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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 07.07.2010

Edda Ziegler - Verboten - Verfemt - Vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Evelyn Gaida

Gibt es eine speziell weibliche Exilsituation und -erfahrung? Diese Frage sei schwer zu beantworten, so Ziegler. Dennoch zeigt ihr Buch geschlechtsspezifische Unterschiede auf, indem es von ...



... einem breitgef├Ącherten Ansatz ausgeht.

Die Literaturwissenschaftlerin und Dozentin stellt eine Galerie der Lebensl├Ąufe von Schriftstellerinnen zusammen, in deren Bahn das NS-Regime massiv und irreparabel einbrach. Bekannte und unbekannte, solche, deren Karriere auf diese Weise ein abruptes Ende fand, und andere, die zum Zeitpunkt der Nazi-Herrschaft bereits arriviert waren - von Else Lasker-Sch├╝ler und Ricarda Huch ├╝ber Mascha Kal├ęko, Erika Mann und Vicki Baum bis Gina Kaus und Rose Ausl├Ąnder. Zieglers Exilbegriff ist sehr weit gefasst. Er bezieht sich sowohl auf (j├╝dische) Autorinnen, die verfolgt und vertrieben wurden, als auch auf Schriftstellerinnen, die sich in die sogenannte "innere Emigration" zur├╝ckzogen, Deutschland aber nicht verlie├čen. Der Titel des Buches ist dabei irref├╝hrend. In den Blick genommen wird nicht das Thema "Widerstand gegen den Nationalsozialismus", sondern die Erfahrung des Exils und der Vertreibung.

Neuausgabe der "Verbrannten Dichterinnen"

"Verboten - verfemt - vertrieben" ist Zieglers zweiter Anlauf, diesmal ist ihr Buch im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen. Es ist eine revidierte und erweiterte Neuausgabe ihrer vorhergegangenen Monographie zum Thema, die im Jahr 2007 vom Artemis & Winkler Verlag unter dem Titel "Die verbrannten Dichterinnen. Schriftstellerinnen gegen den Nationalsozialismus" ver├Âffentlicht, aber wieder aus dem Verkehr gezogen wurde. Zahlreiche Passagen verletzten Urheberrechte von Hiltrud H├Ąntzschels B├╝chern "Brechts Frauen" und "Irmgard Keun" (Rowohlt 2001 und 2002) sowie weiterer Publikationen dieser Autorin.

Bruchstelle

Ziegler betrachtet die spezifischen Bedingungen schriftstellerischer Arbeit von Frauen, zeitgen├Âssische Frauenbilder und das Thema Exil unter verschiedenen Gesichtspunkten, in verschiedenen Auspr├Ągungen und L├Ąndern. Aufschlussreich ist dabei ihr Ausgangspunkt, die Zeit der Weimarer Republik, und deren transitorischer Charakter, womit die Autorin direkt an der Stelle des Bruchs, des Abrei├čens und der Entwurzelung ansetzt.

Verwaiste Autorinnen

Die Lebensbeschreibungen der Schriftstellerinnen sind ├Ąu├čerst knapp gehalten und geraten deshalb stellenweise unangemessen rigoros und oberfl├Ąchlich, so zum Beispiel, wenn Else Lasker-Sch├╝lers in Pal├Ąstina verfasste Dichtung als "weltfremd" und "schw├Ąrmerisch" etikettiert und simplifiziert wird. Die Portraits stehen recht verwaist zwischen den exil(literatur)geschichtlichen Erl├Ąuterungen, die jedes der sieben Kapitel ausf├╝hrlich einleiten. Zieglers eigenes Interesse galt offenbar dem historischen Hintergrund weitaus mehr, als den titelgebenden Autorinnen, denen sie nicht gerecht wird. Aus der groben Darstellung des Lebensweges der Schriftstellerinnen heraus ist die Logik ihrer Einordnung unter die jeweiligen Kapitel├╝berschriften oft nicht erkl├Ąrbar. Ziegler diagnostiziert eine weitgehende Vergessenheit der behandelten Autorinnen, denen vornehmlich literaturhistorisches statt literarisches Interesse entgegengebracht w├╝rde, geht aber selbst kaum auf ihr Werk ein. Die zeit- und literaturgeschichtlichen Erl├Ąuterungen lassen durch eingeschobene Exkurse ├╝ber einzelne Personen oder Aufz├Ąhlungen teilweise bessere Strukturierung und ├ťbersichtlichkeit vermissen.

