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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 01.07.2010

Susan Sontag - Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963
Miriam Hutter

Die frühen Tagebücher der berühmten Intellektuellen Susan Sontag liegen seit dem Frühjahr 2010 nun erstmals auch auf Deutsch vor. Sie evozieren hohe Erwartungen in der an allergeheimsten Intimitäten...



... interessierten Leserin, da Sontag sich immer äußerst bedeckt hielt, was ihr Privatleben anging.

Vier Jahre nach dem Tod der großen amerikanischen Intellektuellen Susan Sontag hat ihr Sohn David Rieff ihre Tagebücher aus den Jahren 1947-1963 herausgegeben, die nun, zwei Jahre später, auch auf Deutsch vorliegen. "Wiedergeboren" ist dabei der erste Band von geplanten dreien.
Sontag hat ihre persönlichen Aufzeichnungen zusammen mit sämtlichen unveröffentlichten Schriften noch zu Lebzeiten an die University of California verkauft, wobei sie festlegte, dass sie frühestens fünf Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden dürften. Da somit eine Nicht-Veröffentlichung von vornherein ausgeschlossen war, entschied sich Rieff, der moralische Bedenken hatte, die Tagebücher selbst herauszugeben.

Die amerikanische Jüdin Susan Sontag, die vor allem mit ihren kulturkritischen Essays bekannt geworden ist, war auch als Schriftstellerin, Filmemacherin und Theaterregisseurin tätig und tat sich durch ihr politisches Engagement hervor. Das breite Interesse an ihrer Persönlichkeit lässt sich aber vor allem auch durch ihre glamouröse Erscheinung erklären, die von Andy Warhol in seinen Screen-Tests verewigt, und von Diane Arbus und Annie Leibovitz photographiert wurde. Als schillernde Person des öffentlichen Lebens hat sie ein großes Interesse an ihrem Privat-Ich hervorgerufen, das nun durch ihre Tagebücher Nahrung erhalten könnte.

Denn was ihre Gedanken zu Kunst, Politik, Philosophie waren, das ist uns bis zu einem gewissen Grad aus ihrem Werk bekannt. Wie aber dachte und fühlte eine große Intellektuelle, die sich gleichzeitig im Zentrum der Bohemeszene New Yorks befand, hinsichtlich ihres eigenen Lebens?

"Ich schreibe, um mich selbst zu definieren – ein Akt der Selbsterschaffung – Teil des Selbstwerdungsprozesses"

Die frühen Tagebücher Sontags versprechen eine Antwort auf die Frage nach ihrem Privatleben, die sie jedoch auf eine andere Weise geben als erwartet. Wer die Sontag-Biographie von Daniel Schreiber zuvor gelesen hat, würde keinesfalls annehmen, dass die Liebe zu Frauen auch in ihren jungen Jahren schon eine so große Rolle gespielt hatte. Bei ihm werden Harriet Sohmers Zwerling und Maria Irene Fornes verschämt unter "Bekanntschaften" aufgeführt, wohingegen beide für Sontag deutlich mehr bedeutet hatten.

Hatte die (naive) LeserIn die unrealistische Erwartungshaltung, auf ein "konventionelles" Tagebuch zu stoßen, das den Tagesablauf und die eigenen Emotionen in den Mittelpunkt stellt, so werden diese (selbstverständlich) auch enttäuscht.
Unausweichlich scheint nach dem Lesen des Buches, dass Sontags ausgeprägter Intellekt, auch in jungen Jahren schon, das Tagebuchschreiben dominiert.
Die hochbegabte Sontag nämlich, die mit drei Jahren lesen lernte, mit neun Jahren schon diverse Klassiker der Weltliteratur verschlungen hatte und mit sechzehn Jahren an ihrem College an Graduate-Programmen teilnahm, war von Anfang an "vergeistigter" als andere Gleichaltrige.

"Diesen Sommer möchte ich mich auf Aristoteles, Yeats, Hardy und Henry James konzentrieren…"

Sontags Wissensdrang, ihre Leidenschaft für die Philosophie, die Literatur, die Künste im Allgemeinen, die sich in ihrem Werk zeigt, nimmt auch in ihren Notizen einen großen Raum ein.
Alles was sie las, hörte und sah, reflektierte sie in ihren Tagebüchern, wobei sich ihre ausgeprägte Kritikfähigkeit auch schon in jungen Jahren zeigte.
Nachdem sie mit sechzehn Jahren den Autor ihres Lieblingsbuches "Der Zauberberg" getroffen hatte, schrieb sie später über die notierten Aussagen Thomas Manns: "Die Kommentare des Autors verraten das Buch durch ihre Banalität." Sontags breitgefächertes intellektuelles Interesse zeigt sich in kürzeren Ausführungen zu Literatur, Theologie, Film, Theater und Musik und vor allem auch in den langen Listen von Büchern, die sie lesen möchte. Hier wird ganz klar das Bildungsgrundgerüst für ihre späteren Arbeiten gelegt.

