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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 30.08.2010

Marcia Pally - Liebeserklärungen aus Kreuzberg und Manhattan
Britta Meyer

Pallys`s satirische Kolumnen, entstanden aus der jahrelangen Zusammenarbeit der New Yorker Kulturwissenschaftlerin mit deutschen Medien, räumen mit Stereotypen dies- und jenseits des Atlantiks ...



... auf und dokumentieren kulturelle, wirtschaftliche und politische Phänomene mit äußerst spitzer Feder.

Angefangen hatte es 1987, als ein damaliger Redakteur der "TAZ" bei Marcia Pally anrief und fragte, ob sie sich vorstellen könnte, eine Kolumne über die Berlinale zu schreiben - "from ze aus-sider`s point of view". Sie konnte. Daraus entwickelte sich eine langjährige Liebesbeziehung zu Deutschland, über die die Professorin der New York University noch heute regelmäßig für die ZEIT, die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung berichtet. "Liebeserklärungen aus Kreuzberg", nennt sie ihre Beobachtungen, in denen sie Politisches, Kulturelles und Zwischenmenschliches humorvoll und scharfzüngig kommentiert.

Marcia Pally shoppt in den Kolumnen für ihr Vaterland, bewundert Kondom-Automaten in deutschen Damentoiletten und erklärt EuropäerInnen, warum ein Latte Macchiato-trinkender Obama bei den US-WählerInnen schlechter ankam als eine Clinton, die ihre Pizza mit Bier hinunterspülte: "Vielleicht hätten die weißen Hillary-Wähler die Eleganz eines weißen Mannes wie John F. Kennedy akzeptiert. Aber hier kam ein Schwarzer, der eleganter auftrat als sie selbst. Das geht zu weit."

Wie schon in ihrem vorletzten Buch "Warnung vor dem Freunde" analysiert Pally sehr präzise die amerikanisch-europäischen Beziehungen und nimmt gegenseitig gepflegte Stereotype dabei besonders gern aufs Korn. Die Unfähigkeit Europas sich auf einen gemeinsamen weltpolitischen Nenner zu einigen, erklärt sie dadurch, dass Europa glaube, politische Einheit gehe aus kultureller Einheit hervor, die wiederum auf sprachlicher Einheit basiere. Darum herrsche in Europa große Einigkeit darüber, wie schwer mensch es im Gegensatz zu den sprachlich geeinten USA habe, sich einig zu werden. Marcia Pally sieht dies als ein bezeichnendes Beispiel kultureller Mythen:

"Die paneuropäische Vorstellung von der kulturellen und sprachlichen Einheit Amerikas bezeugt sehr schön die Einheit der europäischen Kultur. In Amerika ist die Vorstellung nicht weit verbreitet (obwohl wir nicht eins genug sind, die Idee einstimmig abzulehnen)."
Die im Buch zusammengefassten Kolumnen mehrerer Jahrzehnte kommentieren vor allem politische Entwicklungen und deren alltägliche Auswirkungen. So beobachtet sie den amerikanischen "Medizin-Tourismus", den einige amerikanische Krankenhäuser für AusländerInnen mit einer Krankenversicherung anbieten, die sich AmerikanerInnen selbst nicht leisten können: Operation inklusive Hotel, Restaurant und Theaterkarten. In der fortlaufenden Reihe "Wie wir den Krieg gewonnen haben" kommentiert sie besonders schöne Beispiele amerikanischen Bürokratiewahnsinns und Werbesendungen für Gartengeräte, die zuhauf in ihrer winzigen New Yorker Mietshauswohnung eintreffen, kommentiert sie mit den Worten "Wenn ich Interesse an einer pinkelnden Putte hätte, würde ich mir einen inkontinenten Freund zulegen."

Manches ist nur auf den ersten Blick lustig

Nicht alles an ihren Beiträgen ist nur zum Lachen und kaum etwas dabei ist unpolitisch. So bejubelt Pally es als einen Fortschritt, dass zwei vom Barbie-Konzern neu herausgebrachte Puppen nicht nur schwarz sind, sondern auch die Namen der Töchter Barack Obamas tragen. Dies ist sicherlich eine erfreuliche Abkehr von rassistischen Vorgaben der Spielzeugindustrie. Aber als LeserIn fragt mensch sich auch, warum diese Entwicklung ausgerechnet über eine Puppe erfolgen musste, die mit ihrem bizarren Körpermaßen seit Jahrzehnten das weibliche Schönheitsideal von der Kindheit an ins Krankhafte verzerrt hat. Wahrscheinlich deshalb, weil Barbie und ihr sich wandelndes Äußeres, als ein konstanter, in Puppenform erscheinender Spiegel des jeweils herrschenden Zeitgeistes gelten kann.

Schwerverdaulich für europäische LeserInnen dürfte auch die teilweise harsche Europakritik sein. Wie bereits im Interview mit AVIVA-Berlin von 2008 wünscht sich Pally für Europa eine aktivere Rolle in der Weltpolitik und wirft der EU vor, sich um außenpolitische Verantwortung herumzudrücken, indem sie das Kriegeführen den USA überlasse. Dies eröffne Europa die Möglichkeit, die Außenpolitik Amerikas zu kritisieren und dabei als moralisch überlegen dazustehen. Gleichzeitig aber würde Europa sich bei der Wahrung der eigenen Interessen auf eben diese aggressive Politik der USA verlassen, um sich selbst im Falle des Falles nicht die Hände schmutzig machen zu müssen.

"Solange Europa die amerikanische Außenpolitik nur in ihrer Form, nicht jedoch in ihrer Substanz hinterfragt, weil sie ja auch europäischen Interessen dient, solange handeln die Europäer ebenso egoistisch wie die Amerikaner. Solange Europa damit zufrieden zu stellen ist, dass der Ton aus dem Weißen Haus höflich klingt, bleibt es eben nur Höfling in Washington."

AVIVA-Tipp: "Liebeserklärungen aus Kreuzberg und Manhattan" ist eine Sammlung wunderbar ironischer Betrachtungen des ganz alltäglichen transatlantischen Wahnsinns. Pally gelingt es, die LeserInnen gleichzeitig zum Nachdenken und zum Lachen zu bringen, unabhängig davon, ob frau ihre Standpunkte teilt oder nicht. Der trockene Humor, mit dem sie die Welt betrachtet und hinterfragt, behandelt ernsthafte wie leichte Themen mit demselbem Witz, ohne sie dabei belanglos erscheinen zu lassen.

Zur Autorin: Marcia Pally ist Professorin für Kulturwissenschaft an der New York University. Von ihr erschienen sind auf Deutsch bereits "Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf", "Warnung vor dem Freunde. Tradition und Zukunft US-amerikanischer Außenpolitik" und "Die hintergründige Religion. Der Einfluß des Evangelikalismus auf die US-amerikanische Politik". Auf Deutsch publiziert sie regelmäßig für "Cicero", die "Frankfurter Rundschau", "Die Zeit" und die "TAZ", in Kürze erscheint ihr neues Buch "Die neuen Evangelikalen" bei Berlin University Press.
Weitere Infos und Kontakt: www.marciapally.com

Marcia Pally
Liebeserklärungen aus Kreuzberg und Manhattan

Gebundene Ausgabe, 242 Seiten
Berlin University Press, erschienen September 2009
ISBN: 978-3-940432-68-1
24,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Warnung vor dem Freunde. Von Marcia Pally
Interview mit Marcia Pally


Literatur Beitrag vom 30.08.2010 Britta Meyer 

   




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