Anna-Elisabeth Mayer - Fliegengewicht - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.08.2010

Anna-Elisabeth Mayer - Fliegengewicht
Marie Heidingsfelder

Was sich nach dem Setting eines Drei-Groschen-Romans im Klinikmilieu anhört, entpuppt sich als literarisches Kunststück: Einfühlsam, humorvoll und trotz der großen Ernsthaftigkeit niemals schwer.



Als Kind liest man Bücher mit Drachen, Feen, Monstern, Hexen und Zauberern. Und regelmäßig entdeckt man nach Feierabend in der U-Bahn auch Erwachsene auf der Flucht vor der - zugegeben engen und leicht klebrigen - Realität. Sie hinterlassen seelenlose Körper und sind tatsächlich ganz weit weg. Oft im Mittelalter, manchmal auch im Hauptquartier eines internationales Ermittlungsbüros oder dabei, die Fleisch gewordene Version ihrer Träume an einem Strand in Südengland zu treffen.

"Fliegengewicht" von Anna-Elisabeth Mayer trägt nicht ganz so viele Kilometer fort und doch zuverlässig innerhalb von Sekunden in eine ganz andere Welt: In das Damenzimmer Nummer 5 der Kardiologie.
Dort liegen Frau Ott, Frau Blaser und Frau Ferdinand, herzkrank nach einem langen Leben. Außerdem liegt dort die Protagonistin des modernen Kammerspiels, ebenso namenlos wie die Klinik oder die Stadt und herzkrank nach einem vergleichsweise kurzen Leben. Der Krankenhaus-Logik entsprechend ist das Zusammentreffen der vier Frauen ein administrativer Zufall und wie zufällig wirkt auch das Interesse der Autorin an der plötzlich entstandenen Parallelwelt des Damenzimmers, in dem sich fast alle Handlungen abspielen.

Aus der Perspektive der jungen Frau und mit dem gleichen anfänglichen Befremden lernt man die Spielregeln des Klinikaufenthalts kennen - zwischen täglicher Visite, fehlender Privatsphäre, Langeweile, Quizshows im Fernsehen, Besuchen von Verwandten und der Komplizenschaft der gemeinsam zum Bleiben Verurteilten. Das heimliche Zentrum dieses Alltags ist Dr. Winter, der Frau Ott in seinen weißen Kleidern an einen Engel denken lässt. Nichts liegt für sie, deren Gedanken sich um die Schönheits-Ratschläge von Sophia Lorén und ihren Italienisch-Kurs auf Kassette drehen, näher, als ein Verhältnis ihres "Kükens" mit dem gut aussehenden Arzt. "Wir werden nicht mehr so viel erleben, sagte sie. Und kein Rendezvous mit dem Doktor haben. Sie aber sollen es haben.".

Ob sie will oder nicht - und ob man als LeserIn will oder nicht - wird diese fixe Idee zur Wette und damit zum Motor und Spannungszentrum eines Alltags, der trotz seiner Nähe zum Tod vor allem belanglos ist.

Trotz der strahlend blauen Huskyaugen und der eifersüchtigen Stationsschwester gerät die Autorin Anna-Elisabeth Mayer jedoch nie in den Verdacht der Trivialliteratur à la "Privatklinik Dr. Norden". Stattdessen erzählt sie die Annäherung zwischen Arzt und Patientin so behutsam und zurückhaltend, dass man das Gefühl hat, sie streife nur am Rande und ohne Neugier die Personen und Aktionen ihrer eigenen Fiktion.
Dieses literarische Streifen macht die Faszination von "Fliegengewicht" aus: Frau Ott war drei mal verheiratet und träumt von Italien. Frau Blaser träumt nur noch in Schwarz-Weiß. Frau Ferdinand will nicht, dass ihr mit einer Diätassistentin verheirateter Mann nur eine Banane zum Frühstück isst. Herr Abou aus dem Herrenzimmer hat immer Pistazien dabei. Frau Blasers Sohn hört CDs mit Vogelstimmen. All diese Details und noch viele mehr schweben wie angepustet im Raum und schaffen eine Atmosphäre, die trotz der Allgegenwart des Todes wie verzaubert wirkt - zwischen Erinnerungen aus langen Lebensjahren, erfüllten und unerfüllten Träumen und den ganz präsenten Freuden und Leiden der Gegenwart. Zwischen der Liebe des Lebens und Ananaskompott.

AVIVA-Tipp : "Fliegengewicht" ist stilistisch ebenso leicht, wie der Titel verspricht: Wie der Vogel auf dem Cover streift Anna-Elisabeth Mayer gleichsam humorvoll wie ernsthaft die großen Themen des Lebens und zeigt im Damenzimmer der Kardiologie die ganze Bandbreite des Herzens - Klopfen, Flattern, Zittern, Einschließen, schwer werden, aus dem Rhythmus geraten und still stehen.

Zur Autorin: Anna-Elisabeth Mayer wurde 1977 in Salzburg geboren und lebt in Wien. Dort studierte sie Philosophie und Kunstgeschichte und gab anschließend Alphabetisierungsunterricht für MigrantInnen. Parallel übernahm sie die künstlerische Leitung des Tanzstücks "Pasos Perdidos" am Theater des Augenblicks in Wien. Im Herbst 2005 begann sie ein Zweitstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie erhielt diverse Literaturstipendien und veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. "Fliegengewicht" ist ihr erstes Buch - im Mai 2009 wurde sie für dieses Projekt mit dem "Voralberger Literaturstipendium" ausgezeichnet.
Weitere Infos zur Autorin finden Sie unter: bachmannpreis.orf


Anna-Elisabeth Mayer
Fliegengewicht

Schöffling Verlag, erschienen August 2010
Gebunden, 220 Seiten mit Lesebändchen
ISBN-13: 978-3895611353
12,90 Euro


Literatur Beitrag vom 10.08.2010 Marie Heidingsfelder 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken