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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.07.2011

Kerstin Decker - Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich
Evelyn Gaida

Ein "Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz" wurde sie von Sigmund Freud genannt, einem ihrer Lehrer. Herausragende Intelligenz gilt noch heute – seien wir ehrlich – mehr als unweibliches, ...



... denn als weibliches Attribut. Lou Andreas-Salomé kümmerte das schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wenig.

Die Tochter eines Generals, die vor 150 Jahren (1861) in St. Petersburg geboren wurde und als Nachbarin des Zaren aufwuchs, ist ein Phänomen. In ihrer Biographie geben sich die (Vor-)DenkerInnen moderner Geistesgeschichte die Klinke in die Hand. Mit Anfang 20 interessierte Andreas-Salomé sich nicht für die Erfüllung der einzigen, ihr als Frau zugedachten Bestimmung – Ehe und Mutterschaft – sondern für Philosophie und Religionswissenschaft, geistige Selbstverwirklichung und -erweiterung. Sie plante die Gründung einer WG mit zwei Freunden, im Jahr 1882(!) – zum Zweck des gemeinsamen Studiums. Die Freunde hießen Friedrich Nietzsche und Paul Rée.

Nietzsche und Andreas-Salomé machten sich jedoch gegenseitig einen Strich durch die Rechnung. Er wollte mit seinem "Geschwistergehirn", wie er die Freundin nannte, nicht nur diskutieren und studieren, sondern sie heiraten. Andreas-Salomé wollte alles, außer in den Machtbereich eines (Ehe-)Mannes zu geraten. Ihre Ablehnung von Nietzsches Antrag ist so legendär, dass sie für einen vielzitierten Spruch des Verschmähten mitverantwortlich gemacht wird: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!"

Die Biographin, promovierte Philosophin und Journalistin Kerstin Decker richtet ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf historische Gestalten, Ideen und markige Zitate. Ihr geht es vor allem um die Menschen, die dahinter stehen. Friedrich Nietzsche, ein von Krankheit, Arbeit und Einsamkeit immer mehr Zerrütteter, Zurückgezogener, lebte durch die Freundschaft mit Andreas-Salomé auf, fasste neue Hoffnung auf eine verständnisvolle Verbindung zu anderen Menschen. Am Ende bat er: "Ich verzichte gern auf alle Vertraulichkeit und Nähe, wenn ich nur dessen sicher sein darf: dass wir uns dort einig fühlen, wohin die gemeinen Seelen nicht gelangen."

Weniger emotional, zumindest nach außen hin, fügte sich der Philosoph Paul Rée in die Entsagung einer platonischen Freundschaft. Mit ihm gründete Andreas-Salomé in Berlin 1882 einen Studienkreis, an dem führende Wissenschaftler und Freunde Rées teilnahmen. Neben dem Reisen und dem Austausch mit WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen, widmete Andreas-Salomé ihr Leben fortan der Arbeit als Schriftstellerin und Essayistin, veröffentlichte Romane, Aufsätze und Studien. Ihre Themen unter anderem (Nietzsches) Philosophie, Religion, "Psychosexualität". In späteren Jahren praktizierte sie in Göttingen als Psychoanalytikerin.

Ihren ersten Roman "Im Kampf um Gott" musste sie unter dem männlichen Pseudonym Henri Lou veröffentlichen – "denn die Bücher von Autorinnen nimmt keiner ernst, und dies ist ein überaus ernstes, also unweibliches, also männliches Buch", so Decker. "Die 23-Jährige erkennt ihre Stellung in der Welt – hätte sie Rée nicht als Schutz an ihrer Seite – genau. Preisgegebener, hoffnungsloser kann man nicht sein." Dieses Problem ließ sich zur damaligen Zeit auch für Lou Andreas Salomé letztendlich nur durch eines lösen – die Ehe. Der Orientalist Friedrich Carl Andreas fand schließlich ein Argument, sie zur Heirat zu bewegen: Er stieß sich vor ihren Augen ein Messer in die Brust. Gerade er musste sich jedoch nach den Bedingungen seiner Frau richten: Nie würde sie das Bett mit ihm teilen, er tolerierte ihre Reisen und ihre Geliebten.