Den Nerv der Erfahrung und Bedeutung des Exils legt Ziegler dennoch offen: das "Grundgef├╝hl existenzieller Verlorenheit" und Sprachlosigkeit sowie den extremen Kraftaufwand, den es erforderte, unter Voraussetzung einer solchen Deprivation und Verarmung ein neues Leben zu beginnen.

Von der Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur

Der Beginn der Weimarer Republik im Jahr 1919 hatte den Anbruch einer neuen Zeit markiert, in der die Frauenbewegung aus formalrechtlicher Perspektive einige ihrer wichtigsten Ziele erreicht hatte: Frauen durften w├Ąhlen, studieren, Abitur machen und berufst├Ątig sein. Mit der Verortung von Frauen auf dem Buchmarkt der 20er und fr├╝hen 30er Jahre skizziert Ziegler auch einen wichtigen Abschnitt weiblicher Identit├Ątssuche. Sie beschreibt die Schwierigkeiten von Frauen, sich literarisch zu etablieren, da Autorinnen vom Literaturmarkt seit dessen Entstehung um 1800 ausgegrenzt gewesen waren und eine durchgehende weibliche Schreibtradition fehlte. Mit der ┬┤Neuen Sachlichkeit┬┤ und ihren Pr├Ąmissen eines modernen, gro├čst├Ądtischen und kommerziellen Lebensstils ging auch das Bild der ┬┤Neuen Frau┬┤ einher, die berufst├Ątig, selbst├Ąndig und finanziell unabh├Ąngig war. Obwohl auch in der Literatur der ┬┤Neuen Frau┬┤ die Selbst├Ąndigkeit nur ├Ąu├čerlich blieb und die Berufst├Ątigkeit mit der Eheschlie├čung meist endete bzw. eine Polarisierung zwischen Berufsleben als Dasein ohne Liebe und Familienleben kreiert wurde - die nach wie vor der Realit├Ąt entsprach - gab es eine tats├Ąchliche Neuerung: Frauenrollen und -bilder wurden kontrovers verhandelt, offen und ├╝berg├Ąnglich. Dem setzte die Nazi-Diktatur mit ihrer regressiv-ideologischen Definition der Frau als Geb├Ąrerin, Hausfrau und Mutter ein brutales Ende und damit ebenso den Lebensentw├╝rfen einer Vielzahl von Schriftstellerinnen, die durch die Aussiedlung ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden - der eigenen Sprache. Sie blieb ihnen im fremdsprachigen Ausland haupts├Ąchlich als R├╝ckzugsort und letzte Bastion, als Exil im Exil.

"Vergebens"

Die j├╝dische Dichterin Mascha Kal├ęko besetzte das Bild der ┬┤Neuen Frau┬┤ f├╝r das bis dahin noch vakante lyrische Genre. Sie wurde zur jungen Expertin des Zeitungsgedichts, das Heines Zeitgedichte fortsetzte, zum literarischen Gl├╝cks- und Wunderkind, dem aus der Hand gerissen wurde, was es schrieb. Nachdem ihre Lyrik von den Nazis auf die ┬┤Liste des sch├Ądlichen und unerw├╝nschten Schrifttums┬┤ gesetzt wurde, war ihre Karriere beendet. Im Exil lebte sie vorrangig f├╝r Mann und Kind. "Vergebens./ Sie starb/ an den Folgen/ des Lebens" lauten die Verse, die sie f├╝r ihr Epitaph entwarf.
Selbst die privilegierte Erika Mann, die in Amerika den Nationalsozialismus als Vortragsreisende zum Thema ihrer Arbeit machte und als Kriegsberichterstatterin t├Ątig war, resignierte nach mehreren Umsiedlungen "bei der Vorstellung, sich angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten ein viertes Mal eine berufliche Existenz als Publizistin aufbauen zu m├╝ssen." Sie stellte ihre F├Ąhigkeiten schlie├člich in den Dienst des Vaters und dessen Werk, bezeichnete sich sp├Ąter selbstironisch als "blassen Nachlassschatten".

