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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.05.2011

Sophie Albers - Wunderland
Claire Horst

Als "literarischen Blick in unsere Parallelgesellschaft" preist der Verlag den Roman der stern-Autorin Albers an. Was das sein soll, "unsere" Parallelgesellschaft, wird wieder einmal als bekannt..



... vorausgesetzt.

"Wir", das sind nat├╝rlich die "Biodeutschen", die ohne Migrationshintergrund. Und mit der Parallelgesellschaft ist weder die katholische Kirche gemeint noch der Fu├čballklub von nebenan, sondern, nat├╝rlich, die Welt arabischst├Ąmmiger junger Neuk├ÂllnerInnen.

Wie ihre Sch├Âpferin ist Hanna Journalistin. Als sie ├╝ber die R├╝tlischule, mangelnde Integration und muslimische Jugendliche schreiben soll, entschlie├čt sie sich zum Portr├Ąt eines einzelnen jungen Mannes. Tamer lernt sie auf der Stra├če kennen. Er entspricht dem Klischeebild eines jungen Arabers: Goldkettchen, Picaldi-Kleidung, dickes Auto. Nat├╝rlich ist "schwul" f├╝r ihn ein Schimpfwort, genau wie "Jude". Und dass Hanna, die sich jetzt regelm├Ą├čig mit ihm trifft, ihren Kaffee niemals selbst bezahlen darf, ist ebenfalls selbstverst├Ąndlich.

Die Autorin m├Âchte eine junge Frau darstellen, die von einer fremden Welt fasziniert ist und ihre festen ├ťberzeugungen hinterfragt ÔÇô nicht umsonst zitiert der Titel Lewis Carrolls "Alice im Wunderland". Wunderbar also, k├Ânnte man meinen. Schade nur, dass diese festen ├ťberzeugungen teilweise wirklich penetrant falsch sind. Als Tamer Hanna sein Elternhaus in Neuk├Âlln zeigt, wirft das Erwartungen durcheinander, die nur die desinformierteste Boulevardzeitungsleserin haben kann: "Es ist so ruhig, dass man V├Âgel zwitschern h├Ârt. Wir begegnen keinem Menschen. Dabei ist der ber├╝chtigte Hermannplatz nur ein paar hundert Meter entfernt." Wei├č doch jede/r, dass am gef├Ąhrlichen Hermannplatz keine Amsel ├╝berlebt.

Seltsam auch der Eindruck der Protagonistin, in Berlin gebe es No-Go-Areas f├╝r NichtmigrantInnen: "Auf dem Weg zu Tamer passiere ich einen der ├ťberg├Ąnge von Mittelklasse-Berlin nach Little Istanbul. Das gibt es in vielen Stadtteilen. Und pl├Âtzlich bin ich die, die auff├Ąllt, so wie damals in Paris, wo ich im 18. Arrondissement, den Senegalesen-Viertel, gewohnt habeÔÇŽ Dort war ich die einzige Wei├čeÔÇŽ Entweder werde ich ignoriert oder angestarrt mit einem Blick, der sagt: Was willst du hier?" Am Ende der Szene spuckt ihr ein kleiner Junge vor die F├╝├če. Kristina Schr├Âder, ├╝bernehmen Sie: Hier droht "Deutschenfeindlichkeit".

Hanna, j├╝dische Deutsche aus bildungsb├╝rgerlichem Elternhaus, h├Ąlt sich f├╝r ├Ąu├čerst mutig und aufgeschlossen, da sie sich auf diesen Tamer ├╝berhaupt einl├Ąsst. Und die Auseinandersetzung mit seiner Lebensanschauung ├Ąndert tats├Ąchlich ihren Blick auf die Welt. Pl├Âtzlich nimmt sie die Diskriminierungen wahr, denen er ausgesetzt ist, erkennt die Blicke, die auch ihr zugeworfen werden, da sie mit ihm im Caf├ę sitzt. Die Schizophrenie, mit der sich Hanna einerseits angezogen f├╝hlt von der "M├Ąnnlichkeit" des Jungen, von seiner Gro├čz├╝gigkeit und seinem Besch├╝tzerinstinkt, und ihre Abwehr andererseits gegen Frauenfeindlichkeit und Machokultur, ist der spannendste Aspekt des Romans.

Zu einem reflektierteren Weltbild f├╝hrt Hannas Besch├Ąftigung mit Tamers Welt allerdings nicht. Denn mit den Vorurteilen kommt ihr auch der gesunde Menschenverstand abhanden: Bislang hatte sie Anmachen auf der Stra├če immer als l├Ąstig empfunden. Pl├Âtzlich erkennt sie, dass sie ja auch anders reagieren k├Ânnte, und l├Ąchelt fortan den Jungs zu, die ihr hinterherpfeifen. Denn die Abwehr von Machogesten ist eigentlich Arroganz, wei├č sie jetzt. Als einzige Frau unter Tamer und seinen Freunden findet sie zu sich selbst: Deren Mitleid mit ihr, der drei├čigj├Ąhrigen Kinderlosen, empfindet sie als wohltuend ÔÇô denn anscheinend will doch jede Frau nichts als Kinder und Komplimente, wenn sie nur auf ihre Emotionen h├Ârt.

AVIVA-Fazit: Das x-te Buch zur Sarrazin-Debatte h├Ątte spannend werden k├Ânnen. Ein Wechsel der Perspektive, Hinterfragen der eigenen ├ťberzeugungen, Unsicherheiten und ein Sicheinlassen auf eine andere Lebenswelt, das sind wunderbare Ans├Ątze. Schade nur, dass hier Stereotype zementiert statt aufgel├Âst werden. Sprachlich ebenso banal wie inhaltlich, ├╝berzeugt der Roman leider nicht.

Zu der Autorin/Herausgeberin: Sophie Albers wurde 1970 in Hamburg geboren. Sie hat Film, Geschichte und Literatur studiert und danach als Journalistin bei verschiedenen Magazinen gearbeitet. Seit 2008 ist sie Kultur-Redakteurin bei stern.de. Sie lebt in Berlin. "Wunderland" ist ihr erster Roman. (Verlagsinformationen)

Sophie Albers
Wunderland

Knaus Verlag, erschienen am 14. M├Ąrz 2011
ISBN: 978-3-8135-0398-2
14,99 Euro


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