickinson, dessen Inhalt sich wie ein roter Faden durch diese essayistische Suche nach der Ursache für eine Körperreaktion zieht, die die Autorin weder verstehen, noch kontrollieren kann.

"Ich fühlt den Spalt in meinem Geist,
als wär mein Hirn zerteilt,
Zusammennähen wollt´ ich es,
doch blieb es ungeheilt."


Auch Siri Hustvedt versucht, Körper und Geist wieder zusammenzubringen.

Kindheitserinnerungen

Die Leserin erfährt schon zu Beginn, dass die Autorin sich nicht zum ersten Mal in ihrem Leben mit den Fachdisziplinen Psychoanalyse, Neurologie und Psychiatrie beschäftigt: "Seit meiner Kindheit leide ich unter Migräne, und meine Kopfschmerzen, meine Schwindelanfälle, meine himmlischen Gefühle von Levitation, die Sterne, das Schwarzwerden vor den Augen und meine einzige visuelle Halluzination von einem rosa Männchen und einem rosa Ochsen auf dem Fußboden meines Schlafzimmers erregen seit langem meine Neugier."

Körperliche versus psychische Krankheit

Hustvedt entdeckt, dass sich Menschen offenbar immer von ihren körperlichen Krankheiten zu distanzieren suchen ("ich habe Krebs, nicht ich bin Krebs"), dass sie sie als etwas Fremdes, von außen kommend und als nicht zu sich gehörend empfinden. Im Gegensatz zu Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, denn diese sagen viel häufiger: "Ich bin manisch- depressiv" als: "Ich habe eine manische Depression". Laut Siri Hustvedt werden bei psychischen Erkrankungen Krankheit und das Selbst einander also gleichberechtigt gegenüber gestellt.

Und so erlebt auch Siri Hustvedt das unkontrollierbare Zittern, dass, wie sie glaubt, mit ihren Emotionen verbunden ist. Den Emotionen, zu denen sie keinen bewussten Zugang mehr hat.

Die zitternde Frau

In ihrem Inneren hat irgendwo eine Spaltung stattgefunden, von der sie nichts bemerkte. Von einem Tag zum anderen gibt es sie: Die zitternde Frau, die völlig unabhängig von dem Willen der Autorin zu agieren scheint, aber dennoch etwas mit ihr, Siri Hustvedt zu tun hat. Aber was?
Hat diese Spaltung psychische Ursachen oder ist sie organisch bedingt? "Ist die Psyche etwas anderes als das Gehirn?", will die Autorin wissen.

Ursachenforschung

Siri Hustvedt beobachtet sich selbst, um diesen Fragen, dieser Frau in ihr auf die Spur zu kommen und sie beginnt "wie eine Besessene, wie mein Mann mir immer wieder sagte" zu lesen. Sie spielt mit dem Gedanken, vielleicht hysterisch zu sein, oder aber etwas verdrängt zu haben, was sich jetzt in diesen Körpersymptomen äußert. Sie denkt dabei an den Verlust ihres Vaters, den sie sehr geliebt und dem sie sich immer nah gefühlt hat. Sie begann zu zittern, als sie eine Rede zu seinem Andenken hielt, nachdem er knapp drei Jahre zuvor gestorben war.

Hustvedt liest die Werke von Freud, Janet, Breuer, vergleicht sie mit neueren Schriften von PsychiaterInnen, NeurologInnen, TraumatherapeutInnen, die sich insbesondere mit den Folgen zutiefst traumatischer Erlebnisse wie Krieg, Gewalt im Elternhaus oder dem Überleben einer Katastrophe befassen.
War der Verlust des Vaters ein traumatisches Erlebnis für Siri Hustvedt und hat sich ein Teil ihrer Persönlichkeit abgespalten, eben diese zitternde Frau, damit die andere, die gut funktionierende Autorin, weitermachen konnte, als sei nichts geschehen?

Existenzielle Fragen

Mit klarem, nüchternem und niemals bewertendem Verstand vermittelt die Autorin komplexe Zusammenhänge von Körper, Seele, Geist und das Ringen verschiedenster ExpertInnen darum, zu verstehen, wie Phänomene wie die multiple Persönlichkeit entstehen und was sie über Identität, das ICH oder eine Persönlichkeit aussagen können.
"Wer besitzt das Selbst? Ist es das ´Ich´? Was bedeutet es, ganz zu sein und nicht in Stücken?" fragt die Autorin. Welche Bedeutung haben Träume? Haben Tiere ein Bewusstsein? Was ist ein Bewusstsein?
Sie sucht weiter und dringt in immer tiefere Schichten der Auseinandersetzung mit der Psyche des Menschen und seinem Körper vor.