Die Liebe entdeckte Lou Andreas-Salomé als 36-Jährige mit dem 15 Jahre jüngeren Dichter Rainer Maria Rilke, der sie anbetete: "Brich mir die Arme ab: ich fasse Dich / Mit meinem Herzen wie mit einer Hand / Reiß mir das Herz aus und mein Hirn wird schlagen / Und wirfst Du mir auch in mein Hirn den Brand / So will ich Dich auf meinem Blute tragen." Sie empfand ihn auf Dauer als zu anstrengend. Für den Ich-Suchenden, "zutiefst Heimatlosen" blieb Andreas-Salomé, auch nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, lebenslanger Sehnsuchtsort, imaginärer Ruhepol, entbehrte Mutterfigur und enge Vertraute. Deckers scharfsinniger Humor, der immer wieder für originelle Wendungen des Wortes und des betrachtenden Blickes sorgt, geht an einigen Stellen als Preisgabe an die Lächerlichkeit nach hinten los. Rilke etwa wird um des Effekts willen mit einem notorisch krähenden Hahn parallelisiert, ein Liebhaber Andreas-Salomés zum "intimen Kenner ihres Kulturpunktes" ernannt.

Die Frauen ihrer Zeit porträtierte Andreas-Salomé als "tief manipuliert" durch Erziehung und Konvention. Die Schriftstellerin selbst wird von Decker als seltenes Beispiel eines Menschen aufgezeigt, der eine "ungekränkte Kindheit" verleben durfte und "in dem Bewusstsein aufwuchs, anderen ein Wohlgefallen zu sein": "Sie las es in den Augen der männlichen Familienmitglieder. Dieses Bewusstsein wird sie nie verlassen." Auf diese Weise konnte Andreas-Salomé "den militärischen Rang ihres Vaters einfach (übernehmen): Lou von Salomé, der General ihres Lebens " – und das als Frau. Eine Frau, die im Ergebnis unumstößlich in sich selbst zu Hause war, und damit zeitlebens über das kostbare Gut innerer Unabhängigkeit verfügte.

Kerstin Decker stilisiert sie dennoch mitnichten zur Gallionsfigur weiblicher Emanzipation, sondern zeichnet mit fließenden Übergängen das Bild einer sehr widersprüchlichen Persönlichkeit. Für die Opferrolle, "das Rollenfach ihres Geschlechts", zeigte Andreas-Salomé laut Biographin "wenig Begabung". Hingabe und Rücksichtnahme gerne, aber gegenüber sich selbst. Die Autorin attestiert ihr ebenfalls wenig Talent zum Leiden, also auch zum Lieben, "oder nennen wir es fehlendes Talent, andere zu verschonen."

Der Frauenbewegung stand Andreas-Salomé skeptisch gegenüber: Sie brauchte keine Frauenemanzipation. Die Generalstochter sah sich einfach außerstande "anderen Befehlen zu folgen, als den eigenen", so Decker. Trotz diesem unberührbaren Einvernehmen mit sich selbst wurde der Psychoanalytikerin von FreundInnen und Zeitgenossen immer wieder ein tiefes Verständnis anderer Menschen bestätigt. Im Alter von 63 Jahren schrieb die Ausgeglichene an Rilke: "Weißt du, das ist auch eine Erkenntniß, die mir mächtig war in den letzten Jahren: daß alle Neurose (…) bedeutet: hier wollte Jemand bis an sein Äußerstes (...) – sie, die Gesundgebliebenen waren einfach die Vorliebnehmenden … Jetzt frage ich mich nicht nur beim Kranken: wodurch erkrankte er? Sondern auch beim Gesunden: wodurch blieb er gesund?"

AVIVA-Tipp: Diese Biographie liest sich atemberaubend wie ein Roman und lässt sich ebenso verschlingen. Kerstin Decker lebt sich intensiv in ihren Stoff ein und wird gleichzeitig ihrem biographischen Auftrag der genauen Kenntnis, Recherche und Nachweispflicht unangestrengt gerecht. Die Autorin hält durch ihren unkonventionell-temperamentvollen Schreibstil mit der gelassenen Selbstverwirklichung und Widersprüchlichkeit einer Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Schritt, die bereits im ausklingenden 19. Jahrhundert unumstößliche Hindernisse als bloße "Kreidestriche" abtat. Differenziert und vielschichtig bringt Decker auch WegbegleiterInnen Andreas-Salomés als Menschen nahe, die nicht nur die Porträtierte, sondern die gesamte Moderne entscheidend prägten – von Nietzsche über Rilke bis Freud.

Zur Autorin: Kerstin Decker, geboren 1962 in Leipzig, ist promovierte Philosophin, Reporterin des Tagesspiegel und Kolumnistin der taz. Sie lebt in Berlin und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Im Propyläen-Verlag erschienen von ihr Biographien über Heinrich Heine, Paula Modersohn-Becker und Else Lasker-Schüler. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Kerstin Decker
Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich

Propyläen Verlag, erschienen: 27.10. 2010
Gebunden, 368 Seiten
ISBN 9783549073841
22,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.ullsteinbuchverlage.de

www.fembio.org

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Literatur Beitrag vom 04.07.2011 Evelyn Gaida 

   




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