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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.03.2011

Ron Leshem - Der geheime Basar
Claire Horst

"Ich erinnere mich an die Stadt des Regens und an Herrn Ali Samimi, der uns immer ermunterte fortzugehen." Leise und poetisch wie der erste Satz klingt der gesamte Roman des israelischen Autors ...



... Ron Leshem, der sich in die Lebenswelt junger TeheranerInnen einzuf├╝hlen versucht.

Kami kommt aus der Provinz Gilan, aus der "Stadt des Regens", in die iranische Hauptstadt. Seit fr├╝hester Kindheit war das sein Plan, mit seinem besten Freund Amir will er dort ein neues, spannenderes Leben beginnen. "Beim Blick aus dem Fenster w├╝rden wei├če, dichtgedr├Ąngte T├╝rme zu sehen sein. Zehnspurige Stra├čen w├╝rden darum betteln, dass wir uns ein Mofa anschafften. Flugzeuge w├╝rden aufsteigen. M├Ądchen mit gef├Ąhrlichem L├Ącheln w├╝rden sich zu uns in die Studentenwohnheime in Kargar schmuggeln."

Aus diesem gemeinsamen Traum wird nichts, denn Amir w├Ąhlt kurz vor dem Umzug ein "religi├Âses Leben". Der S├╝ndenpfuhl Teheran spricht ihn nicht mehr an. Schon auf den ersten Seiten zeigt Leshem so ein sehr differenziertes Bild Irans: Kontr├Ąrer k├Ânnten Kamis und Amirs Lebensentw├╝rfe kaum sein. Statt plakativer Gegen├╝berstellungen entscheidet sich der Autor jedoch f├╝r vielschichtige Charaktere. Er l├Ąsst sie langsam heranreifen und eine Pers├Ânlichkeit entwickeln. Anhand seines Protagonisten Kami setzt er sich mit den verwickelten politischen Zusammenh├Ąngen Irans auseinander und tastet sich an diese Teheraner Welt heran.

Von der ist Kami anfangs vollkommen ├╝berw├Ąltigt. Kaum etwas ist so, wie er es sich vorgestellt hat. Seine Tante Zahra, bei der er leben wird, ist nicht die verr├╝ckte Alte, von der seine Eltern gesprochen haben. Der ehemalige Filmstar ist immer noch eine faszinierende Pers├Ânlichkeit, auch wenn sie fast in Vergessenheit geraten ist. Und von ihrem schillernden Freundeskreis profitiert auch Kami. Beinahe noch mehr als Zahras NachbarInnen Frau Safureh, eine Anh├Ąngerin des Schah-Regimes, und Babak, der wegen seiner Homosexualit├Ąt in Lebensgefahr schwebt, fasziniert ihn aber seine Kommilitonin Nilufar.

Die ist landesweit bekannt als Tochter eines hochrangigen Politikers und waghalsige Rennfahrerin. Dass sie ausgerechnet mit ihm eine Aff├Ąre beginnt, kann der unerfahrene Kami kaum glauben. Mit Nilufar steigt er in die iranische Subkultur ein, erlebt Drogenpartys und freie Sexualit├Ąt beinahe unter den Augen der gef├╝rchteten Sittenw├Ąchter.

Die unangepasste Lebensweise seiner Geliebten, ihr Mut und auch ihre Zugeh├Ârigkeit zu einer anderen Gesellschaftsschicht ├╝berfordern Kami ebenso wie die politischen Konflikte, mit denen er sich bald auseinandersetzen muss. Mit illegalen politischen Gruppen und verbotener Literatur hatte er bisher nichts zu tun. Dass er sich vor diesen Herausforderungen ins Internet fl├╝chtet, er├Âffnet ihm seinen neuen NachbarInnen ungeahnte Welten. Vor den brutalen Repressionen des Regimes kann sie das jedoch nicht retten.

Seine literarische Besch├Ąftigung mit einem Land, das er nicht aus eigener Anschauung kennt, erl├Ąutert Leshem im Nachwort: "Wenn ich (im Internet) Freundschaft mit Pal├Ąstinensern suchte, willigten die wenigsten ein. Bei ├ägyptern ist die Offenheit gegen├╝ber Israelis gleich null. Die Syrer haben keinen wirklichen Zugang zum Internet. Aber als ich es bei Iranern versuchte, reagierten sie ausnahmslos positiv."

Aus diesen Freundschaften entstand das Bed├╝rfnis, alles ├╝ber die Welt, in der diese Menschen leben, zu lernen: "Sprache und Slang, Musik, Stra├čennamen, Parks und Restaurants. Und Gesetze." Leshem schreibt, um ein Leben zu leben, das er sonst nicht haben k├Ânnte - und genau diese M├Âglichkeit bietet er auch seinen LeserInnen. Sein Roman dr├╝ckt ein tiefes Interesse an seinen Figuren aus, das ├╝ber exotisierende Neugier hinausgeht. Diese Charaktere sind keine Fremden, sie sind vielschichtige und glaubw├╝rdige Pers├Ânlichkeiten. Ihr teils dramatisches Schicksal geht daher wirklich nahe.

AVIVA-Tipp: "Der geheime Basar" lebt von seiner Sprache. Sie zeigt ein sehr pr├Ązises Empfinden f├╝r Stimmungen. So gelingt es Leshem, Atmosph├Ąren aufzubauen, die die LeserInnen schnell in ihren Bann ziehen.

Zum Autor: Ron Leshem, 1976 in der N├Ąhe von Tel Aviv geboren, war stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung "Maariv" und geh├Ârt seit 2006 zur Programmdirektion von "Channel Two". "Der geheime Basar" stand wie schon Leshems Deb├╝troman "Wenn es ein Paradies gibt" (dt. 2008) in Israel monatelang auf der Bestsellerliste. F├╝r "Wenn es ein Paradies gibt" erhielt Ron Leshem 2006 den Sapir-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis des Landes. Die Verfilmung des Buches unter dem Titel "Beaufort" wurde auf der Berlinale 2007 mit dem Silbernen B├Ąren pr├Ąmiert. (Verlagsinformationen)

Ron Leshem
Der geheime Basar

Rowohlt Berlin, erschienen am 11. M├Ąrz 2011
Hardcover, 448 Seiten
ISBN: 978-3-87134-693-4
22,95 Euro

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Literatur Beitrag vom 23.03.2011 Claire Horst 

   




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