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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.08.2010

Katarina Bader - Jureks Erben. Vom Weiterleben nach dem Überleben
Miriam Hutter

Eine zutiefst berührende, sehr persönliche Geschichte über den Zeitzeugen und Menschen Jurek Hronowski und die Autorin selbst, sowie darüber, wie ein Erzählen über Auschwitz möglich sein könnte.



"Jurek war sechzig Jahre älter als ich und Pole, seine Jugend hatten ihm die Deutschen geraubt."

Es war im Jahre 1997, als die damals 18-jährige Katarina Bader den fast 80-jährigen Jerzy Hroronowski, genannt Jurek, in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz kennen lernte. Damit nahm eine außergewöhnliche Freundschaft ihren Anfang, die bis zu Jureks Tod im Jahr 2006 andauern sollte.

Im Februar 2010 ist das Buch von Bader, "Jureks Erben", erschienen, in dem die junge Autorin von dieser Begegnung und ihren Folgen für ihr Leben und das von vielen anderen Menschen erzählt, die Jurek getroffen hatten.
Beginnend mit der Beerdigung Jureks entwirft die Autorin ein dichtes Erzählgewebe.
Im Mittelpunkt steht der KZ-Überlebende, dem dieses Buch gewidmet ist und der für viele - besonders für viele Deutsche - zu einer Art Held wurde. 2002 hatte er das Bundesverdienstkreuz bekommen: nicht nur hatte er sich für die deutsch-polnische Schulbuchkonferenz stark gemacht, sondern er war auch maßgeblich an der polnisch-deutschen Versöhnungsarbeit beteiligt. Vor allem aber war er, wie Bader schreibt, der "Star" unter den ZeitzeugInnen, die von ihrer Zeit in Auschwitz erzählten.

Dreißig Geschichten waren es, die der charismatische Jurek SchülerInnen- und Reisegruppen, vor allem aus Deutschland, dabei auf immer gleiche Weise vortrug, und die immer wieder aufs Neue bewegten. Geschichten, die mit der ausweglosen Situation Jureks begannen und mit kleinen Wundern, oder zumindest einem Hoffnungsschimmer endeten.
Laut Katarina Baders Recherchen, die sie nach dem Tod Jureks begonnen hatte, entstanden die dreißig Geschichten in dieser Form erst Mitte der 1980er Jahre. Noch etwas stellte die im Zuge ihrer Nachforschungen Autorin fest: in den 1965er Jahren waren Jureks Geschichten sehr viel mehr von dem erlebten Leid geprägt und zudem weniger logisch aufgebaut. So konnte Jurek in seinen frühen Geschichten nicht verhindern, dass zwölf der Mitdeportierten in dem engen Zugabteil erstickten, wohingegen dies später durch das trickreiche Öffnen eines Fensters möglich wurde.

Doch welche Geschichten sind nun die wahren Geschichten, und: wer war Jurek wirklich? Mit diesen Fragen begab sich die Autorin auf die Suche nach Antworten.
Auf dieser Reise, die sie durch Deutschland über Polen nach Amerika führte, sprach Katarina Bader mit vielen Menschen, die Jurek gekannt hatten und die ihr teils widersprüchliche Antworten gaben.
Und immer wieder lässt sie Jurek selbst, in seinem eigenwilligen Deutsch, das er im KZ lernte, zu Wort kommen:

"(…) Um wirklich über Auschwitz zu erzählen, sollte ich aber systematisieren, und zwar das ganze Leben während der fünf Jahren der Existenz des Lagers, multipliziert per – mehrerer Millionen Menschen, das wieder per 365 Tage um Jahr und lauter Stunden und Minuten und Sekunden, in welchen ununterbrochen Tausende, Zehntausende und mehr gequält, gedroschen, terrorisiert waren, um dem Dritten Reich, bevor sie starben, noch Profit zu geben in ökonomischen Dingen."

