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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.03.2011

200. Geburtstag von Fanny Lewald
Ricarda Ameling

Am 24. März 2011 jährt sich der Geburtstag einer der wichtigsten und produktivsten Frauen des 19. Jahrhunderts. Ein Grund für FemBio, den Ulrike-Helmer-Verlag und AVIVA-Berlin, die Frauenrechtlerin...



... und Schriftstellerin im Portrait vorzustellen. Die Autorin Roswitha Hoffmann stellt in ihrer Neuerscheinung zum Jubiläum "Das Mädchen mit dem Jungenkopf. Kindheit und Jugend der Schriftstellerin" einen bislang wenig beachteten Aspekt in der Entwicklung von Fanny Lewald in den Fokus.

"Nu! Dein Kopf hätt auch besser auf ´nem Jungen gesessen!" So sprach der Konsistorialrat zu Fanny Lewald (1811-1889) kurz vor ihrer Einschulung. Lange fühlte sie sich gleich zweifach benachteiligt: Sie war ein Mädchen, und sie war Jüdin. Durch ihren Verstand schaffte sie es, trotz dieser doppelten Diskriminierung zu einer der bedeutendsten Autorinnen des 19. Jahrhunderts zu werden. Als Verfechterin der Aufklärung kämpfte sie für die Emanzipation der Juden, für Frauenrechte und gegen arrangierte "Vernunftehen". Es gelang ihr, sich von den Zwängen ihrer Familie freizumachen und somit ein selbstbestimmtes Leben zu führen, welches als Vorbild für viele Frauen nach ihr diente.

Kindheit und Jugend in Königsberg

Fanny Lewald, am 24. März 1811 im damals preußischen Königsberg als Fanny Marcus geboren, war die Älteste von neun Kindern des Kaufmanns David Marcus und seiner Ehefrau Zippora.
Fannys Vater bemühte sich bereits nach dem Judenedikt 1812 um eine Umwandlung des jüdischen Nachnamens "Marcus" und wählte, um die Herkunft zu verbergen, den christlichen Namen "Lewald", welcher aber erst 1831 vollends in Kraft trat.
Das Thema Religion wurde in der Familie verschwiegen, dass sie Jüdin war, erfuhr Fanny von einer Nachbarin, und auch nur diese nahm ihre Fragen über und Auseinandersetzung mit der Religion ernst.
Als Erstgeborene hatte sie zeitlebens ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem "aufgeklärten" Vater, der sie zwar sehr förderte, aber gleichsam auch einzuschränken versuchte. Zu ihrer weniger gebildeten Mutter hatte sie ein angespanntes Verhältnis, fühlte sich Fanny ihr gegenüber doch schon mit acht Jahren überlegen. Wie ihre Brüder durfte auch Fanny eine pietistische Schule besuchen und nach kurzer Zeit war sie eine sehr fleißige und ehrgeizige Schülerin. Sie wurde mit dem ehemaligen Schulbesten verglichen und überzeugte mit herausragenden Leistungen, allerdings bemerkten Lehrer schon in jungen Jahren eine gewisse Kühnheit. Die Schulzeit war nur kurz, und so wurde sie ab ihrem 13. Lebensjahr im Haushalt auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet. Auch wenn Fanny teilweise den gesamten Hausstand der Großfamilie organisierte, fühlte sie sich doch unnütz und langweilte sich sehr. Ihr fehlten intellektuelle Impulse, und auch der gutgemeinte Tagesplan des Vaters führte nicht zur Besserung. Das Familienleben wurde immer schwieriger und die Beziehung zum Vater schlechter. Ihrem Unglück schien ein Ende nahe, nachdem sie sich in den Theologiestudenten Leopold Bock verliebte und eine Hochzeit nahte. Doch Fannys Vater löste diese Verbindung ohne jegliche Erklärung, und sowohl Fanny damals als auch WissenschaftlerInnen heute können über die Beweggründe nur spekulieren: Kurze Zeit später erlaubte David Lewald seiner Tochter den Übertritt zum Christentum, wohl aus politischem und praktischem Kalkül heraus, und Fanny konvertierte. Später äußerte die Schriftstellerin ambivalente Gefühle über diesen Schritt.

Reise ins "Junge Deutschland"

1832 nahm der Vater Fanny auf eine Geschäftsreise ins Rhein/Neckar-Gebiet mit, angeblich um ihren Horizont zu erweitern (dabei suchte er nach einem geeigneten Heiratskandidaten). Nach dem ersten Ärger über den vorgetäuschten Grund der Fahrt wandelte diese sich allerdings wirklich in eine inspirierende Reise: Fanny Lewald begegnete dem Geist einer neuen Epoche. Im Juli 1830 fand eine Revolution in Frankreich statt, während in Polen eine neue Unabhängigkeitsbewegung entstand, beide Ereignisse waren eng mit den Geschehnissen im deutschen Staatenwesen verbunden, angekündigt durch das Hambacher Fest im Mai 1832, auf dem eine Republik und ein vereintes Deutschland gefordert wurden. Fanny Lewald traf viele wichtige Persönlichkeiten der demokratischen Bewegung, unter ihnen den zum Christentum konvertierten Schriftsteller und Kritiker Ludwig Börne (1778-1837), dessen Werke zur damaligen Zeit für viel Diskussionsstoff sorgten.

