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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 18.10.2010

Monika Goetsch - Wasserblau
Ute Vetter

Ellen wird während einer kleinen Reise unfreiwillig ein gut gehütetes Geheimnis ihrer Eltern entdecken und dabei eine Verbindung zu sich selbst (h)erstellen. Ein merkwürdiger Anruf löst...



... versehentlich die Entdeckungsreise in ein süddeutsches Kaff aus, denn Ellen wird gebeten, eine nur für sie bestimmte Mappe aus einem Altenheim abzuholen.

Sie fährt, dieser Aufforderung folgend, in das Dorf Petersbach. Die BewohnerInnen des Ortes, in dem Ellen als kleines Kind lebte, werden zu Stationen, mit deren Hilfe sich ein entschwundenes Bild zusammensetzt. Eine nette Wirtin der hiesigen Pension, ein lüsterner, höchst unangenehmer Mensch und Schwester Barbara aus dem Altenheim helfen Ellen, Bruchstücke des Geheimnisses ihrer kürzlich verstorbenen Mutter aufzufinden. Die Spuren führen sie nach dem Besuch des Friedhofs zu ihrem Vater…

Ellen erinnert sich an ihre Mutter, Elisabeth, wie sie durch das Wasser glitt, kräftig kraulte oder vor ihr auftauchte. Erinnert sich der Passion der Mutter für Hallen- und Freibäder, der sie fast täglich nachging. Leise, fast unmerkliche Brüche sind in das Bild der schwimmenden Mutter eingeflochten. Warum? Was hat es damit auf sich?

"Sommer für Sommer erschloss sich Elisabeth neue Seen, immer auf der Suche nach dem einen, an dem sie bleiben könnte. [...] Aber wenn sie nicht schwamm oder geschwommen hatte oder wusste, dass sie schwimmen würde, hielt es sie kaum ruhig in der Wohnung. Sie stürzte von Zimmer zu Zimmer. Sie schlug sich den Ellenbogen am Türrahmen blau. Sie ruckte die Stühle unter den Tisch..."

In "Wasserblau" von Monika Goetsch geht es nicht um unmittelbar Sichtbares. Im heimlichen Zentrum steht das entschlossene Schweigen, das zwischen Eltern und Kinder liegen kann. Eine Depression, die in ihrer Tragik das Leben einer Familie bestimmt(e), wird im Roman rekonstruiert.

Die leidenschaftliche Schwimmerin Elisabeth, die in den 1970er Jahren keinen Ausweg mehr sah, Tabletten schluckte und heimlich Alkohol trank, war unsichtbar krank. Als gestresste junge Frau mit "rettender" Affäre und Kindern, verkörperte sie statistisch gesehen den Aufstieg in den Wohlstand einer neuen Generation. Elisabeth fand jedoch ihr Glück im ersehnten Reihenhaus nicht. Das Leben, weit ab von der Stadt richtete sie fast zugrunde, während ihr verständnisvoller Mann Karriere machte. Elisabeth wird als eine Frau mit einer schweren Depression gezeichnet, die vor ihrer Tochter ein Leben lang ein schweres Geheimnis hütete.

"Jetzt aber, als Ellen die Wörter verfolgt wie eine fremde Spur, baut sich der verlorengegangene Sinn wieder in ihr auf, die Lücken zwischen den Wörtern füllen sich und für einen Moment sieht Ellen, die den Block in der Rechten hält, in den geschwollenen Adern auf ihrem Handrücken die geschwollenen Adern, wie sie den Handrücken ihrer Mutter überzogen."

Obwohl der Roman mit seinem ernsten Thema still "daherfließt", fühlt die Leserin ein hohes Erzähltempo, das aus der Gliederung des Textes resultiert. Die Wechsel von Handlungsort und -zeit sind darüber beschleunigt. Gelungen ist der Autorin die Anlehnung an das Krimi-Genre. Es fehlt zunächst die Leiche und ein Fall, aber dennoch kommt sehr schnell die Spannung auf.

Das Element Wasser "trägt" nicht nur Elisabeth, sondern hält die Geschichte assoziativ zusammen. So beginnt der Roman mit einer Erinnerung in einer Schwimmhalle und endet auch dort. Wasser rahmt die Geschichte ein und steht für Fließen, Leiden, Vergessen, Erinnern, Lieben, Verdrängen und - Blau.
Die Metaphorik des Wassers und Schwimmens, um das Thema zu tragen, ist gut gewählt - jedoch zu überladen. Das Blau des Covermotivs, das Blau im Titel, das Blau der Kacheln, das Blau des... - ist gelinde gesagt, überstrapaziert.

Monika Goetsch setzt in ihrem Debüt auf eine distanzierte Erzählstimme, die kontinuierlich alle fehlenden Informationen zur Mutter zusammenträgt.
Es hat den Anschein, als bitte diese unsichtbare narrative Instanz um Verständnis, ringe um eine sensible Beurteilung der verstört anmutenden Mutter.
Dennoch: Die Stimme der Erzählinstanz fällt unglücklich auseinander: Auf der einen Seite berichtet sie distanziert über die schwere Depression der Mutter, auf der anderen Seite ist die Stimme tief mit Ellen verbunden – mit der Ellen, die eine schmerzliche Verbindung mit ihrer Mutter zu ergründen sucht. Die narrative Instanz ist so bezüglich der inneren Prozesse der Figuren nicht sehr vertrauenswürdig, was bei einer so persönlichen Geschichte jedoch von Nöten wäre. Es kommt beim Lesen zum Verlust von Empathie.

Der Roman "Wasserblau" eignet sich eher zum "Weglesen" und hat vielleicht Bestand als literarisch bearbeiteter Bericht über ein schweres Schicksal. Farblos bleibt "Wasserblau" leider dennoch.

AVIVA-Fazit: Der Roman verbindet das Genre des Krimis mit dem Bild einer schweren Depression. In einem "Kaff" irgendwo in Deutschland zerplatzten die Träume einer jungen Frau. Die Geschichte bleibt trotz ihrer Tragik nicht sehr nachhaltig im Gedächtnis - Elisabeth, die Schwimmerin, und Ellen, die Reisende, werden schnell vergessen sein. Ein tiefer Einblick in das Innere der Figuren bleibt den LeserInnen leider verwehrt.
Auf keinen Fall sollte der Klappentext im Vorfeld vollständig gelesen werden, denn das kriminologische Geheimnis, das die Spannung des Romans ausmacht, wird hier zu schnell gelüftet. Wer Zeit hat und etwas über "erweiterten Suizid" in Romanform lesen möchte, greife zu.

Zur Autorin: Monika Goetsch, wurde 1967 in Marburg geboren und lebt mit ihrer Familie derzeit in München. Sie arbeitet dort als freie Journalistin für verschiedene Tageszeitungen und Zeitschriften. "Wasserblau" ist ihr erster Roman. Lesen Sie auch das Interview mit der Autorin als PDF unter:
www.doerlemann.com
(Quelle: Verlag Dörlemann)


Monika Goetsch
Wasserblau

Dörlemann Verlag, Zürich, erschienen: 01. August 2010
www.doerlemann.com
Fester Einband mit Leseband, 240 Seiten
ISBN 9783908777588
18,90 Euro

Literatur Beitrag vom 18.10.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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