Das Aufstellen von Listen, das sie ihr ganzes Leben lang betreiben sollte durchziehen ihre Aufzeichnungen. So fertigte sie auch Listen von Wörtern an, sammelte Zitate und erstellte Listen die ihr als Bestandaufnahmen dienten, oder einer Selbstermahnung glichen. So schrieb sie 1957:

"Woran glaube ich wirklich?
Ans Privatleben
An die Aufrechterhaltung der Kultur
An Musik, Shakespeare, alte Gebäude

Was macht mir Freude?
Musik
Verliebt sein
Kinder
Schlafen
Fleisch

Meine Fehler
Unpünktlichkeit
Lüge, rede zu viel
Faulheit
Mangelnder Wille zur Verweigerung"


Das Verliebtsein und das Begehren spielen in Sontags Tagebüchern eine große Rolle. 1948 notiert sie, sie habe "ein sehr unmittelbares, ausgesprochen qualvolles Bedürfnis nach körperlicher Liebe und seelischer Gemeinsamkeit". Während Daniel Schreiber in seiner Sontag-Biographie von 2007 noch die Beziehung zu Philip Rieff als die wichtigste in Sontags jungem Leben ausmacht, legen ihre eigenen Ausführungen eine andere Sichtweise nahe. Es ist das lesbische Begehren, dem Sontag innerhalb dieses Themenkomplexes hier die meisten Zeilen widmet. Im Konflikt mit den heterosexuellen Anforderungen der Gesellschaft, denen sie sich ausgesetzt sieht, wird ihr immer klarer, dass dieser Anteil ihrer Persönlichkeit ausgelebt werden möchte, ausgelebt werden muss:

"Ich kenne jetzt die Wahrheit – ich weiß, dass es gut und richtig ist zu lieben – irgendetwas in meinem Innern hat mir die Erlaubnis gegeben zu leben –
Jetzt fängt alles an – ich bin wiedergeboren."


Ihr Drang sich ins Leben zu stürzen, welches ihre intellektuellen Bedürfnisse immer begleitete, erfährt durch das Ausleben ihrer lesbischen Identität neuen Aufschwung.
Seltsam abrupt folgt dann, nachdem sie ein Stipendium für die renommierte Chicago University angenommen und dort zu studieren begonnen hatte, die Heirat mit dem Soziologiedozenten Philip Rieff. Die Hochzeit selbst wird mit keinem Wort erwähnt, stattdessen schreibt sie: "Ich heirate Philip im vollen + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung."

Die folgenden fünf Jahre enthalten nur sehr wenige, oder gar keine Einträge, ihre Schwangerschaft und die Geburt von David thematisiert sie ebenfalls nicht.
Die Unvollständigkeit, die bestimmte Lebenszeiten einfach ausspart, lässt die LeserInnen mit ihrem eigenen Voyeurismus zurück, der sich beim Lesen fremder Tagebücher nicht vermeiden lässt.
Da sich die Tagebuchschreiberin, die nicht eine zukünftige LeserInnenschaft vor Augen hatte, an keinerlei Regeln halten musste, gleichen die Notizen, wie in diesem Fall, teilweise einem Fragment, das nicht immer leicht zugänglich ist.

Was den LeserInnen jedoch unzulässigerweise vorenthalten wird, ist die Kennzeichnung der vom Herausgeber vorgenommenen Auslassungen. In seinem Vorwort thematisiert Rieff diese zwar, begründet sie aber nicht für die einzelnen Fälle. Die vorgenommene Auswahl sollte seiner Ansicht nach ein "unbeschönigte[s] Porträt" von Sontag zeichnen.
Der Umgang mit den Auslassungen ist jedoch der einzige Wermutstropfen, der mit dieser Ausgabe einhergeht. Warum, so fragt sich die Leserin, dürfen wir nicht die unzensierte Fassung lesen?

AVIVA-Tipp: "Wiedergeboren", die Tagebücher von Susan Sontag, zeichnen das Bild einer jungen Frau auf der Suche, die mehr und mehr zu der wird, die sie sein möchte. Sie geben einen Einblick in die komplexe Gedanken- und Gefühlswelt der größten Intellektuellen Amerikas. Berührend und schön ermöglichen sie einen neuen Zugang zu der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Susan Sontag.

Zur Autorin: Susan Sontag wurde am 16. Januar 1933 in New York als Susan Rosenblatt geboren. Die Tochter jüdischer polnischer Einwanderer wuchs in Tucson, Arizona auf. Während ihre Eltern in China lebten, wurde verbrachte sie die frühen Kindheitsjahre bei ihren Großeltern. Als sie fünf Jahre alt war, starb ihr Vater an Tuberkulose. Den Namen "Sontag" erhielt sie von ihrem Stiefvater. Susan Sontag besuchte die High School in Los Angeles und studierte anschließend an den Universitäten von Berkeley und Chicago, später an der Harvard University. Weitere Studien betrieb sie nach ihrem Abschluss in Oxford und Paris. Zu Ruhm gelangte Sontag durch ihren Essay "Notes on Camp". Weitere wichtige Werke sind die Essay-Sammlung "Against Interpretation", der Band "Regarding the Pain of Others" und ihre Romane "The Vulcano Lover" und "In America". Zum Zeitpunkt des letzten Tagebuchs veröffentlichte sie ihren ersten Roman, "The Benefactor".
Susan Sontag erhielt diverse Auszeichnungen, unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2003), für "On Photography" den National Book Critics Circle Award, 2001 den Jerusalem-Preis oder den National Book Award (2000) für ihren historischen Roman "In America".
Am 28. Dezember 2004 starb Susan Sontag an Krebs.

Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963
Herausgegeben von David Rieff
Originaltitel: Reborn
Carl Hanser Verlag, erschienen März 2010
Gebunden, 384 Seiten
24,90 Euro
ISBN-13: 978-3446234949

Weitere Infos finden Sie unter: www.susansontag.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

David Rieff - Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag

Susan Sontag. Geist und Glamour. Die erste Biographie von Daniel Schreiber

Annie Leibovitz - Life Through A Lens

Literatur Beitrag vom 01.07.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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