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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 31.05.2010

Mircea Cantor
Marie Heidingsfelder

Manchmal scheint das Glück auf: Unerwartet, unangemeldet und ganz plötzlich fällt man aus den gewohnten Gedanken mitten in die Besonderheit der Situation. Für sein Projekt "Tracking Happiness"...



...hat der junge rumänische Künstler Mircea Cantor solche Momente eingefangen.

Tracking Happiness
Am Straßenrand steht ein Mann, den Kopf gegen die Kälte eingezogen, die Augen geschlossen und die linke Hand tief in der Hosentasche vergraben. Mit der rechten hält er ein Schild in Richtung der vorbeifahrenden Autos - Doch die BetrachterInnen dieses Fotos werden nie erfahren, wohin der Mann trampen will: Die aufgehende Sonne spiegelt sich im Schild und löst den Namen in pures Licht auf. Für den Moment der Spiegelung verwandelt sich das irdische und notwendige Ziel eines zu kalten Morgens in die Suche nach Erleuchtung.

Mircea Cantors von ihm selbst gestalteter Katalog ist eine Schatzkiste für Momente wie diesen. Ohne Seitenzahlen und Text öffnet er einen sehr persönlichen Zugang zu dem, was ihn als Mensch und Künstler beschäftigt: Wie in einem Ideenbuch findet man ohne Ordnung ältere und aktuelle Werke, aber auch viele Fotografien, von dem, was ihn inspiriert: Spuren im Schnee, Zeitungsausschnitte, Schaufenster voller Gardinen, Fotos seiner Kinder - immer wieder gelingt es ihm, den BetrachterInnen zu zeigen, was sie täglich über-sehen.
Dieser aktuelle Katalog ist bereits der dritte des bildenden Künstlers und erschien anlässlich der Ausstellung "Tracking Happiness" in Zürich 2009 und "Klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben" in Heidelberg 2010.

Auf der Suche nach Mechanismen staatlicher Kontrolle
Einem Künstler, der in 1977 Transsylvanien geboren wurde und das kommunistische Ceauescu-Regime mit seiner ständigen Überwachung erlebt hat, unterstellt man schnell, diese Erfahrung in der Kunst zu verarbeiten.
Im Fall von Mircea Cantor ist das zwar zweifellos reduzierend, aber nicht falsch. Auf sehr poetische Art und Weise legt er die Mechanismen von staatlicher Kontrolle und Protest offen, ohne dabei das Spielerische seines Werks zu verlieren. So stellte er 2009 in Zürich eine riesige Reitpeitsche aus, die aus den Flaggen der G8-Staaten geflochten ist. Kontrolle, Machtansprüche, Dominanz - all das liegt nicht nur in der Luft, sondern durchschlängelt in lässig bunter Anmut den Raum.
Immer wieder geht es auch um Migration und um das Aufeinanderprallen von Kulturen in der globalisierten und technisierten Welt. So hat Cantor die Struktur eines riesigen Kirchefensters für "Rosace" mit Getränkedosen nachgestellt oder auf der Biennale in Sao Paolo einen fliegenden Teppich präsentiert, bestickt mit Engeln und Flugzeugen. Buchstäblich ineinander verwebt vereinen sich so orientalische und okzidentale Traditionen mit der rationalen Logik des kapitalistischen Fortschritts im gemeinsamen Flug.
Für "Tracking Happiness" hat er sich außerdem mit den Phänomenen der steigenden Überwachung durch Kameras und der gleichzeitigen Kurzlebigkeit digitaler Daten beschäftigt. Die Datenflut an Informationen steigt unablässig, doch ein einfacher Knopfdruck löscht die digitalen Spuren unserer Existenz wieder aus.
Diese politischen Dimensionen durchdringen das Werk und den Katalog, "ohne sich in den Vordergrund zu drängen", so Kurator Ami Barak, der künstlerischer Leiter des "Département de l´Art dans la Ville" von Paris.

"I work pretty much by intuition"
…erklärte Mircea Cantor in einem Interview anlässlich der Biennale 2008 in Sao Paolo. In seinem Werk vereint er nicht nur fotografische und installative, sondern auch textuelle und filmische Techniken, so dass die Ausstellungen und der Katalog nicht nur thematisch, sondern auch auf der Ebene der Ausdrucksmittel von einer erstaunlichen Vielfalt geprägt sind. Negativ fällt im Fall des Buches nur das Format auf, das häufig die Mitte der meist doppelseitigen Abbildungen verschluckt und sich durch konstantes Zufallen gegen das Blättern sträubt

AVIVA-Tipp: Den Spuren von Mircea Cantors Glückssuche zu folgen, schärft nicht nur den Blick für Phänomene der globalisierten Welt, sondern auch für die kleinen Besonderheiten des Alltags. Anregend, inspirierend, überraschend und immer wieder einfach schön.

Zum Künstler: Mircea Cantor wurde 1977 im transsilvanischen Oradea geboren. Er lebt und arbeitet in der Welt, hauptsächlich aber in Paris und der rumänischen Kunstszene. Das Aufeinander treffen von Kulturen, Traditionen und Weltsichten prägt nicht nur sein Leben, sondern auch sein vielfältiges Werk. Als bildender Künstler hat er sich seit vielen Jahren international einen Namen gemacht und kann bereits auf zahlreiche Einzelausstellungen, darunter auch im Museum of Art in Tel Aviv, zurück blicken. Weitere Infos und Kontakt: www.mirceacantor.ro

Mircea Cantor
Kehrer Verlag, erschienen Oktober 2009
Softcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-86828-107-1
27 Euro

Literatur Beitrag vom 31.05.2010 Marie Heidingsfelder 

   




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