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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.04.2010

Helene Hegemann - Axolotl Roadkill
Kristina Tencic

Nach Bekanntgabe des Plagiats nahmen viele KritikerInnen ihr Loblied zurück, mit dem sie vorher die junge Autorin zum Bestseller machten. Lesen Sie hier die AVIVA-Rezension die kein Vorher kennt.




Viel wurde über die Berliner Schriftsteller-Göre berichtet, verstärkt hat sich der ganze Trubel natürlich, seit die Plagiatsvorwürfe an die Öffentlichkeit kamen. Aber erst mal ganz langsam: Die siebzehnjährige Helene Hegemann veröffentlicht ein Buch, das auch gleich im Ullstein Verlag erscheint, ein Kurzfilm und ein Theaterstück gibt es auch schon, und die Jungautorin wird quasi über Nacht zum gelobten "Wunderkind" der zeitgenössischen deutschen Literatur. Doch Oh Graus, ein Blogger macht kurze Zeit nachdem die FAS, die Zeit und etliche andere Feuilletons "Axolotl Roadkill" als Meisterwerk gefeiert haben die Entdeckung, dass zahlreiche Passagen mit dem inzwischen auch veröffentlichten Blog des Underground-Autors Airen übereinstimmt.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, setzt Hegemann zu einem erneuten Schachzug gegen die sich verschwörende Medienwelt an und sagt sinngemäß: "In Zeiten des Internets ist das Urheberrecht sowieso von gestern und genau das nicht-Ausweisen von Zitaten gehört nun mal zum Zeitgeist. Ihr versteht das nur noch nicht!"

Aha, dachte sich das ohnehin schon verwirrte Literaturpublikum, die meisten davon natürlich aus der "Erwachsenenwelt", gegen die Hegemann so eifrig mit unzähligen unsäglichen Worten wettert. Und ein kleines Schmunzeln entlockte es den KritikerInnen, bevor nach Bekanntgabe der Nominierung von "Axolotl" zum Deutschen Buchpreis zum großen Schlag ausgeholt wurde, die "Leipziger Erklärung zum Schutze geistigen Eigentums" verfasst und mit großen Namen der deutschen Literatur versiegelt wurde.

Spitzzüngig waren die KritikerInnen daraufhin wieder am Werke, riefen den Kampf der Literaturgenerationen aus und, obwohl viele es eigentlich schon leid waren über den nach der Plagiatsentlarvung vielfach zerrissenen Berliner Wohlstandsverwahrlosungsroman überhaupt noch ein Wort zu verlieren, gaben sie der Diskussion nur noch mehr Input. Hinter dem Dialog vermutet Elke Heidenreich etwa, dass hier "zu viele eitle Hahnenkämpfe" unter den LiteraturkritikerInnen zu verzeichnen waren, denn was da über den/die ZeitungsleserIn hereinbrach ließ diese gleichermaßen außen vor.

Der Spießrutenlauf der Siebzehnjährigen durch die Kulturszene Deutschlands ging weiter mit einem Besuch bei Harald Schmidt, der das Enfant Terrible des Berliner Sex, Drugs und Techno-Romans zur gleichrangigen Gesprächspartnerin adelte. Aber Techno sei doch Neunziger und Out, wurde sie von Schmidt mit ihrem Text konfrontiert. Nein, sowas hätte sie nie geschrieben, und setzte keck hintenan, dass dieser Teil wahrscheinlich von ihr abgeschrieben wurde und sie sich deswegen nicht erinnere.

Worum geht´s überhaupt?

Aber zunächst einmal zum Roman selbst. Die Protagonistin Mifti ist eine sechzehnjährige Schulschwänzerin, die ihre Mutter durch einen Suizid verloren hat und nun in einer Wohnung mit offener Tür und Putzfrau lebt, es geil findet in Berlin zu sein, aber gleichzeitig auf den ganzen linksalternativen Quatsch "scheißt", um in ihrer Sprache zu bleiben. "Wohlstandsverwahrlosung" nennt man die Drogen- und Sexexzesse des jungen Mädchens dann, die uns in ihr Berliner vor-, in- und-nach-der-Nacht-Leben begleitet und mal erzählen möchte, wie es dort wirklich ist. Dumm nur, dass Hegemann zu diesem Zeitpunkt etwa noch nie im Berghain war, diesen Teil dem Blog entlehnt hat und ihre Authentizität darunter leidet.

