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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.01.2011

Witold Beres, Krzysztof Burnetko - Marek Edelman erzählt
Claire Horst

In ein einziges gewöhnliches Leben passen diese Erfahrungen nicht: Beteiligt am Aufstand im Warschauer Ghetto, Mitbegründer der Solidarnosc, Arzt und Parlamentarier. Ihre Gespräche mit Edelman...



... verdichten die Journalisten Witold Beres und Krzysztof Burnetko zu einer Biographie dieser Ausnahmeerscheinung.

Edelman, geboren 1924 oder 1925 im heutigen Weißrussland, wuchs in Polen mit einer politisch engagierten Mutter auf. Als Mitglied der "Sozialrevolutionäre" entging sie (deren Namen die Autoren leider nicht einmal erwähnen) nur knapp der Erschießung durch die Bolschewiken. Sein Vater war schon früh verstorben.

Vielleicht geprägt durch diese Einflüsse, war Edelman schon in frühester Jugend politisch aktiv. Als Mitglied des "Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes von Litauen, Polen und Russland" ("Der Bund"), kämpfte er für den demokratischen Sozialismus und das Minderheitenrecht der Juden in Europa. In diesem Sinne begründete er auch die "Jüdische Kampforganisation" mit ("Zydowska Organizacja Bojowa", ZOB). Ihre Gründung war eine Reaktion auf die Anordnung der Deportation der Warschauer Juden am 22. Juli 1942. Die ZOB war es, die den Aufstand im Warschauer Ghetto organisierte.

Der 2009 verstorbene Edelman war zum Zeitpunkt der Buchrecherche der einzige noch lebende Kommandant des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Und sein Engagement war mit Kriegsende lange nicht beendet. So gründete er 1980 die polnische Gewerkschaft Solidarnosc mit - als Delegierter der Zentralversammlung wurde er interniert und erst auf internationalen Protest hin entlassen. Im Untergrund war er einer der Führer der Lodzer Solidarnosc.

Edelman "stand immer auf Seiten der Schwachen", wie es die Autoren formulieren - er begleitete in den 1990er Jahren Hilfskonvois nach Sarajevo, kritisierte ethnische Säuberungen in Ruanda und Zaire und prangerte die Gewalt gegen Sinti und Roma in Osteuropa an. Seine Treffen mit Arafat und seine Sympathie mit dem Kampf der PalästinenserInnen trugen ihm nicht nur Verständnis ein.

Dass das Buch sich einigermaßen mühevoll liest, mag an Marek Edelman selbst liegen. Er sei ein schwieriger Gesprächspartner, finden die Autoren, und belegen das mit Zitaten aus anderen Interviews mit Edelman. "Wie will man über das Unaussprechliche schreiben?", dieses Problem ist tatsächlich nicht leicht zu lösen. Trotzdem wäre ein etwas weniger chaotischer und zugleich weniger bürokratischer Zugang zu den Fakten wünschenswert gewesen.

Die in Gesprächen und Lektüren zusammengetragenen Informationen erzählen die Autoren grob chronologisch, schieben jedoch immer wieder Ergänzungen, Anmerkungen und Belege ein. Ihr umfangreiches Wissen, das sie durch zahllose ZeitzeugInnengespräche und Dokumente belegen, beeindruckt zwar. Leider konnten sie sich jedoch nicht zwischen einem historischen Sachbuch, in dem diese Fakten chronologisch sortiert wären, und einem biografischen Roman entscheiden.

Und so treffen psychologisierende Beschreibungen ihres Protagonisten, langatmige Hintergrundinformationen und ellenlange Exkurse aufeinander. Die Faszination, die Beres und Burnetko mit Edelman verbinden, überträgt sich so leider nicht auf die wohlwollende Leserin.

