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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.12.2010

Elif Shafak - Als Mutter bin ich nicht genug
Claire Horst

Was es bedeutet, kritische Schriftstellerin zu sein, hat Elif Shafak am eigenen Leib erfahren. Nach der Veröffentlichung ihres Romans "Der Bastard von Istanbul", der sich unter anderem mit den ...



... Tabuthemen Abtreibung und Genozid an den ArmenierInnen beschäftigt, wurde sie wegen "Herabsetzung der türkischen Nation" angeklagt.

Ein weiterer Prozess wird gegen die Autorin wegen ihrer angeblichen Beteiligung an einem Bombenanschlag geführt. Gegenreaktionen bleiben nicht aus, wenn eine progressive Autorin sich mutig gegen politische Missstände äußert. Shafak hat sich lange Zeit auf ihre schriftstellerische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert, unter anderem lehrte sie Politologie an amerikanischen Universitäten.

In ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen autobiografischen Buch "Als Mutter bin ich nicht genug" nimmt sie eine andere Facette ihrer Persönlichkeit ins Visier. Lassen sich Mutterschaft und Schriftstellerinnendasein vereinen?, fragt die Autorin sich und ihre LeserInnen. Dabei analysiert sie ihre eigene Rolle als professionelle Autorin und setzt sich mit dem eigenen Kinderwunsch auseinander.

Für Shafak scheint dieser Wunsch eine logische Folge ihrer glücklichen Partnerschaft zu sein. Kaum ist die Frau verliebt, will sie auch heiraten und Kinder in die Welt setzen, so wirkt es in ihrer Darstellung. Konflikte bietet dieser neue Ansatz nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Umgebung, die von ihr als Intellektueller und Frauenrechtlerin enttäuscht ist, sondern vor allem in der Diskussion mit den eigenen Teilpersönlichkeiten.

Ihre innere Debatte führt Shafak zum einen mit anderen Schriftstellerinnen, die dem gleichen Dilemma ausgesetzt waren. Virginia Woolf, Emily Brontë oder Sylvia Plath sind Autorinnen, mit deren Entscheidungen sie sich beschäftigt. Viel zentraler aber sind die Stimmen in ihrem Kopf, die "Fingerfrauen", die jeweils für einen Aspekt ihrer Persönlichkeit stehen. Denn jeder Mensch besteht aus vielfältigen Teilpersonen, und bislang ist Shafak mit ihrem "inneren Harem" auch gut zurechtgekommen.

Darin lebt "das kleine Fräulein Praktisch", die rationale und bestens organisierte Frau, die glaubt, mit dem richtigen Plan sei alles zu schaffen. Fräulein Praktisch liest nur Ratgeberbücher und hat für alles eine Lösung. Leider ist da aber auch "Frau von Derwisch", die spirituelle Seite ihrer Seele. Sie rät Elif Shafak, zu fühlen statt zu planen, das für sie Richtige werde sich schon ergeben. Dass es auch noch "die ehrgeizige Tschechowianerin" gibt, die Kinder ablehnt, weil sie der Karriere hinderlich sind und "Miss Zynisch-Intellektuell", die jede Frage nach ihren philosophischen Implikationen abklopft, macht es nicht leichter.

Vollends kompliziert wird die Lage jedoch erst, als zwei weitere Fingerfrauen auftauchen: die pummelige, fürsorgliche "Mama Milchreis" und die sexy "Blue Belle Bovary". Denn diese Teile ihrer Persönlichkeit erheben plötzlich Anspruch auf Gehör, und Shafak muss ich auf ganz neue Weise mit ihren Wünschen auseinandersetzen. Blue Belle Bovary verlangt nach stärkerem Fokus auf die Sexualität - im Leben wie in ihren Werken, und Shafak erkennt die eigene Beschränkung als Frau: "In einer Gesellschaft, in der (die züchtige Romanheldin) Rabia dem Idealbild einer Frau entspricht, können wir unseren Körper nur heimlich und hinter verschlossenen Türen zeigen. Diese Denkart spiegelt sch in unseren Geschichten wider."

Mama Milchreis wiederum beharrt auf dem weiblichen Muttertrieb. Und da liegt auch das Problem. Denn obwohl Shafak sich mit den Zuweisungen der Gesellschaft an Männer und Frauen auseinandersetzt, obwohl sie das dualistische Denken kritisiert, das Männern die Rationalität und Frauen die Emotionalität zuweist, bleibt es am Ende beim weiblichen Bedürfnis, der eigenen Natürlichkeit Raum zu verschaffen.

Im Prinzip geht es Shafak nur darum, die eigenen widersprüchlichen Bedürfnisse zu vereinen, berufstätig und zugleich Mutter sein zu können. Mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die diese Vereinbarkeit garantieren würden, setzt sie sich nur am Rande auseinander. Nachdem sie eine postpartale Depression überwunden hat (die sich als Dschinn Lord Poton materialisiert), bietet ihr Mann ihr an, von nun an alles zu teilen. Dass er zu Hause bleiben könnte, kommt ihm aber nicht in den Sinn. Stattdessen wird eine Kinderbetreuung engagiert. Und obwohl Shafak den Zusammenhang von geschlechts- und klassenspezifischer Unterdrückung thematisiert, bleibt es dabei. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint ein Problem nur von Frauen zu sein.

AVIVA-Tipp: Elif Shafak ist eine begnadete Schriftstellerin, und so liest sich auch dieses Werk mit Vergnügen. Theoretische Fragen behandelt sie poetisch und fantasievoll, und auch die vielseitigen Bezüge zur Literaturgeschichte sind erhellend. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack, weil politisch relevante Fragen wie die nach der Rollenverteilung zu einer rein persönlichen Entscheidung der einzelnen Frau reduziert werden. Wollen wir uns wirklich damit abfinden?

Zur Autorin: Elif Shafak wurde 1971 als Tochter einer Diplomatin in Straßburg geboren und wuchs unter anderem in Spanien und Jordanien auf. Sie studierte Politologie in der Türkei und lehrte nach ihrer Promotion an Universitäten in den USA. Ihre Bücher wurden in mehr als 25 Sprachen übersetzt. Die meistgelesene Autorin der Türkei schreibt neben Romanen Zeitungskolumnen, Essays und Songtexte für türkische Rockbands. Shafak lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Istanbul. "Als Mutter bin ich nicht genug" ist ihr erstes autobiografisches Buch. (Verlagsinformationen)
Elif Shafak im Netz: www.elifshafak.com

Elif Shafak
Als Mutter bin ich nicht genug. Mama Milchreis, Frau von Derwisch, Miss Intellektuell und die anderen Frauen in mir

VGS Egmont
Erscheinungstermin: 11. Oktober 2010
gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Originaltitel: Siyah Süt
ISBN: 978-3-8025-3724-0
16,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Elif Shafak - Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak - Der Bonbonpalast

Literatur Beitrag vom 28.12.2010 Claire Horst 

   




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