Mit streckenweise schwulstig wirren Worten und Satzfragmenten möchte sie uns LeserInnen eigentlich nur eins klar machen, nämlich dass gar nichts klar ist: Jugend ist nicht gleich Jugend, erst recht nicht in Berlin, Erwachsene sind auch nicht das, was sie mal sein wollten, erst recht nicht in dieser Gesellschaftsschicht, und Urheberrechte, naja.

Was soll es bedeuten?

Soweit so gut. Aber was sagt der ganze Hype, nachdem er nun endlich zur Ruhe gekommen ist, denn nun über unsere Gesellschaft aus? Und sagt er überhaupt irgendetwas oder ist er nicht auch nur eine Worthülse, eine sinnentleerte Diskussion über literarische und literaturkritische Irrungen und Wirrungen (hier ist es übrigens nicht nötig, Fontane als Zitat auszuweisen)?

In jedem Falle war der Erstlingsroman von "Fräulein Wunder" ein Bestseller, was viel über die Literaturlandschaft aussagen kann. Zum einen etwa, dass, hätte Helene Hegemann nicht schon zu der Gruppe von Menschen gehört, die einen Verleger zum Abendessen einladen, ihre Aufzeichnungen wohl nichts weiter als ein in der Schublade liegender Versuch einer jungen Frau gewesen wäre, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten auszuprobieren.

Weiterhin bedient Helene Hegemann die Sensationsgier der Medien, nach dem Charlotte Roche mit "Feuchtgebiete" in Deutschland eine hohe Ekel-Messlatte vorgelegt hat, die es zu toppen galt. Das lässt sich mit einem Teenager recht gut bewerkstelligen. Hinzu kommt, dass sie nicht nur ihren LeserInnen einen verbalen Schrecken eingejagt hat sondern auch noch das worst-case-Szenario aller SchriftstellerInnen bedient, demzufolge eine Nullerjahre-Copy-Paste-Ära angebrochen ist, in der somit ihr Lebensunterhalt gefährdet ist. Es geht also nicht mehr "um meine Wahnvorstellungen" sondern um die Wurst.

Und dann ist da auch noch die Sache mit den Generationen, oder, wie es in der SZ beschrieben wurde: "Nicht um eine Generation geht es in ´Axolotl Roadkill´ sondern um ein Milieu" . Eigentlich schließt sich jedoch weder das eine noch das andere aus, denn es geht im Grunde um Inklusion vs. Exklusion. Sei es die ältere Generation, die paranoid und ambivalent versucht, sich das Buch zu erschließen, oder das "antibürgerliche Bürgertum, die intellektuelle und ästhetische Boheme" die versucht, sich in Exklusion zu üben – und hierbei eben von Helene Hegemann in die Mangel genommen wird.

Und schlussendlich noch eine kleine Bemerkung am Rande: Nicht nur der nach dem komischen pinken Getier benannte Roman war ein Erfolg, auch die Verkaufszahlen des Axolotls, einer Amphibie die nie über das Lurchstadium hinaus kommt, also immer ein Teenager bleibt, sind seither explosionsartig angestiegen. Wie war das nochmal mit Peter Pan, Pipi Langstrumpf und wie sie alle heißen? Eigentlich doch ein alter Hut.

AVIVA-Tipp: Vielleicht sollte frau nach all dem Tohuwabohu um Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill" einfach mal wieder auf die Meinung und den Geschmack der LeserInnen vertrauen und lediglich die Interessantheit der Debatte und die teils klugen Beobachtungen der Autorin hervorheben. Von der werden wir sicher in Zukunft noch viel hören – oder eben auch nicht, um es mit Hegemann zu sagen: "Ja, gut dass wir drüber gesprochen haben."

Zur Autorin: Helene Hegemann, 1992 in Freiburg geboren, lebt in Berlin. Im Winter 2007 wurde ihr Theaterstück Ariel 15 im Ballhaus Ost uraufgeführt und im darauffolgenden Jahr von Deutschlandradio als Hörspiel adaptiert. Ihr Drehbuch- und Regiedebüt Torpedo hatte im Oktober 2008 Premiere. Es wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet und lief im Sommer 2009 bundesweit in den deutschen Kinos. (Quelle: Verlagsinfo)

Helene Hegemann
Axolotl Roadkill

Ullstein Verlag, erschienen Februar 2010
Paperback, 208 Seiten
ISBN: 9783550087929
14,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Torpedo, der Debutfilm von Helene Hegemann


(Quellen: Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Die Welt, FAZ, FAS)



Literatur Beitrag vom 27.04.2010 Kristina Tencic 

   




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