Während Fanny für einige Zeit bei aufgeschlossenen Verwandten in Breslau lebte, lernte sie sowohl die politischen und sozialen Fragen des Vormärzes kennen, als auch die neueste Literatur des "Jungen Deutschland" und der französischen Schriftstellerin George Sand.

Zurück in Königsberg war es für die junge Frau noch schwerer eine Rolle in der Familie zu finden, hatte sie sich doch sehr entwickelt und viele neue, revolutionäre Erfahrungen gemacht. Den ersten Schritt zur eigenen Emanzipation machte sie mit der Ablehnung des von ihren Eltern ausgesuchten Heiratskandidaten.

Später stilisierte die berühmte Schriftstellerin in Meine Lebensgeschichte (1862) ihre Kindheit und Jugend als Bildungsroman in drei Etappen: Im Vaterhause, Leidensjahre, Wanderjahre. Ihr Talent wurde zufällig entdeckt, und ihre ersten Werke erschienen anonym, wie es die Familie verlangte. Die Mutter erlebte den Publikumserfolg der drei Vormärz-Romane Clementine, Jenny und Eine Lebensfrage (1843-5) nicht mehr, die Lewald eine Zukunftsperspektive eröffneten: Sie konnte sich nun selbst ernähren, eine Wohnung in Berlin beziehen, aus Neigung oder auch gar nicht heiraten. Andere Frauen gaben ihr Modelle der Unabhängigkeit.Rahel Varnhagens Briefe und Freundinnen wie Therese von Bacheracht, Elisabeth Baumann und Adele Schopenhauer trugen stark zu der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins bei.

Unabhängig und selbstbestimmt

Nach dem Tod des Vaters übernahm Fanny die Verantwortung für zwei jüngere Schwestern und entschloss sich dazu, ihre Werke unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Bei einer Italienreise verliebte sie sich 1846 in den verheirateten Gymnasiallehrer und Philologen Adolf Stahr. Erst 1855, nachdem Stahrs erste Ehe geschieden war, heirateten sie. Fanny entschied, dass sie weiter über ihr eigenes Geld verfügen würde und behielt als "weiblicher Autor" ihren eigenen Namen Lewald.

Inzwischen erlebte sie 1848 die Revolution in Paris und Berlin. 1850 reiste sie nach England und Schottland. Reiseliteratur wurde in dieser Epoche sehr beliebt. Unter den vielen, die ihren Berliner Literatur-Salon besuchten, waren Ferdinand Lassalle und George Sand. Sie wechselte von Tendenzromanen und phantastischen Erzählungen zu einer realistischeren Schreibweise. Für Fanny Lewald waren Themen wie eine androgyne Menschlichkeit und wandlungsfähige Figuren wichtig – Frauen, die mutig neue Wege beschreiten, und mütterliche Männer.

Ihre späteren Werke

Neben den großen Romanen "Wandlungen" (1853), "Von Geschlecht zu Geschlecht" (1864-1866) und vielen Erzählungsbänden veröffentlichte sie Aufsätze zur Gleichberechtigung: "Osterbriefe für die Frauen" (1863) und "Für und wider die Frauen" (1870). Sie vertrat in ihren Werken vehement den Standpunkt, dass Frauen genauso begabt seien wie Männer und verlangte das Selbstbestimmungsrecht und die Gleichstellung in Arbeitswelt und Ehe. Das allgemeine Wahlrecht visierte sie für eine Zeit an, da Frauen gebildeter sein würden und plädierte dafür, dass Gymnasien und Universitäten Frauen ihre Türen öffnen sollten. Sie empfahl ihren Leserinnen aus dem Bürgertum schwesterliche Solidarität mit Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen und machte sich für Gemeinschaftsküchen stark.
Mit Stahrs Tod 1876 erlebte sie einen Tiefpunkt, gelangte aber zu neuer Kraft in Rom. Sie blieb eine unermüdliche Schreiberin. Die letzten Jahre arbeitete sie an ihrem Tagebuch mit Aphorismen, "Gefühltes und Gedachtes", und ordnete Briefe für den Nachlass. Die Memoiren "Zwölf Bilder nach dem Leben" erschienen 1888.

Fanny Lewald starb unterwegs auf einer ihrer vielen Reisen am 5. August 1889 in Dresden. Am 9. August wurde sie in Wiesbaden beigesetzt. Die Männer der nächsten Generation würdigten sie als "preußische Patriarchin", Frauen ist sie bis heute als "Bahnbrecherin" in Erinnerung.

