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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.07.2011

Monica Cantieni - Grünschnabel
Sonja Baude

Die Schweizer Autorin erzählt von der Notwendigkeit der Sprache für das eigene Leben. Sie selbst schlägt einen melancholischen und zugleich humorvollen Ton an: ein beeindruckend poetisches Debüt!



Grünschnabel wird die Ich-Erzählerin von ihrem Großvater genannt, der tatsächlich gar nicht der echte Großvater ist, denn das Mädchen war im Heim, bevor es von seinen Eltern adoptiert wurde und kann auf keine eigene Genealogie zurückgreifen. Überhaupt kann sie sich ihrer neuen Welt nicht sicher sein. Nichts in ihrem Leben ist so, wie es ist, weil es schon immer so war. Stattdessen muss sich Grünschnabel, die im Roman namenlos bleibt, ihre Kontinuitäten selbst schaffen, jeden Tag neu verstehen lernen, in welches Familienkonstrukt sie hineingeraten und dessen Teil sie von nun an ist. Der Vater ist liebevoll bemüht, das Kind zu beheimaten, die Mutter eigenartig abwesend, von Einsamkeit und Schwermut heimgesucht, einem "Himmelend", dem nur mit Pillen und der Idee vom eigenen grandios inszenierten Begräbnis beizukommen ist. Die neue Tochter vermag da wenig auszurichten. Im Großvater aber findet sie einen Verbündeten und Ratgeber.

Die Erkundung der Welt ist für die Ich-Erzählerin, die immer aus der Kinderperspektive schreibt, vor allem eine Suche nach Wörtern, Wörter die helfen sollen, das Leben zu fassen und im besten Fall Zusammenhänge zu erschließen. Die gesammelten Wörter werden zuhause dann in kleine vom Vater beschriftete Schachteln sortiert: FRÜHER, SPÄTER, JETZT und IMMER; Weitere Kategorien kommen hinzu: EINMALIG und STRENG GEHEIM. Wind und Regen und auch Polenta gehören in die IMMER-Schachtel.

"Und Leben?", fragt Grünschnabel den spanischen Freund der Familie,
"Gehört in alle Schachteln.
Eli schrieb La vida.
Ist es in Spanisch dasselbe?
In keinem Mund ist es dasselbe."


Pointierte Dialoge schärfen wie nebenbei das Gespür des Grünschnabels für entscheidende Unterschiede. Aber nicht nur vom Leben, auch vom Tod hat das Mädchen eine Ahnung, weiß von der Heimköchin Helene, "dass der einem über den Weg laufen kann und man danach nicht mehr derselbe ist" und vom Großvater erfährt sie, dass er ganz am Ende noch eine Reise antreten wird, hin zur andern Uferseite des Jordans, wo die Großmutter schon auf ihn wartet – ein tröstlicher Gedanke.

In ihrem Romandebüt gelingt es Monica Cantieni, die naive Sentimentalität zu umgehen, die die Kinderperspektive als Gefahr birgt. Stattdessen schreibt sie in lakonischem und wunderbar humorvollem Ton, der in seiner kindlichen Direktheit unermüdlich das alltägliche Leben auf den Prüfstand stellt. Genaues Hinhören und Hinschauen sind das große Talent des Grünschnabels, dessen sie bedarf, um die Bruchstellen, die zweifellos in diesem kurzen Leben bereits gerissen wurden, auszuhalten und eine Sprache dagegen zu setzen. In den Wirrungen bleibt es nicht aus, dass jede neu gewonnene Gewissheit immer wieder Bedrohungen ausgesetzt ist und also "ständig wechselten die Wörter die Schachteln, von FRÜHER zu JETZT, und von JETZT zu FRÜHER, von FRÜHER zu SPÄTER, und SPÄTER wird immer mehr und FRÜHER auch".

Die Suche nach Dazugehörigkeit und damit auch nach Identität ist das große Thema dieses Romans, sowohl was die Protagonistin anbelangt als auch die Figuren um sie herum. Nicht nur die Tochter muss ihren Platz finden in der neuen Familie, auch die Menschen in ihrer Umgegend, die als GastarbeiterInnen aus anderen Ländern in die Schweiz der 1970er Jahre gekommen sind, kämpfen um ihre Stellung und darum, ihre Fassung nicht zu verlieren, wenn sie sich der Angst vor Überfremdung gegenüber sehen.

Überfremdung ist das, was die Tochter von Toni, dem italienischen Nachbarn und zeitweisen Liebhaber von Grünschnabels Mutter, hat. Es bedeutet, sich in einem Schrank verstecken zu müssen, nicht zur Schule und nicht in den Garten gehen zu dürfen, um dort vielleicht neue Wörter fürs Leben finden zu können. Überfremdung haben heißt, keine Papiere von dem Land ausgestellt zu bekommen, in dem man lebt und arbeitet und es heißt bei Cantieni auf der anderen Seite auch "warten, dass nichts geschieht, was es noch schlimmer macht."

Grünschnabel ist ein politisches Buch, im Wortsinn die Gesellschaft betreffend, und ein sehr privates. Es erzählt vom Ankommen im Leben und vom Abschiednehmen, vom Verstreichen der Zeit, die nicht alle Wunden verheilen lässt und es erzählt zuallererst von der Kraft der Sprache, die zerstörend und erbauend tätig sein kann. All dies findet unmittelbar Eingang in die Lebensrealität des Mädchens, das gerade in seiner Position von außen eine präzise teilnehmende Beobachterin ist, vielleicht vor allem deshalb so bestechend, weil sie selbst noch nicht angekommen ist im ganz eigenen Leben.

AVIVA-Tipp: Monica Cantieni erzählt in ihrem Romandebüt aus der staunenden Perspektive eines Kindes von den Widrigkeiten und auch von den Schönheiten des Lebens. Angesiedelt ist die Geschichte im Schweizer Immigrantenmilieu der 1970er Jahre. Die Ich-Erzählerin, von ihrem Vater "für 365 Franken von der Stadt gekauft", guckt als Adoptivtochter sehr genau auf das, was die anderen Leben nennen. Und so wie andere Kinder mithilfe der Botanisiertrommel die Natur erkunden, sammelt die Protagonistin in kleinen Schachteln Wörter, um sich das Leben begreifbar zu machen. Diese große Wortsammlung, von Cantieni mit feinem und sehr eigenwilligem Sprachwitz angereichert, wird in diesem Roman zu eindrucksvoller Literatur.

Zur Autorin: Monica Cantieni wurde 1965 in der Schweiz geboren und lebt in Wettingen und Wien. Bislang veröffentlichte sie die Erzählung Hieronymus´ Kinder in Buchform und Kurzgeschichten in Zeitschriften. Sie arbeitet als Journalistin beim SRF Schweizer Radio und Fernsehen. "Grünschnabel" ist ihr erster Roman.
Weitere Infos unter: www.monica-cantieni.net

Monica Cantieni
Grünschnabel

Schöffling & Co., erschienen 2011
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3-89561-345-6
19,95 Euro





Literatur Beitrag vom 29.07.2011 Sonja Baude 

   




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