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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.03.2011

Naomi Leshem - Sleepers
Ricarda Ameling

"Sleepers" liefert einen Blick auf schlafende Jugendliche verschiedener Nationalitäten. Man könnte sich fragen, was daran Stoff für einen ganzen Bildband gibt. Doch die israelisch-schweizerische ...



... Fotografin Naomi Leshem zeigt nicht nur ihre faszinierenden Aufnahmen, sondern lässt auch sechs AutorInnen zu Wort kommen, die in Begleittexten ihre Assoziationen, Interpretationen und Ideen beim Betrachten der Bilder preisgeben. So ist ein vollkommen abgerundetes Werk entstanden, welches neben hervorragenden Fotos und epischen Texten Anstoß zum Nachdenken gibt.

Schon Heinrich Heine empfand die Nachtruhe als größte Wohltat: "Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung!". Die Bilder der mit dem Constantiner Photography Award ausgezeichneten Fotografin Naomi Leshem unterstützen auf den ersten Blick dieses Zitat. Geschlossene Augen, entspannte Muskulatur, keine Spur von Anspannung oder Sorgen ist auf den Gesichtern der 32 Jugendlichen aus Frankreich, Deutschland, den USA, der Schweiz und zum größten Teil aus Israel zu erkennen. Nichts deutet auf das bewegte Leben dieser jungen Menschen hin. Aber auch wenn Unternehmungslust und Bewegungen des Tages nicht zu sehen sind, so strahlen alle schlafend Fotografierten doch eine Lebendigkeit aus, die erstaunlich ist. Die Wärme der glänzenden, lebenden, atmenden Haut ist fast spürbar, die roten Lippen und Ohren zeugen vom festen Tiefschlaf. Die Jugendlichen, im Halbportrait dargestellt, wirken friedlich, zufrieden, selbstsicher, ganz in einer anderen Welt versunken – und vielleicht grade deshalb so schön?

Schlaf – Ambivalenz zwischen Ruhe/Frieden und Tod

Naomi Leshem, die selbst Mutter von zwei Teenagern ist, hat sich nicht nur in "Sleepers", sondern auch in ihrem letzten Projekt "Runways" mit Jugendlichen und ihren Zukunftsperspektiven, Träumen und Ängsten fotografisch auseinandergesetzt: Für "Runways" ließ sie junge Frauen auf den Startbahnen von Flugstützpunkten posieren, einige Tage vor dem Antritt ihrer obligatorischen Militärdienstzeit und somit einer ungewissen Zukunft ins Auge blickend.

Größer könnte der Kontrast also eigentlich gar nicht sein, implizierte doch "Runways" das baldige Abheben potenziell gefährlicher und gefährdeter Kampfjets, "Sleepers" dagegen zeigt schlafende Jugendliche, harmlos und unversehrt. Doch bedenkt man, welche Assoziierungen der Schlaf seit jeher bei Menschen auslöste, bekommt Leshems neuestes Werk einen völlig anderen Beigeschmack: In der griechischen Mythologie sind Thanatos (der Tod) und Hyponos (der Schlaf) Zwillingsbrüder, und auch im Judentum haben Schlaf und Tod eine besondere Beziehung: Im Morgengebet wird jeden Morgen dem Schöpfer für die Rückgabe der Seele gedankt, die ihm während jeder Nacht anvertraut wird: "Lebendiger Herr, König der Welt, ich danke dir, dass du mir Gnade erwiesen und mir meine Seele zurückgegeben". Unter diesem Gesichtspunkt beginnt man, die Komposition der Bilder und die Körpersprache der jungen Männer und Frauen anders zu deuten.

Blick ins Leben der Heranwachsenden

Beim Betrachten der Aufnahmen liegt der Gedanke an Voyeurismus nicht fern, da die von Leshem gewählte Perspektive an der Intimsphäre der ProtagonistInnen ganz dicht dran ist. Das Interesse ist geweckt: Welche Gedanken, Gefühle, welchen Kummer und welche Träume haben die hier Schlafenden wohl? Inwieweit können Probleme des Alltags, der Kultur, Spannungen im eigenen Land– von persönlichen Sorgen und Ängsten einmal ganz abgesehen – während des Schlafes verschwinden und der Erholung und der Unversehrtheit der eigenen Traumwelt weichen?

