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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.04.2011

Vanessa F. Fogel - Sag es mir
Ricarda Ameling

"Auf Deutsch zähle ich die Sterne im Wiegenlied meiner Mutter, auf Hebräisch zähle ich die Kalorien, die ich zu mir nehme, und auf Englisch zähle ich mich durch Klopfen in Sicherheit." Die junge...



... Autorin erklärt, wie gescheiterte Ehen, Essstörungen und Konzentrationslager zusammen hängen und macht mit ihrem Debütroman auf die allgegenwärtige Vergangenheit im Leben der "dritten Generation" von Holocaust-Überlebenden aufmerksam.

Auf der Reise nach der eigenen Vergangenheit die Gegenwart verstehen lernen

Die Protagonistin Fela reist auf Bitte ihres Großvaters von New York nach Polen, um mit ihm den Ort zu besuchen, der nicht nur Heimat, sondern auch Erinnerung an die schlimmste Zeit seines Lebens darstellt: Den Holocaust. Fela, die immer sehr an der Geschichte ihrer Familie interessiert war, erfährt nun aus nächster Nähe von seiner Zeit im Konzentrationslager und dem Schicksal seiner Familienmitglieder, von denen nur wenige den Holocaust überlebt haben. Ihr Großvater Mosha betont dabei immer den Wunsch, diese Geschichten einmal nieder geschrieben zu sehen und so an seine Nachkommen weitergeben zu können. Die Reise in die Vergangenheit bewegt Fela dazu, über ihre eigene Situation in New York und ihre Kindheit im Israel der achtziger Jahre zu reflektieren.

Kindheit und Jugend in Deutschland, Israel und den USA

Fela wird in Deutschland geboren, ihre Familie zieht noch in ihrer frühen Kindheit nach Israel. Hier erlebt sie sowohl wunderschöne Momente, als auch die Ängste und Schrecken des Krieges: Die Beschimpfung, ein "Nazi" zu sein und die Todesangst im Luftschutzbunker prägen ihre Kindheitserinnerungen. Nicht nur Felas Entwicklung wird stark von dem allgegenwärtigen Konflikt geprägt: Die Ehe ihrer Eltern - ihr Vater ist ein überzeugter Zionist, die Mutter vermisst Deutschland sehr und ist davon überzeugt, dass ein sicheres Leben für Juden in Israel nicht möglich ist – zerbricht unter anderem auf Grund unterschiedlicher Meinungen zum Konflikt in Israel.

Nach der Trennung der Eltern zieht Fela mit ihrer Mutter nach New York, wo sie einen großen Teil ihrer Jugend verlebt, teilweise Abstand zu ihren alten Sorgen gewinnen kann, doch ein Loslassen niemals wirklich möglich ist – zu sehr vermisst sie ihren Bruder Tom, ihren Vater und die Orte ihrer Jugend. Und natürlich ihren Kindheitsfreund Lior.

Als Fela sich schließlich auf die Suche nach ihrer eigenen Herkunft und der Vergangenheit des Großvaters nach Polen begibt, ist dieses Land für sie zunächst nichts anderes als ein "Riesenfriedhof". Doch die junge Frau stellt immer mehr Fragen, verliert ihre Scheu – und ihr Großvater antwortet, langsam und in zunächst in sparsamen Dosen. Fela möchte vor allem mehr über ihre Großtante erfahren, die im Alter von zwölf Jahren im KZ verhungerte – sie spürt zu ihr eine besondere Verbindung, denn sie trägt den Namen der Ermordeten: Fela.

Ein einfühlsamer Blick auf das Erbe der dritten Generation

"Die Menschen werden dieses leichte, ernste Buch lieben!", schreibt der Publizist Maxim Biller und macht damit deutlich, wie widersprüchlich diese beiden Attribute für ein und denselben Roman sind. Doch Vanessa F. Fogel gelingt es, die mitunter etwas kitschig und dramatisch erscheinende Liebesgeschichte zwischen Fela und Lior auf gelungene Weise mit den ergreifenden und furchtbaren Erinnerungen ihres Großvaters zu verbinden. Der jungen Autorin scheint es dabei nicht darum zu gehen, sich dem Holocaust aus historischer Sicht zu nähern, sondern vielmehr das emotionale Erbe, welches dieser auch noch Generationen später mit sich bringt. Erinnerungen an den Krieg, die eigene Kindheit, Erzählungen aus Deutschland und aus Polen, Rückblicke nach Israel und in die USA, und zwischendurch auch immer wieder fiktive Dialoge -welche Fela mit ihrem Großvater oder Lior zu führen wünscht- wechseln sich ab, sind ineinander verschlungen – und es ist vor allem die Empathie zu den Charakteren die diesen Roman so berührend machen.

