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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.07.2010

Elisabeth Rank - Und im Zweifel für dich selbst
Marie Heidingsfelder

"Ich fahre weg. Kommst du mit?" Als Lene erfährt, dass ihr Freund bei einem Autounfall gestorben ist, kann sie nicht in Berlin bleiben. Zusammen mit ihrer besten Freundin fährt sie los. Irgendwohin.



Ein Roadtrip durch den Osten

Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind fast so alt, beziehungsweise jung wie sie selbst: Anfang 20. Zwei Pärchen und ein WG-Mitbewohner, die alle in Berlin leben und studieren. Im Winter frieren sie auf dem Fahrrad, im Sommer spucken sie Kirschkerne von der Oberbaumbrücke und auch sonst ist ihr Leben eine Abfolge der alltäglichen Höhen und Tiefen, die ständig an kleinen Tischen über Schalen von Milchkaffee ausgetauscht werden. All dies erfahren die LeserInnen in Rückblenden von Tonia, Lenes bester Freundin und der Erzählerin des Romas, denn das Buch beginnt mit dem Tod von Tim - einem Ereignis, das den Lebensrahmen der vier übrigen und besonders natürlich dem seiner Freundin, einfach sprengt. Lene will weg aus Berlin, irgendwohin. Zusammen mit Tonia fährt sie los, planlos und quer durch das in der Sommerhitze flirrende Mecklenburg.

Die Welt in Fragmenten

"Und da war es wieder, das Schweigen, kein normales Schweigen, kein Innehalten, sondern ein Verlust. Bei jedem meiner Sätze kam ich mir lächerlich und unpassend vor, die Unsouveränität und die Angst klebten mir am Körper wie der Schweiß, der auf unserer Haut einen Film hinterließ. Fuhr man darüber, blieben winzige Staubpartikel und Hautschuppen auf der Fingerkuppe kleben. Wir schwiegen und dachten, vielleicht die Welt mache es uns nach, wir schwiegen, weil wir es nicht besser wussten, während das Drumherum weiterlief, die Katze sich auf der Treppe draußen vor der Tür die Pfoten leckte, ein junger Mann in Gummistiefeln die Straße hinunter spazierte und dabei zwei Äpfel wie Jonglierbälle vor sich in die Luft warf."

Zweifellos ist Elisabeth Rank eine großartige Beobachterin - sowohl die Umwelt, als auch die Seelenlandschaft der beiden Frauen betreffend. Sie schafft eine hohe Plastizität, eine körperliche Intensität, die fast weh tut. Man spürt den Staub auf der Haut, die Leere im Kopf, die ständige Anspannung und Orientierungslosigkeit.
Hier zeigt sich das Talent einer Autorin, die seit Jahren im Internet ihren Blog pflegt und dort in kurzen Texten den Alltag kommentiert, Stellung nimmt und Stimmungen einfängt. Auf die lange Distanz eines Romans ist diese Aneinanderreihung von Wahrnehmungsfragmenten einerseits sehr gelungen, weil sie die Welt in jenen Splittern wiedergibt, in die sie für Lene und Tonia zerfallen ist. Andererseits ist es... ermüdend. Elisabeth Rank legt so viel Bedeutungsschwere in jede Szene, dass man sich trotz des 200 Seiten dünnen Taschenbuchs fühlt, als trage man eine bleierne Last mit sich herum. Im übergrellen Scheinwerferlicht, in dem unzählige Details zu Symbolen werden, möchte man zwischendurch die Augen schließen.
Es wäre unfair, aus diesem Stil eine Schwäche zu machen, denn es gelingt ihr, genau jene Sprach- und Fassungslosigkeit einzufangen, die der Tod junger Menschen hinterlässt. In dieser Hinsicht ist "Und im Zweifel für dich selbst" auch ein mutiges Debüt über ein oft tabuisiertes Thema. Die Kritik ist also eine reine Geschmacksfrage. Zur Illustration: In einem ihrer Blogbeiträge berichtet Elisabeth Rank von einem Freund, der ihr rät, Mückenstiche gegen das Jucken kurz und heftig mit einem Feuerzeug oder heißem Löffel zu erhitzen, damit das eiweißhaltige Gift stockt. "Man müsse das üben, sagte er - dieses Üben an sich selbst, dachte ich, wie scheußlich, und konnte mir nicht vorstellen, den richtigen Moment abzupassen, die richtige Länge der Berührung von Löffel und Haut, ich bin jemand, der kratzt."
Dieses Kratzen an der Wunde, das ständige Reizen der Wahrnehmung entspricht dem Stil des Romans. Ich bevorzuge heiße Löffel.

AVIVA-Tipp : "Und im Zweifel für dich selbst" ist weder ein Generationenportrait, noch der Roman eines Lebensgefühls, wie der Klappentext behauptet, aber eine sehr gelungener Roadtrip-Story über Trauer, Sprachlosigkeit und Freundschaft. Ein Buch, das den Blick für Details schärft und mitnimmt - direkt auf die Rückbank des zu heißen Autos, direkt in die Fassungslosigkeit einer zerbrochenen Welt.

Zur Autorin: Elisabeth Rank wurde 1984 in Berlin geboren und ist vor kurzem nach Hamburg gezogen. Sie hat Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Europäische Ethnologie studiert und arbeitet als freie Autorin. "Und im Zweifel für dich selbst" ist ihr erster Roman, allerdings ist sie seit Jahren in der deutschen Bloglandschaft zuhause, wo sie ihr Verleger entdeckte. Neben dem Schreiben macht Elisabeth Rank auch Musik. Der Generation ihres "Generationenportraits fühlt sie sich nicht zugehörig.
Weitere Infos zur Autorin finden Sie unter www.suhrkamp.de, ihren Blog unter mevme.com und ein on3-Radio-Interview über ihr Debüt unter www.on3-radio.de und

Elisabeth Rank
Und im Zweifel für dich selbst

Suhrkamp Verlag, erschienen Februar 2010
Taschenbuch, 200 Seiten
ISBN-13: 978-3518461433
12,90 Euro


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