Die Funktionen des Gehirns

Während ihrer beinahe fieberhaften Recherche fühlt die Schriftstellerin in sich weiterhin die Andere, die zitternde Frau und hinterfragt die Bedeutung der Dualität des Menschen, der zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen hat, und nicht zuletzt zwei Gehirnhälften, die auf komplizierte Weise zusammenarbeiten.

Oder auch nicht, wenn das Hirn etwa verletzt ist und der Mensch Teile seines Körpers oder Fähigkeiten, wie das Sprechen zum Beispiel, als nicht mehr zu sich gehörig empfindet. Oder wie bei der Multiplen Persönlichkeit, die ´die Anderen´ als nicht zu sich gehörig begreift, obwohl das Gehirn gesund ist.

Integration und Heilung

All diese Fragen, über die die Wissenschaft bis heute brütet, kann auch Siri Hustvedt nicht beantworten.
Und doch fasst sie das Wesentliche zum Schluss des Buches prägnant zusammen. Sie stellt fest, was auch ein Mensch, dessen Gehirn geheilt werden konnte und der sich wieder als "Ganzes", als "Selbst erlebt, eine Traumatisierte nach Verarbeitung des Traumas, oder eine Multiple Persönlichkeit feststellen könnte, wenn sie ´Die Anderen´ kennen gelernt hat: "... habe ich mich viel schwerer getan, die zitternde Frau in meine Geschichte zu integrieren, aber je vertrauter sie mir wurde, umso mehr geht sie von der dritten Person in die erste über... wird Teil meines Selbst"

AVIVA-Tipp: Ein nicht ganz leicht zu verstehender Stoff, der viel Zeit, Geduld und einiges an Wissen erfordert, um den Gedanken der Autorin über so viele verschlungene Pfade, gespickt mit fundiertem Wissen über Psychoanalyse, Neurologie und Psychiatrie wirklich folgen zu können.
Aber es lohnt sich, dieses Werk zur Hand zu nehmen. Es ist ein kluges und kühnes Buch, das immun ist gegenüber Vorurteilen, Krankheiten betreffend, das empathisch und doch sachlich bleibt, und das last but not least einen mutigen Tabubruch darstellt. Unbedingt lesen!

Zur Autorin: Siri Hustvedt wurde am 19.02.1955 in Northfield, Minnesota, als älteste von vier Töchtern eines norwegisch-amerikanischen Professors für Skandinavistik und einer norwegischen Einwanderin geboren. Nach dem Besuch des St. Olaf College in Northfield, das sie 1977 mit B.A. in Geschichte abschloss, arbeitete sie zunächst als Kellnerin. 1978 ging sie zum Studium nach New York. 1979 erwarb sie an der Columbia University den M.A. in Anglistik. 1986 wurde sie mit einer Arbeit über Charles Dickens ("Figures of Dust. A Reading of ´Our mutual friend´") zum PhD promoviert. Im Februar 1981 lernte sie den Schriftsteller Paul Auster kennen, den sie 1983 heiratete und mit dem sie einen Stiefsohn und eine Tochter hat. Heute arbeitet Siri Hustvedt als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Norwegischen. Bekannt wurde sie mit den Romanen "Die unsichtbare Frau", "Die Verzauberung der Lily Dahl" "Die Leiden eines Amerikaners" und, vor allem, mit dem internationalen Bestseller "Was ich liebte".(Quelle: Verlag Rowohlt)

Siri Hustvedt
Die zitternde Frau

Originaltitel: The Shaking Woman or A History of my Nerves
Übersetzung: Seite 1-111 Uli Aumüller / Seite 112 -236 Grete Osterwald
Rowohlt Verlag, erschienen: 16.01.2010
Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-498-03002-5
18,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA – Berlin:

"Die Leiden eines Amerikaners"

"Was ich liebte"

"Die unsichtbare Frau"




Literatur Beitrag vom 02.02.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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