Etwas irritierend ist, dass Vanessa F. Fogel nicht bereit dazu scheint, eine politische Position einzunehmen, obwohl sie am Beispiel von Felas Eltern schildert, wie unterschiedliche Sichtweisen auf die Politik im Land zum Ende einer Ehe führen können. Doch die Autorin ziert sich, eine etwas klarere Stellung zum israelisch-palästinensischen Konflikt Preis zu geben: "Ich bin keine Politikerin." Da aber politisch und historisch brisante Themen den Hintergrund für den Entwicklungsroman stellen, würde man sich eine etwas politischere Stimme wünschen. Auch wird das Interesse beim Lesen eher auf die Episoden gelenkt, welche sich mit Felas Erwachsenwerden und Liebesleben drehen als um die Vergangenheit des Großvaters.

Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz

Im Kontrast zum reservierten Ton auf politischem Gebiet steht die Direktheit, wenn es um persönliche Erfahrungen der Protagonistin geht: "In der Nacht, bevor ich nach Deutschland zu Mosha, meinem Großvater, fliege, lerne ich jemanden kennen, nehme ihn mit zu mir und schlafe zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann" – der erste Satz führt etwas zu plötzlich in das Intimleben einer jungen Frau. Störend ist auch, dass Vanessa F. Fogel streckenweise den Bogen etwas überspannt:: Manchmal ist weniger mehr, und so erscheint leider einiges vorhersehbar und klischeehaft, was vermutlich eindrücklicher und intensiver gemeint war. Zu pathetisch wird es auch dann, wenn Fela sich einen Davidstern tätowieren lässt: "Wie mein Großvater habe ich eine Tätowierung, die mich und meinen Körper als jüdisch kennzeichnet. Etwas, das mich kategorisiert, mich vielleicht in Gefahr bringt, etwas, das mich beschützt - ein versteckter Stern, ein Schutzschild. (…) Ich habe mich gezeichnet mit Geschichte, mit meiner eigenen Geburt, meinem Leben, meinem Tod." Eine überdeutliche Erklärung des Tattoos auf ihrem Schambein.

Vanessa F. Fogel erzählt in ihrem Debutroman nicht nur vom manchmal schmerzhaften und langwierigen Prozess des Erwachsenwerdens, sondern vor allem davon, welche Bedeutung die jüdische Identität für sie hat. Dies geschieht allerdings nicht, wie so oft der Fall, auf eine durchweg bedrückende Weise, sondern ist in erster Linie ein Coming-of-Age-Roman einer Dreißigjährigen, welche viele Gemeinsamkeiten mit Fela teilt: Beide sind Zugehörige der dritten Generation, der letzten, die noch die Möglichkeit zum Gespräch mit Holocaustüberlebenden in der eigenen Familie haben. Auch Fogel ist die Enkelin eines polnischen Juden, der sie um ein Buch über seine Geschichte bat. Mit vier Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Israel, später studierte sie in New York, heute verbringt sie viel Zeit in Tel Aviv. Resultat dieses Lebensstils ist es, dass sie mit ihrem Bruder Hebräisch spricht, mit ihren Eltern auf Deutsch redet, ihr Buch dagegen auf Englisch schrieb. Dass es zuerst auf Deutsch erschien hat einen bestimmten Grund: Sie wollte, dass es auch ihr Großvater noch lesen konnte.

AVIVA-Tipp: "Sag es mir" ist trotz einiger Längen ein berührender Roman, der beim Lesen Lust macht, sich mit der Protagonistin Fela auf den langen Weg ihrer Selbstfindung zu machen. Dabei ist es nicht nur das Erwachsenwerden, sondern auch die Suche nach der eigenen Identität als Jüdin und Enkelin von Holocaustüberlebenden, das Vanessa F. Fogel facettenreich und sensibel darstellt.

Zur Autorin: Vanessa F. Fogel wurde 1981 in Frankfurt am Main geboren. Als sie vier Jahre alt war, wanderten ihre Eltern mit ihr nach Israel aus. Von 1999 bis 2003 studierte sie Komparatistik an der Cornell University, New York. Danach arbeitete sie als Chefredakteurin eines Graphis-Magazins und im Kunstbereich. Seit 2009 verbringt die Schriftstellerin viel Zeit in Tel Aviv. "Sag es mir" ist ihr erster Roman.
Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter:
www.weissbooks.com
http://vanessaffogel.tumblr.com

Vanessa F. Fogel
Sag es mir

Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Böhmer
Weissbooks, Frankfurt am Main, erschienen 2010
Gebunden mit Bändchen, 334 Seiten
ISBN-13: 978-3940888587
19, 80 Euro

Literatur Beitrag vom 29.04.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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