Dazu kommen die ständigen Zeitsprünge, mit denen für das Verständnis notwendige Angaben nachgetragen werden sollen. Nur ein Beispiel aus dem Text, es geht um die Erschießungen im Ghetto im Dezember 1941: "Zwei weitere [Exekutionen] sind für den 15. Dezember [1941] vorgesehen. Die Polizei im Ghetto (der Jüdische Ordnungsdienst, genannt `jüdische Polizei`) besteht zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr. Gleich nach der Errichtung des Ghettos erhält Czerniakow am 9. Oktober 1940 die Anweisung, eine tausend Mann starke Miliz aufzustellen (die gesamte Polnische Polizei in Warschau, genannt `die Grauen`, zählt indessen knapp 3000 Mann)."

Wer hier nicht den Überblick verliert, muss schon hochkonzentriert bei der Sache sein. Und das ist schade, da Edelman wirklich äußerst spannendes zu erzählen hat. Wie die ZOB intern organisiert war, wie man sich Waffen beschaffte, welche Allianzen eingegangen wurden, ist ebenso aufschlussreich wie Edelmans Darstellung der polnischen Opposition der 70er und 80er Jahre. Ihre Materialsammlung hätten die Autoren nur besser in Form bringen müssen. So aber muss die Leserin sich an die einzelnen Zitate halten, statt an das Buch als Ganzes, um Interessantes zu erfahren. Denn die verraten vieles auch über unbekannte Aspekte der polnischen Geschichte - wie etwa die weiblichen Beteiligung am Aufstand und die Reaktion der SS:

"Oft schossen sie aus zwei Pistolen, in jeder Hand eine. (...) Und plötzlich(...) zieht sie eine im Rock oder in der Pluderhose versteckte Granate, schleudert sie auf die SS-Leute und fängst an, die wüstesten Beschimpfungen auszustoßen, dass sich einem die Haare sträuben! Solche Situationen brachten uns Verluste ein, deshalb gab ich den Befehl, die Mädchen nicht mehr festzunehmen, nicht zu nah heranzulassen und sie gleich aus der Entfernung mit Maschinenpistolen niederzuschießen." (Jürgen Stroop, SS-Kommandant der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto)

Auch bei der Beschreibung der Zeit nach dem Krieg verlieren die Autoren sich in Details. Eigentlich spannende Ereignisse wie das Problem illegaler Abtreibungen und medizinische Neuerungen werden derartig langatmig erzählt, dass die engagierteste Leserin bald das Interesse verliert. Dabei gilt auch für die 60er Jahre in Polen: Der Kampf gegen den Antisemitismus ist lange nicht beendet. Als Jude konnte Edelman sich nicht habilitieren, 1968 wurde er mit den Worten "Juden haben keinen Zugang" als Krankenhausarzt entlassen.

AVIVA-Tipp: Der Aufstand im Warschauer Ghetto aus Innensicht, der Aufbau der Solidarnosc, der anhaltende institutionelle und gesellschaftliche Antisemitismus - diese Themen behandelt das Buch ebenso wie Edelmans privates Leben unter dem ständigen Misstrauen der kommunistischen Führung Polens und seinen Antizionismus. Einer eigenen Stellungnahme enthalten sie sich jedoch. So bleibt es bei einer wahren Materialmasse. Wünschenswert wäre eine an einer Leitthese orientierte Auswahl gewesen - so bleibt unklar, worauf die Autoren eigentlich hinaus wollten.

Zu den Autoren:
Witold Beres
wurde 1960 geboren. Er lebt in Warschau und arbeitet als Journalist, Buch- und Drehbuchautor und Filmproduzent.
Krzysztof Burnetko wurde 1965 geboren. Er lebt in Warschau und arbeitet als Journalist und Buchautor.

Witold Beres / Krzysztof Burnetko
Marek Edelman erzählt

Aus dem Polnischen von Barbara Kulinska-Krautmann
Parthas Berlin
688 Seiten, mit zahlreichen s/w-Abbildungen, Hardcover
ISBN: 978-3-86964-012-9
24,00 Euro

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Literatur Beitrag vom 17.01.2011 Claire Horst 

   




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