So wird in "Jureks Erben" deutlich, dass es niemals gelingen kann, von Auschwitz zu berichten. Ein Erzählen darüber ist nur fragmentarisch möglich und vielleicht ist es notwendig, einen Teil des Unerträglichen auszulassen, um Weiterleben zu können.

Katarina Bader geht in ihrem Buch auf die Suche nach dem "wahren" Jurek, der zwar sehr schnell Freundschaften schloss, sich aber mit einer Großzahl seiner Freunde überwarf. So hat die Autorin nicht nur Jureks Sicht der Dinge festgehalten, sondern auch Gegensichten in ihre Beschreibung aufgenommen, die ihren geliebten Jurek in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Die Geschichte Jureks kann Bader nicht erzählen, ohne über ihre eigene Geschichte zu sprechen und auch über all die Menschen, in deren Leben Jurek Spuren hinterlassen hat...
Bewundernswert ist nicht nur, wie die Autorin den "roten Faden der Liebe", der sie mit Jurek verbindet, festzuhalten versteht, während ihr Bild von ihm Risse bekommt, sondern vor allem auch, dass sie diese Erkenntnis den LeserInnen nicht vorzuenthalten versucht.

Schnörkellos, ohne jegliches Pathos fließen in "Jureks Erben" die Geschichten von drei Generationen mit ein, deren gemeinsamer Bezugspunkt Jurek Hronowski ist. Beeindruckend ist, mit welcher Leichtigkeit die Autorin persönliche Erzählungen mit der Geschichte Polens und der deutschen NS-Zeit verbindet.

Einfühlsam im Austarieren einer "Wahrheit", die jeder und jedem letztlich seine eigene Version davon zugesteht, nimmt Katarina Bader eher eine Vermittlerinnenposition ein, als einen Richterinnenposten. Gerade ihre Vorbehaltlosigkeit, die sich vielleicht mit der Distanz der dritten Generation erklären lässt sowie der Versuch der Autorin, ihren Protagonisten zu verstehen, geben den Blick frei auf die Vielfältigkeit von Erinnerungen.

AVIVA-Tipp: In Katarina Baders Buch werden ihre Erinnerungen an die Zeit mit Jurek, die Erinnerung der anderen an ihn und seine eigenen Geschichten zu einem dichten Gewebe verflochten, innerhalb dessen die Fragen nach einem "Weiterleben nach dem Überleben" behandelt werden. Dies geschieht in einer einfühlsamen Weise, die den LeserInnen einen wirklichen Einblick in die Komplexität von Geschichte, Lebensgeschichten und Erinnerungen gibt.
Aus dem Blickwinkel der dritten Generation heraus geschrieben, gehört dieses besondere Buch in möglichst jedes deutsche Bücherregal!

Zur Autorin: Katarina Bader wurde 1979 geboren und wuchs in einem Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb auf. In München, Krakau und Warschau studierte sie Journalistik, Politikwissenschaft und Osteuropäische Geschichte. Eine journalistische Ausbildung erhielt sie an der Deutschen Journalistenschule. Katarina Bader lebt in München, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität und ist außerdem als freie Journalistin tätig. 2007 wurde sie mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet. (Quelle: Verlagsinformation)

Weiterlesen: Herr Hronowski und ich von Katarina Bader im Jetzt-Magazin

Katarina Bader
Jureks Erben

Kiepenheuer & Witsch Verlag, erschienen Februar 2010
Gebunden, 384 Seiten
19,95 Euro
ISBN: 978-3462042009


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Aber erst müßt ihr mich kriegen von Irene Awret

Auschwitz - Der Tod hat nicht das letzte Wort, hHerausgegeben von Marie-Louise Jung und Christiane Rohleder

Gerdas Schweigen. Die Geschichte einer Überlebenden von Knut Elstermann

Mich hat man vergessen von Eva Erben

Beim Gehen entsteht der Weg von Hanna Mandel

Katastrophen von Ruth Klüger




Literatur Beitrag vom 20.08.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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