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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.06.2010

Cyrille Fleischman - Rendezvous an der Metro Saint-Paul
Marie Heidingsfelder

"Er war kein Geograph, aber er hatte die Gewissheit gewonnen, dass sich der Mittelpunkt der Welt auf der Vertikalen der Metrostation Saint-Paul befindet" - Zwölf bezaubernde Novellen aus dem Marais



1831 schrieb Victor Hugo in seinem "Glöckner von Notre Dame" folgende Zeilen über das Marais, das traditionell jüdische Viertel von Paris und seine BewohnerInnen:
"Zigeuner, entlaufene Mönche, versumpfte Studenten, Schurken aller Nationen, wie Spanier, Italiener, Deutsche, und alle Religionen, Juden, Christen, Mohammedaner, Götzenanbeter, am Tag bettelnd, nachts als Räuberbanden ausschwärmend ... "

Wunderbar wunderlich geht es dagegen zwischen den Metrostationen "Saint-Paul" und "Bastille" zu, wenn man sich an Cyrille Fleischmans Novellen hält. "Le plus yiddish" unter den Pariser SchriftstellerInnen nimmt seine LeserInnen an die Hand und führt sie von den heute touristisch erschlossenen Straßen des Marais gradewegs in die Hinterhöfe, Küchen und Geschäfte - mitten in den Alltag der Fünfziger Jahre.
Die Novellen des Autors umfassen selten mehr als zehn Seiten und organisieren sich um originelle Personen oder seltsame Ereignisse. Nicht, dass etwas Weltbewegendes passiert, aber in jeder der kleinen Geschichten spürt man, was die Menschen in dieser Welt bewegt. So entwirft der Autor ein Kaleidoskop von bunten, fantasievollen und oft überzeichneten Eindrücken, die in ihrer Gesamtheit das Lebensgefühl zwischen der "Rue de Turenne" und der "Rue du Roi-de-Sicile" widerspiegeln.

Der Rentner Leopold Guilgoulski will ein Luxushund werden, der Dichter Prevermann verkauft bei seinen Lesungen nur noch Butterbrote, Doktor Ydnovski entschlüsselt mit einem selbsterdachten Zahlencode heilige Texte - von dieser Art Personen und Motive handeln die Novellen Fleischmans. Aber noch bevor man irritiert zur nächsten vorblättern kann, siegt die Neugier über das Misstrauen und man lässt sich fallen in das Netz der Erzählfäden, verläuft sich in den Gassen des Marais und steht schließlich doch verblüfft am Ende des Textes. Schicksalhaftigkeit mischt sich mit der Leichtigkeit von Träumen, Humor mit Poesie und hinter allem steckt die Liebe des Autors zu seinem Wohnort.
Fleischmans ProtagonistInnen sind selten besonders sympathische Zeitgenossen, oft sind sie weltfremd, eitel, egoistisch oder misstrauisch. Aber der scharfe Blick des Autors richtet sich voll Ironie und Wohlwollen auf ihre Schwächen. Er führt sie ein bisschen vor, gönnt ihnen aber ihre Träume und gestattet es sogar Leopold Guigoulski, nicht nur ein Luxushund, sondern im Anschluss auch eine Luxuskatze zu werden.

Man lacht, man ist berührt, man staunt - und doch ist "Rendezvous an der Metro Saint Paul" nicht nur ein Buch für die Badewanne und die nächste Zugfahrt nach Paris: En passant zeigt Cyrille Fleischman die schwierige Geschichte des Marais, in dem Juden aus Ost und West seit dem 13. Jahrhundert trotz vieler Vertreibungen immer wieder eine Heimat gefunden haben. Man versteht die Heimatverbundenheit, die Weltfremdheit und das Misstrauen der ProtagonistInnen und lässt sich vom Lokalkolorit des Autors in das Bewusstsein dieser Jahre entführen.
Hinter all dem Humor spürt man außerdem immer wieder die tiefe Nostalgie Fleischmans um die vergangene Kindheit, das Leben und die Geschichten dieser Zeit. Bei seinem Rendezvous an Saint-Paul ist er nicht mit jemand bestimmten verabredet, sondern trifft eine andere Zeit, ihre BewohnerInnen - und sich selbst.

AVIVA-Tipp: Eine wunder-volle Sammlung von Lebensausschnitten, die ein ganzes Zeitgefühl kondensieren. Eine Einladung an die Tische der jüdisch-aschkenasischen Gemeinde. Ein Grund mehr, nach Paris zu fahren - und all das in U-Bahn-tauglichen Novellen.

Zum Autor: Cyrille Fleischman wurde 1941 in Paris geboren und ist als Autor zahlreicher Novellen bekannt, in der er aus der Welt der aschkenasischen Juden im Paris der Fünfziger Jahre erzählt. Er wuchs dort auf, wo seine Geschichten spielen: In der Rue Saint-Antoine, mitten im traditionellen jüdischen Viertel, dem Marais. Cyrille Fleischmans Vater verbrachte einen Großteil seines Lebens im Gebetssaal der Synagoge, seine Mutter war Inhaberin eines Tapetengeschäftes. 1987 erhielt der Autor den Prix de la nouvelle de la ville de Mans für seine erste Novellen-Sammlung.

Cyrille Fleischman
Rendezvous an der Metro Saint-Paul

Titel der französischen Originalausgabe: Rendez-vous au métro Saint-Paul, 1992
Philo Verlagsgesellschaft, erschienen Juni 2002
Broschiert, 90 Seiten
ISBN: 978-3865722669
14,80 Euro

Literatur Beitrag vom 04.06.2010 Marie Heidingsfelder 

   




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