Verlust, Abstieg und Lebenswillen

Drastische und typische Verlusterfahrungen dieser Art wurden von einem z├Ąhen ├ťberlebenskampf und der Mobilisierung aller verbliebenen Energien begleitet, den Ziegler durch eine Mischung von Zitaten und eigenen Ausf├╝hrungen zur Zeitgeschichte eindrucksvoll darstellt. Mehr als die m├Ąnnlichen Autoren waren Schriftstellerinnen und Frauen insgesamt dazu bereit, den Lebensunterhalt f├╝r ihre Familie durch Jobs weit unter ihrem (Qualifikations-)Niveau zu verdienen. Das bedeutete einerseits, dass Frauen im Exil "auffallend h├Ąufig berufst├Ątig waren", andererseits, dass es von ihnen erwartet wurde, "die soziale Degradierung auf dem Arbeitsmarkt des Exillandes hinzunehmen", so Ziegler. Dar├╝ber hinaus war es f├╝r Frauen selbstverst├Ąndlich, hinter dem Mann zur├╝ckzustehen, wenn es um die erneute Aus├╝bung ihres eigentlichen Berufes im Exil ging. Sprachbarrieren, fehlendes Publikum, nicht vorhandene Publikationsm├Âglichkeiten, kulturelle Entwurzelung und Isolation setzten m├Ąnnlichen und weiblichen AutorInnen zwar gleicherma├čen zu - diese kontraproduktiven Arbeitsgrundlagen versch├Ąrften sich im Fall der Schriftstellerinnen jedoch durch weitere benachteiligende Umst├Ąnde ihres Schaffens. Die Krise des Exils deutet Ziegler auch als Krise weiblicher Selbstbestimmung. Das Buch liest sich dabei nicht ausschlie├člich als wissenschaftliche Untersuchung, sondern in seinen besten Momenten als lebendige Dokumentation, die das erzwungene Verstummen vieler Exil-Autorinnen sprechen l├Ąsst.

AVIVA-Tipp: Edda Ziegler wirft einen vielseitigen, aber formal und inhaltlich qualitativ durchwachsenen Blick auf die Erfahrung von Vertreibung und Exil sowie deren unausl├Âschliche Folgen. Die sehr kurzen biographischen Portraits bleiben weit hinter den Ausf├╝hrungen zum historischen Kontext und Hintergrund zur├╝ck, sodass sie zum Teil wie eine etwas kaltschn├Ąuzige Pflicht├╝bung wirken. Insgesamt erreicht das Buch, vor allem durch geschickt integrierte Zitate der EmigrantInnen, dennoch eine eindringliche Verdeutlichung des traumatischen Exil-Erlebnisses und des Kraftaktes, den der Aufbau einer neuen, oft lebenslang provisorischen Existenz den Vertriebenen abverlangte.

Zur Autorin: Dr. phil. Edda Ziegler ist Dozentin f├╝r Neuere Deutsche Literatur und Buchwissenschaft, Autorin literaturwissenschaftlicher Sachb├╝cher und Publizistin. Bis 2006 lehrte sie am Institut f├╝r Deutsche Philologie der Universit├Ąt M├╝nchen und leitete dort das Projekt MANUSKRIPTUM (M├╝nchener Kurse f├╝r Kreatives Schreiben). Sie ver├Âffentlichte neben Biografien ├╝ber Heinrich Heine und Theodor Fontane unter anderem ein Buch ├╝ber Heine und die Frauen und eine Biographie ├╝ber Christophine Reinwald, die Schwester Schillers. Edda Ziegler lebt und arbeitet in M├╝nchen. Weitere Infos und Kontakt:
www.edda-ziegler.de

Edda Ziegler
Verboten - verfemt - vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen Mai 2010
Taschenbuch, 368 Seiten
ISBN 978-3-423-34611-5
12, 90 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.dtv.de

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Literatur Beitrag vom 07.07.2010 Evelyn Gaida 

   




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