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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.09.2010

Family Files - Zeitgenössische Fotografie und Videokunst aus Israel
Elina Ioschpa

Vor einem Wellblechhaus in der West Bank küsst eine hochschwangere Frau mit langen gelockten Haaren liebevoll ihren Ehemann, der eine Soldatenuniform trägt. Mitten in einer kleinen Straße in...



...Hebron stehen fünf Brüder, jeder von ihnen mit Kippoth und Schläfenlocken und ihre Schwester, die dem jüngsten die Hände auf die Schulter gelegt hat, in einer Reihe und blicken in die Kamera. Drei ältere Damen stehen eng an einander gelehnt, an ihren Unterarmen sind numerisch aufeinander folgende tätowierte Nummern zu sehen, mit denen sie in Auschwitz registriert wurden.

Die Menschen auf den Schwarz-Weiß-Fotografien scheinen nicht viel gemeinsam zu haben. Sie gehören nicht zur selben Generation und schon auf den ersten Blick sind religiöse Unterschiede zu erkennen. Trotz aller Gegensätze verbindet sie etwas, sie sind eine Familie, nämlich die der Künstlerin Vardi Kahana. Für die Ausstellung "Family Files", die vom 09. Juni bis 12. September 2010 im Jüdischen Museum in München zu sehen war, haben neben Kahana fünfzehn weitere israelische KünstlerInnen ihre ganz persönlichen Familienalben zusammengestellt.

Im gleichnamigen Katalog zur Ausstellung können nun alle KunstliebhaberInnen, die es nicht in die bayrische Metropole geschafft haben, die beeindruckenden Arbeiten zu sich nach Hause holen. In kurzen Texten in deutscher und englischer Sprache werden die Werke der FotografInnen vorgestellt. Die LeserInnen bekommen einen Einblick in die Machart der Fotografien und erfahren überraschende Hintergrundinformationen zu den Bildern. Alle 16 KünstlerInnen haben in einem kurzen Statement die Grundidee ihres Konzepts formuliert. Die Textbeiträge sind von besonderer Relevanz, denn ohne sie wären viele der Fotografien, bei denen die KünstlerInnen mit dem Wahrheitsgehalt der Bilder spielen, kaum verständlich.

Ganz besonders trifft dies auf die Fotografien von Itay Ziv zu. In einem Zitat offenbart er seine Vorgehensweise:
"Ich habe meine Familie, Freunde und mich selbst als orthodoxe Familie verkleidet. Ich habe versucht, eine neue Identität und künstliche Autobiografie für meine Familie und mich zu schaffen, indem ich mich an religiöse Werte hielt: endlose Liebe, Reinheit, Erlösung und das Befolgen des `rechten Weges´."

Ein Jahr lang befolgte Ziv strikt alle religiösen Gesetze und beschloss für sein Fotoprojekt auch seine Familie mit einzubeziehen. Mit den "Verkleidungen" wollte er seinen vorübergehenden Lebenswandel für die Kamera sichtbar machen. Ziv und sein Vater tragen weiße Hemden, schwarze Hosen und eine Kippa und sind auf den Fotografien nicht von orthodoxen Juden zu unterscheiden. Nur das Zitat des Künstlers demaskiert sie und verweist auf ihr säkulares Leben. Mit seiner Arbeit scheint Ziv seine bisherige Lebensweise zu hinterfragen. Denn in den Fotografien ist eine Sehnsucht nach einem anderen, einem religiösen, Leben zu spüren.

Auch Nurit Yarden veranschaulicht mit ihrer Arbeit den illusorischen Charakter des Mediums Fotografie. Sie zeigt den BetrachterInnen, dass sich hinter Familienporträts meist mehr verbirgt als nur das, was tatsächlich zu sehen ist. Ihr Verfahren ist einfach und effektvoll zugleich. Sie positioniert zwei identische Familienfotos aus ihrer Kindheit nebeneinander und versieht sie mit unterschiedlichen Untertiteln. Auf beiden Fotos ist eine glückliche Familie abgebildet: Vater und Mutter sitzen nebeneinander, der Sohn steht hinter ihnen und umarmt sie, die kleine Tochter sitzt auf dem Schoß des Vaters, alle lächeln: Unter der ersten Aufnahme ist zu lesen: "Wir hatten einen großartigen Tag.", die zweite mit dem gleichen Motiv ziert ein anderes Statement: "Meine Mutter hat den ganzen Tag geschwiegen." Mit nur einem Satz dekonstruiert Yarden die Familienidylle. Sie zeigt, dass die "Wahrheit" hinter dem glücklichen Lächeln verborgen bleibt und fragt damit nach dem Wert von Familienporträts.

