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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 07.05.2010

Ulrike Almut Sandig - Flamingos
Claire Horst

"Flamingos stehen in Gruppen, aber jeder Einzelne ist allein." Diese Beschreibung hat Sandig ihrem Buch als Motto vorangestellt, und sie trifft auf ihre ProtagonistInnen genau zu. Eine leise...



... Melancholie liegt ├╝ber den Kurzgeschichten, die in dem Band versammelt sind.

Die 1979 geborene Ulrike Almut Sandig, bislang bekannt als Lyrikerin, hat als Absolventin des Leipziger Literaturinstituts lange an ihrer Sprache gefeilt. Und die Sprache ist es auch, die ihre Geschichten auszeichnet. Kein Wort zuviel, nur keine Aufregung, das scheint Sandigs Herangehensweise zu sein, und so werden auch die absurdesten Geschehnisse mit v├Âlliger Ruhe zur Kenntnis genommen. Ihre ProtagonistInnen sind BeobachterInnen ihres eigenen Lebens, ihnen geschieht etwas, ohne dass sie darauf Einfluss n├Ąhmen.

Zumeist sind es ganz gew├Âhnliche Dinge, mit denen sie sich herumschlagen. Im Gro├čteil der Texte geschieht gar nicht viel. Jemand ist gestorben und wird beerdigt, ein Kind geht mit der Mutter und deren Freund spazieren, ein kleines M├Ądchen begr├╝├čt die Schwester, die aus eine Klinik f├╝r Essst├Ârungen zur├╝ckkehrt. Wie die Landschaften, in denen die Geschichten spielen (die s├Ąchsische Provinz), sind auch die Ereignisse zum gro├čen Teil unspektakul├Ąr.

Selbst in denjenigen Geschichten, in denen sich Realistisches und Surreales treffen, bleibt die Sprache ruhig und unaufgeregt. Einer alten Frau w├Ąchst pl├Âtzlich ein drittes Auge auf der Stirn. Was folgt, ist ihr R├╝ckzug. Wie die titelgebenden Flamingos verl├Ąsst sie sich nur noch auf sich selbst, zieht sich vor der Umwelt zur├╝ck, obwohl sie nun eine versch├Ąrfte Wahrnehmung hat, sehen kann, was weit entfernt liegt.

Und gerade diese R├╝cknahme, die unemotionale Erz├Ąhlweise ist es, die die Leserin in einen eigent├╝mlichen Sog zieht. Dorothea Kupic entdeckt, dass ihr Muttermal sich in ein Auge verwandelt hat. Man k├Ânnte vermuten, sie w├╝rde jetzt schreien, kreischen, zum Arzt laufen. Bei Sandig sieht das anders aus: "Drei Augen also. Na dann, murmelte sie und tappte ins Badezimmer, wo sie das Licht aus lie├č und im Dunkeln ihre Z├Ąhne ins Glas legte. Trotzdem leuchtete ihr aus dem Spiegel das Blau ihres Stirnauges entgegen, bis sie die Badezimmert├╝r resolut hinter sich schloss und zu Bett wankte. Dort lag sie lange auf dem R├╝cken."

Das Leben st├Â├čt den Menschen in Sandigs Geschichten einfach zu. Etwas geschieht, geht vorbei, und die Menschen sind immer noch da. Irgendwie klarkommen mit den Ereignissen, irgendwie weitermachen, das ist ihre Aufgabe. Vielleicht deshalb ist der Tod ein zentrales Motiv in "Flamingos". Ihre Figuren sind h├Ąufig Trauernde, die sich mit einem Verlust auseinandersetzen m├╝ssen. Mitunter bleibt der Tote ein zentraler Gespr├Ąchspartner oder wird sogar zum Teil des eigenen Selbst. Anr├╝hrend sind Sandigs Geschichten deshalb, weil sie ohne gro├če Worte, ohne sich aufzudr├Ąngen von zentralen Themen erz├Ąhlen.

Niemand beklagt sich hier, n├╝chtern konstatieren die Figuren ihre Situation. Die Geschichte des kleinen M├Ądchens, dessen Mutter sich nur f├╝r den aggressiven Partner interessiert, liest sich dann so: "Irene w├Ąre gern jugendlich und in den Sommerferien. Ist sie aber nicht. Ich bin in den Sommerferien, laufe hinter Irene her und denke dabei: Und eins, und zwei, und drei, und vier, und immer so weiter. Auf ihrer rechten Potasche sitzt ein Schmetterling aus Glitzersteinen und wackelt hin und her. Und sechs. Entweder schaue ich auf diesen Schmetterling oder auf Irenes gerissene Ferse ├╝ber dem klatschenden Flipflop. Und acht. Wenn ich im Takt laufe, bleibt unser Abstand immer gleich." Das ist die ganze Handlung: Ein M├Ądchen l├Ąuft hinter der Mutter und deren Partner her zum See, w├╝nscht sich Zuneigung und f├╝hlt sich allein.

AVIVA-Tipp: Wie in ihren Gedichten gelingt es der jungen Autorin auch in ihren Prosatexten, in wenigen S├Ątzen eine dichte Atmosph├Ąre entstehen zu lassen. In jeder der elf Geschichten steht eine andere Figur im Zentrum, und Sandig gelingt der Erz├ĄhlerInnenwechsel m├╝helos. Die Stimme einer alten Frau nimmt man ihr ebenso ab wie die des jungen Vaters oder die des kleinen Jungen. Deprimierend sind ihre Erz├Ąhlungen trotz der Einsamkeitsthematik nicht. Eher machen sie nachdenklich und ein wenig melancholisch.

Zur Autorin: Ulrike Almut Sandig, 1979 geboren, aufgewachsen bei Riesa, lebt in Leipzig. Sie studierte Religionswissenschaft und Indologie sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Bisher erschienen die Gedichtb├Ąnde "Zunder" (2005) und "Streumen" (2007), das H├Ârbuch "der tag an dem alma kamillen kaufte" (2006, gemeinsam mit Marlen Pelny) und das H├Ârspiel "Hush Little Baby" (2008). Ihre Gedichte wurden vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Leonce-und-Lena-Preis 2009. "Flamingos" ist ihre erste Prosaver├Âffentlichung. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.ulrike-almut-sandig.de

Ulrike Almut Sandig - Flamingos. Geschichten
Sch├Âffling & Co., erschienen 2010
176 Seiten. Leinen.
17,90 Euro
ISBN: 978-3-89561-185-8


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