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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.05.2010

Susanne Messmer - Chinageschichten
Claire Horst

Wer könnte bessere "Chinageschichten" erzählen als Menschen, die seit über 70 Jahren in dem Land leben? Susanne Messmer hat Gespräche mit zwölf älteren Leuten geführt. Von der Opernsängerin bis...



... zum Müllsammler sind Angehörige aller sozialen Schichten vertreten.

Diese Vielfalt und Direktheit macht das Buch unglaublich spannend. Messmer, die Peking seit Jahren kennt, war schon oft auf die Alten aufmerksam geworden, die das Straßenbild der chinesischen Hauptstadt prägen. "Diese Menschen besetzen anders als in Deutschland selbstbewusst den öffentlichen Raum - ganz so, als pochten sie auf ihren Anteil an dieser Welt. Es hat beinahe etwas Herausforderndes für den, der ihre Geschichten von früher hört." Mit einer Übersetzerin hat sie sich auf die Suche nach GesprächspartnerInnen gemacht, und die hier festgehaltenen Erzählungen sind tatsächlich herausfordernd.

Besser zuhören, mehr Interesse zeigen an den Geschichten von früher, das sind Reaktionen, die die "Chinageschichten" in der Leserin auslösen. Denn diese ErzählerInnen haben mehr zu sagen als jedes Geschichtsbuch. Die japanische Besatzungszeit, Maos langer Marsch, die Kulturrevolution, der "Große Sprung nach vorne" samt Hungersnot, die rasante Erneuerung Chinas, all das gehört zur Lebenserfahrung der alten Menschen. Fast alle haben Angehörige durch Hunger verloren, viele wurden umgesiedelt, mussten Selbstkritik üben, erlebten gleich mehrere Umschwünge der Gesellschaft.

Messmer hält sich strikt an die Regeln der oral history. Ihre ProtagonistInnen kommen selbst zu Wort, deren Aussagen hält sie unkommentiert fest. Von der Autorin selber stammen die wunderbar aussagekräftigen Portraitfotos, mit denen jede Person vorgestellt wird, und wenige Zwischenrufe, die die Gesprächssituation verdeutlichen. Doch meistens spricht das Erzählte für sich, denn die Lebensgeschichten der GesprächspartnerInnen haben es in sich.

Wie unterschiedlich der Parteikommunismus, die Alphabetisierungskampagne oder der Kampf gegen die Großgrundbesitzer von den einzelnen Befragten eingeschätzt wird, spricht Bände. Für den ehemaligen Diplomaten Lü Guangyi, geboren 1929, bedeutete die Revolution vor allem die Befreiung von der japanischen Besatzung: "Niemand sollte weiter ausgebeutet und betrogen werden. Niemand sollte weiter Sklave sein." Der 1929 geborene Niu Xianfang dagegen gehörte immer zur untersten sozialen Schicht und muss auch heute noch Müll sammeln, um seine Rente aufzubessern. In seiner Erzählung ist China eine ungerechte Gesellschaft, in der Emporkömmlinge auf Kosten anderer belohnt werden. Er wirkt resigniert: "Und dann brach die große Hungersnot aus. Wir bekamen Essensmarken, doch das reichte nicht. Ich musste jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, ich war ganz erschöpft. Vor lauter Hunger schwoll mein ganzer Körper ab, ich habe deshalb noch heute Probleme mit meinen Beinen. Doch was sollten wir tun?" Andere GesprächspartnerInnen sind voller Energie, der 1927 geborene Liu Shuzhi gibt heute noch jungen Leuten Sprachunterricht und interessiert sich für das, was in der Gesellschaft vor sich geht.

AVIVA-Tipp: Susanne Messmer lebt seit einigen Jahren in Peking und hat bereits einen Dokumentarfilm über die Punk- und Rockszene der Stadt gedreht. Dennoch war es nicht einfach, den Kontakt zu den alten Leuten herzustellen, schreibt sie im Vorwort. Zu reserviert waren viele, manchmal auch ihre Angehörigen, der neugierigen Journalistin gegenüber. Umso erstaunlicher ist es, wie offen und kritisch die zwölf Menschen sich zeigen, die sie schließlich gefunden hat. Trotz aller Entbehrungen wirken die meisten von ihnen lebensfroh, lebendig und neugierig. Eine Nebenwirkung des Buches ist sicherlich nicht ungewollt: Obwohl die Lebensumstände dieser Menschen ganz andere sind als die europäischer Großmütter und Großväter, erscheint doch vieles vertraut. Ihre Freude darüber, dass ihnen endlich einmal jemand zuhört, ist ihnen anzumerken. Und das China, von dem sie berichten, wird mit jeder gelesenen Seite vertrauter und weniger "exotisch".

Zur Autorin: Susanne Messmer wurde 1971 geboren. Sie lebt und arbeitet als Autorin und Journalistin in Berlin und Peking. Für Fly Fast Concepts ist sie als Agentin für den asiatisch-europäischen Kulturaustausch unterwegs. Sie hat mit George Lindt den Dokumentarfilm "Beijing Bubbles" über Punk und Rock in China gedreht. 2008 erschien ihr literarischer Reisebegleiter "Peking" im Insel Verlag. (Verlagsinformationen)

Susanne Messmer
Chinageschichten

Verbrecher Verlag, erschienen am 30. September 2009
310 Seiten
14,00 Euro
ISBN 978-3-940426-42-0

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Literatur Beitrag vom 20.05.2010 Claire Horst 

   




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