Im Bruchteil einer Sekunde, tatsächlich ist es nur eine 250tel Sekunde, wird ein Bild von Menschen eingefangen und entlässt die BetrachterInnen mit einer Vielzahl von Fragen. Aber weder Leshem, noch ihre Fotografien, geben Antworten.

Ungestellte Aufnahmen

Naomi Leshem fotografiert keine bekannten Persönlichkeiten, sie lässt ihre Modelle bei diesem Projekt nicht posieren (inwieweit man seine Schlafstellung unterbewusst selbst beeinflussen kann, bleibt dabei allerdings ungewiss), nichts wurde inszeniert. Die Bewegungen der Schlafenden, das Verschieben von Bettlaken und Kissen, Falten – Leshem nahm keinerlei Einfluss auf das Arrangement oder das Setting.
Alle ProtagonistInnen im Alter von 16 bis 20 Jahren meldeten sich freiwillig zur Teilnahme an Leshems neuester Arbeit. Der Kunstwissenschaftler Ruven Kuperman schreibt dazu in seinem Essay "Das Nichteingreifen bei der Auswahl der Modelle ist wichtig, denn es macht die Dokumente demokratischer und verleiht dem abgebildeten Phänomen größere Objektivität."

Leshem reiste in verschiedene Kontinente, um die Jugendlichen abzulichten. Sie wählte bewusst nicht die Zeit des Einschlafens, den Moment des Aufwachens, die Hektik des Verschlafens, sondern entschied sich für den Moment der größten Angreifbarkeit, die Tiefschlafphase . Die Fotografin baute im Zimmer der Jugendlichen ihre Fotoausrüstung auf und kehrte erst nach einer Stunde wieder zurück. Darauf bedacht, niemanden zu wecken, ließ sie den Blitz über eine Silberfolie reflektieren.

Essays zu Sleepers

Was fällt Autorinnen und Autoren beim Nachdenken über Schlaf und Schlafen ein? Was berührt sie beim Betrachten der Bilder von Naomi Leshem? Eran Zur, Rocksänger und Lyriker aus Israel, Eshkol Nevo, israelischer Schriftsteller, Urs Faes, Romanautor aus der Schweiz, Ulla Hahn, deutsche Lyrikerin und Romanautorin, Ruven Kuperman, israelischer Fotograf und Kunstwissenschaftler, sowie der in Kanada lebende serbische Schriftsteller David Albahari , geben mit ihren Beiträgen einige Deutungen und Anregungen. So wird der Blick auf die Bilder ein anderer, wenn Eshkol Nevo von den Ängsten einer israelischen Mutter erzählt, welche ihren schlafenden Sohn betrachtet. Sie kann und will ihn nicht aufwecken, weiß sie doch, dass er sonst dem Anruf des Militärs Folge leisten und gehen müsste.

AVIVA-Tipp: Der Bildband zur Ausstellung "Sleepers", die 2009 in Tel Aviv und 2010 in der Schweiz und in den USA gezeigt wurde, überzeugt nicht nur durch unprätentiöse Portraitfotografien. Der Blick auf Kopf und Oberkörper gibt nicht nur für intime Fragen Anlass, sondern lässt auch Fragen nach Herkunft, Kultur, Ästhetik und der von Leshem genutzten Art der Dokumentation entstehen. Die den Fotografien hinzugefügten Essays thematisieren unter anderem den für junge Israelis verpflichtenden Militärdienst und die damit einhergehenden Sorgen ihrer Angehörigen. Es handelt sich hierbei also nicht nur um ein rein ästhetisches Kunstwerk, sondern auch um einen gesellschaftskritischen Beitrag.

Zur Fotografin: Naomi Leshem wurde 1963 in Jerusalem geboren und arbeitet in Tel Aviv. Sie ist außerdem Bürgerin der Stadt Bern. Seit 1996 ist sie Dozentin für Fotografie an verschiedenen israelischen Hochschulen.
Weitere Informationen zur Fotografin und ihrer Arbeit unter:
www.naomileshem.com.de

Naomi Leshem
Sleepers

Herausgeber: Michael Guggenheimer, Peter Röllin
Mit Texten von David Albahari, Urs Faes, Ulla Hahn, Ruven Kuperman, Eshkol Nevo und Eran Zur
Deutsch, Englisch, Hebräisch
Benteli - Verlag, erschienen Januar 2011
Gebundene Ausgabe, 112 Seiten, 32 farbige Abbildungen
ISBN-13: 978-3716516720
40 Euro
http://shop.benteli.ch

Literatur Beitrag vom 29.03.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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