Roswitha Hoffmann: Das Mädchen mit dem Jungenkopf

Die Erziehungswissenschaftlerin widmet sich in ihrer Biographie eingehend Erziehung und Bildung der jungen Fanny Lewald, indem sie die gesamte Kindheit bis hin zum jungen Erwachsenenalter in den Fokus ihrer Forschung stellte. So geht sie auf die Fragestellungen ein, welche Komponente in ihrer Kindheit dazu beigetragen hat, dass sie nicht den Wünschen ihrer Eltern folgend ein gut gebildetes Vorbild für ihre jüngeren Geschwister wurde, sondern eine berühmte und emanzipierte Schriftstellerin, ein Vorbild für viele Frauen nach ihr? Und welchen Einfluss hatte das Judentum auf ihre hervorragende Bildung und Erziehung? Wurde die Schriftstellerin nach jüdisch orthodoxen oder liberalen Vorstellungen erzogen, oder hat Fanny Lewald Recht, wenn sie behauptet, nicht nach jüdischen Traditionen erzogen worden zu sein? Wie beeinflusste das Unwissen über ihre Religionszugehörigkeit ihren Werdegang, wie wirkte sich die Verschwiegenheit und Abneigung in der Familie gegenüber allem Jüdischen auf ihre Entwicklung aus?

AVIVA-Tipp: Diese und noch viele weitere Fragen werden auf übersichtliche und verständliche Weise in Hoffmanns Buch beantwortet. Zusätzlich erhält frau spezifische Informationen zur Bedeutung der Erziehung und Bildung im Judentum des 19. Jahrhunderts und zu allgemeinen Forschungen bezüglich der der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Wer mit dem Leben und Werk Fanny Lewalds bisher noch nicht vertraut ist, sollte jedoch zunächst eine ausführlichere Lebensbeschreibung lesen, um einen Überblick über das Leben und Schaffen der Intellektuellen zu gewinnen.

Zur Autorin:. Dr. phil. Roswitha Hoffmann, geboren 1946. Die gelernte Einzelhandelskauffrau und Kosmetikerin erwarb auf dem zweiten Bildungsweg die Hochschulreife und absolvierte ein Studium der Erziehungswissenschaften, schloss mit Magister ab und promovierte über "Fanny Lewalds Erziehung und Bildung". Seit Jahrzehnten arbeitet sie selbständig als Kauffrau und Kosmetikerin sowie als Lehrkraft in der Erwachsenenbildung. (Quelle: Verlagsinformationen)

Roswitha Hoffmann
Das Mädchen mit dem Jungenkopf: Kindheit und Jugend der Schriftstellerin Fanny Lewald

Ulrike Helmer Verlag, erschienen März 2011
Broschiert, 153 Seiten
ISBN-13: 978-3897413122
24,95 Euro

Mehr Informationen zu Fanny Lewald im Netz:

www.fembio.org

http://jwa.org

www.women-in-history.eu

Literatur von und über Fanny Lewald im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Ausgewählte Werke von Fanny Lewald im Ulrike-Helmer-Verlag :

Politische Schriften für und wider Frauen

Leidensjahre

Jenny

Italienisches Bilderbuch

Im Vaterhause

Befreiung und Wanderleben

Diogena

Ausgewählte Literatur über Fanny Lewald:

Eckart Kleßmann: Mein gnädigster Herr! Meine gütige Korrespondentin! Fanny Lewalds Briefwechsel mit Carl Alexander von Sachsen-Weimar. Böhlau, Weimar, 2000, ISBN 3-740-01112-2.

Gabriele Schneider: Fanny Lewald. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1996, ISBN 3-499-50553-3.

Christina Ujma, Fanny Lewalds urbanes Arkadien, Studien zu Stadt, Kunst und Politik in ihren italienischen Reiseberichten aus Vormärz, Nachmärz und Gründerzeit, Aisthesis Verlag Bielefeld, 2007.

Margaret E. Ward: Fanny Lewald. Between Rebellion and Renunciation. Peter Lang, New York u. a., 2006, ISBN 0-8204-8184-X.

Regula Venske: "Ach Fanny!" Vom jüdischen Mädchen zur preußischen Schriftstellerin: Fanny Lewald. Elefanten Press, Berlin 1988.

Elisa Müller-Adams: "Das gigantische England und meine kleine Feder". Gender und Nation in Englandreiseberichten von Fanny Lewald und Emma Niendorf. In: Christina Ujma: Wege in die Moderne. Reiseliteratur von Schriftstellerinnen und Schriftstellern des Vormärz. Aisthesisi, Bielefeld, 2009, ISBN 978-3-89528-728-2.




(Quellen: FemBio, Jewish Women´s Archive, Ulrike Helmer Verlag, AVIVA-Berlin)

Literatur Beitrag vom 24.03.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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