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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 02.07.2010

Helga Kurzchalia - Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus
Anetta Kahane

Der Roman, erschienen im Juni 2010, ist geschrieben als poetischer Briefwechsel zwischen Lamara, einer Georgierin, und ihrer Familie in Ost-Berlin. Lamaras Sohn Dito, ein leidenschaftlicher ...



...Wissenschaftler, ist wegen seiner Liebe zu Clara in die DDR gezogen.

Liebe und das Ende der IllusionenLamara lebt in Tblissi - sie beschĂ€ftigt sich dort mit dem Reichtum alter Schriften, und sie ist der Mittelpunkt einer großen Familie. Der Roman beginnt an einem geschĂ€ftigen Tag im Herbst des Jahres 1984 mitten in Tblissi, als Lamara gerade 60 Jahre alt geworden ist, und er endet am selben Ort, doch vierzehn Jahre spĂ€ter. Die Zeit dazwischen ist voller UmbrĂŒche in der Familie, in Europa und auf der Welt. In Lamaras Briefen werden die Dramen dieser Jahre lebendig, denn in ihrem Alltag bleibt nichts abstrakt. Alles, was geschieht, hinterlĂ€sst eine Spur in ihrem Leben, die sie auf wundervolle Weise mitzuteilen weiß. Am anderen Ende des Briefwechsels sitzen "die Berliner", deren Leben so ganz anders verlĂ€uft als das der georgischen Familie.

Aus Lamaras Perspektive sind sie praktisch schon der Westen, ihr Leben ist vergleichsweise komfortabel und das DDR-Regime weit weniger chaotisch, korrupt und gewalttĂ€tig als das in der Sowjetunion. Lamara lĂ€sst keinen Zweifel daran, was sie vom sowjetischen Herrschaftssystem hĂ€lt. In Tblissi sind alle Illusionen ĂŒber den Sozialismus und seine Ideale lĂ€ngst vergangen und verbraucht. Zwar glaubt sie auch keinen Moment daran, dass die DDR darin mehr zu bieten hĂ€tte, doch bewundert und genießt sie die weit besseren Bedingungen in Berlin.

Der Roman handelt in der Tat vom Untergang des Kommunismus. Selten ist der treffender geschildert worden. Die LeserInnen spĂŒren seine quĂ€lende Agonie in den ersten beschriebenen Jahre und folgen in den darauffolgenden dem Strudel der Ereignisse. Dabei geht es um die "„große"“ Politik in ihren "kleinen" Wirkungen auf Lamaras Familie in Tblissi und Berlin. Die Geschichte reißt sie mit sich - allerdings auf ganz verschiedene Art. In Georgien fĂŒhrt der Zusammenbruch der Sowjetunion zu Mord, Krieg und Zerstörung. Die langersehnte UnabhĂ€ngigkeit von den Russen ist begleitet von Verfall, Armut und noch mehr Mangel. Die gesamte Infrastruktur bricht zusammen, Russland rĂ€cht sich fĂŒr den Eigensinn der Georgier. Ganz anders ist die Lage in Berlin. Die friedliche Revolution spĂŒlt die DDR davon, EnttĂ€uschung und Aufbruch, Wehmut und Hoffnung formen die Akkorde jener Zeit, die jedoch zu keinem Zeitpunkt so außer Kontrolle geraten wie in Georgien. Im Vergleich zu den dramatischen und blutigen Tönen dort klingen die Briefe aus dem sich wandelnden Deutschland wie eine sanfte Melodie.

Alles hat seinen Preis, das wird klar. Ohne den Sturz der Sowjetunion hĂ€tte es die Deutsche Vereinigung auf so friedvolle Weise nicht gegeben. Doch der Untergang dort brachte Tod und Verzweiflung, und der hier ein Fortbestehen von Illusionen. So wie sich in Deutschland die Illusion vom Sozialismus, vom "guten" System gehalten hat und wohl auch noch hĂ€lt, so stark ist auch das MĂ€rchen von der friedlichen Revolution. DafĂŒr musste Lamara bezahlen, irgendwo im fernen Georgien, fĂŒr das sich nur wenige RomantikerInnen zu interessieren scheinen. Lamara hatte bis zuletzt Sehnsucht nach dem Ort ohne Untergang, nach ihrem Sohn, der Familie und einem Leben voller lebendiger VerrĂŒcktheiten.

Die Sprache in Helga Kurzchalias Roman ist klar, spannungsvoll, poetisch, die Geschichten voller Ironie, subtilem Humor und ebenso voller dramatischer HĂ€rte. Die ErzĂ€hlweise ist Dialog und manchmal ein SelbstgesprĂ€ch. Es ist eine Familiengeschichte zwischen Welten und Kulturen, ein politischer Roman und das Psychogramm einer Epoche, das auch jene Seiten der Geschichte sichtbar macht, die wir hier in der Selbstbespiegelung der historischen Ereignisse aus unserer Sicht, fast immer ĂŒbersehen. Lamaras Familie treibt es in die Ferne. Sie selbst aber vergeht und lĂ€sst uns mit der Frage zurĂŒck, was wohl ohne alle Illusionen noch auf uns zukommen mag.

AVIVA-Tipp: "Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus" zeigt uns auf warmherzige und dennoch fordernde Weise, wie ĂŒberlebenswichtig es ist, genau hinzuschauen, wie das eine mit dem anderen zusammenhĂ€ngt und dass man auch fĂŒr eine ungewisse Zukunft auf der Hut sein muss. Ohne Illusion -– mit Liebe, so wie Lamara selbst.


Helga Kurzchalia
Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus

Lichtig Verlag, erschienen 2010
ISBN 3-929905-23-X
14 Euro
Weitere Infos unter: www.lichtig-verlag.de


Literatur Beitrag vom 02.07.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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