Neben den ungewöhnlichen Konzeptfotografien der KünstlerInnen begeistert "Family Files" mit zwei wunderbaren Texten der Autoren Patrick Healy und Etgar Keret. Healy formuliert in seinem wissenschaftlichen Essay "Familienangelegenheiten oder die Familie zählt" die Kulturgeschichte des Begriffs "Familie". Keret erzählt in seiner Kurzgeschichte "Meine ultraorthodoxe Schwester" mit viel Humor von den Höhen und Tiefen der Beziehung zu seiner einstigen Verbündeten, die ihm seit ihrer Hochzeit fremd geworden ist. Beide Texte sind eine gute Ergänzung zu den fotografischen Arbeiten, sie erschließen das Thema Familie mit Humor und wissenschaftlicher Genauigkeit und beleuchten neue Aspekte der Definition von "Familie".

AVIVA-Tipp: Junge FotografInnen aus Israel stellen in dem Bildband ihre Familien vor. Vardi Kahana zeigt die religiösen und politischen Unterschiede innerhalb ihrer Großfamilie. Itay Ziv experimentiert spielerisch mit der Identität seiner Liebsten und Nurit Yarden enthüllt mit einem simplen künstlerischen Verfahren verborgene Familiengeheimnisse. Nicht nur die drei, sondern alle sechzehn KünstlerInnen, deren Werke in "Family Files" abgebildet sind, geben einen spannenden und persönlichen Einblick in ihre Familienalben und zeigen eine große Vielfalt der Lebensentwürfe im heutigen Israel.

Zu den Herausgeberinnen:

Galia Gur Zeev
wurde in Tel Aviv, Israel, geboren. Sie studierte von 1984 bis 1988 an der "Bezalel Academy of Art and Design" in Jerusalem. Ihre Werke wurden im "Israel Museum" in Jerusalem und im "Tel Aviv Museum of Art" ausgestellt und gehören zur Sammlung dieser Häuser. Seit 2006 kuratiert Gur Zeev Fotoausstellungen des "Erez Israel Museums" in Tel Aviv. www.galiagurzeev.com

Ronit Eden wurde in Beer Sheva, Israel, geboren. Sie studierte Design und Architektur an der "Hasadna School" in Tel Aviv. Seit 1989 arbeitet sie als Innenarchitektin und Ausstellungsdesignerin. Eden lebt in Amsterdam, wo sie Ausstellungen kuratiert und gestaltet. www.roniteden.com

KünstlerInnen der "Family Files": Reli Avrahami, Raed Bawayah, Noa Ben Nun Melamed, Elinor Carucci, Oded Hirsch, Erez Israeli, Vardi Kahana, Tomer Kep, Felix Kris, Roni Lahav, Noa Sadka, Tal Shochat, Boaz Tal, Nurit Yarden, Galia Gur Zeev, Itay Ziv.

Family Files
Zeitgenössische Fotografie und Videokunst aus Israel

HerausgeberInnen: Galia Gur Zeev, Ronit Eden
Kehrer Verlag, erschienen 2010
Festeinband, 144 Seiten, 58 Farb- und 32 Schwarz Weiß Abbildungen
Deutsch, Englisch
ISBN 978-3-86828-144-6
24,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Begegnungen – 60 Jahre Israel in Berliner Theatern, mit einer Ausstellung der Werke von Vardi Kahana (2008)

Language and Gender – Eine Ausstellung in der Galerie Artneuland, mit Werken der Künstlerin Nurit Yarden (2008)

Jellyfish – vom Meer getragen - Meduzot, ein Film von Etgar Keret und Shira Geffen

Literatur Beitrag vom 28.09.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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