Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Herausgegeben von Adibeli Nduka-Agwu und Antje Lann Hornscheidt - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.05.2011

Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Herausgegeben von Adibeli Nduka-Agwu und Antje Lann Hornscheidt
Undine Zimmer

Rassistische Äußerungen müssen nicht immer von einer rassistisch eingestellten Person kommen. Und werden nicht immer als solche erkannt. "Rassismus auf gut Deutsch" möchte bewusst machen,...



... wo die deutsche Sprache mit Vorsicht zu genießen ist und wo wir unsere Sprachgewohnheiten kritisch hinterfragen sollten.

Kein Wort ist unschuldig

Dieses Buch hat sich hohe Ziele gesteckt. Sehr hohe. Schon der Versuch, diese in einem Satz zusammenfassen, fordert Mut: Die AutorInnen von "Rassismus auf gut Deutsch" haben nach einer wissenschaftlichen sprachlichen Formel gesucht, um jegliche diskriminierende sprachliche Handlungen, die in der deutschen Sprache vorkommen, erfassen zu können. Der Untertitel "Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen", führt jedoch etwas in die Irre. Dieser Band ist mehr als ein Nachschlagewerk. Es orientiert sich an der Struktur eines Nachschlagewerkes, bietet aber drei verschiedene Herangehensweisen: Im ersten Teil zu einzelnen ausgewählten Benennungen, wie "Ausländer_in", "Das N-Wort", "Exotisch, Entwicklung". Im Zweiten zu "rassistischen Gebrauchsweisen ausgewählter Konzepte": wie "Afrika", "Europa", "Islam", oder "Rasse", "Asien" und "Religion". Im letzten Teil wird es mit "Konzepte und Modelle zur Analyse von Rassismus" pragmatischer.

Unlesbar oder Überdeutlich?

In den einzelnen Einträgen machen die AutorInnen ihre Sprachkritik mit wissenschaftlichen Essays, linguistischen Wortanalysen und diskursanalytischen Artikeln von unterschiedlicher Qualität anschaulich. Das Wesentliche an diesem Buch ist jedoch, dass es sein neues Konzept von Benennung rassistischer sprachlicher Handlungen im Deutschen an sich selbst exerziert. Die Inhalte lesen sich als eine Bestätigung des eigenen Modells. "Rassismus auf gut Deutsch" ist ein Buch, das mit neuen Schreibweisen, Wortschöpfungen und manchmal auch mit Wortklaubereien um ein neues Bewusstsein der Sprache kämpft. Zudem wird das wissenschaftliche "Ich" in allen Artikeln wieder eingeführt, auch das eine Demonstration des Trends zur wissenschaftlichen Selbstreflexion. Das Ergebnis ist eine Revolution. Der Duktus ist in vielen Texten nicht um die Kühle eines wissenschaftlichen – vermeintlich neutralen – Tons bemüht, sondern hat einen nahezu aggressiven Unterton. Hier wird versucht, die deutsche Sprache mit aller Kraft umzuwälzen, zu dekonstruieren und alte Lesegewohnheiten durch Unterstriche, Sterne, Wortlücken, Großschreibung einzelner Buchstaben im Wort gewaltsam aufzurütteln. Der Nachteil: Es schafft sich eine eigene Zeichensprache, die wohl nur noch die beteiligten AutorInnen wirklich zu dekodieren wissen. Die Texte werden teilweise unlesbar und das Buch dürfte wohl insgesamt unübersetzbar geworden sein, was einen Großteil der Diskussion auf das Deutsche beschränkt.

Irritierend oder notwendig?

Mit der gesprochenen Alltagssprache haben diese buchstäblichen Versuche, die Weltordnung in neue Fugen zu bringen, weniger zu tun. Sie bleiben bis zu einem gewissen Punkt eine wissenschaftliche Spielerei, die sich in ihrem Bemühen nach Korrektheit sperrig liest und verwirrt. Die Bedeutung der Worte verschwimmt. Auch blieben viele dieser Variationen auf die Schriftsprache beschränkt, andere sind auch hörbar, wie wenn einem "Antirasissmus" ein "Contrarassismus" entgegengesetzt wird.
Daran wird jedoch auch die Hauptproblematik, der dieses Buch gewidmet ist, sichtbar: die Genauigkeit und Ungenauigkeit sprachlicher Bezeichnungen. Denn Sprache in einer wissenschaftlichen Publikation über Rassismus macht Politik und muss mit gutem Beispiel voran gehen. Das ist manchmal irritierend und mühsam, aber notwendig für ein so ambitioniertes Projekt.

Ein Nachschlagewerk für ...?

Die Einleitung ist der eigentliche Kern des Buches. Sie ist zu gleich Bedienungsanleitung für das Nachschlagewerk und Werkzeugkasten für die eigene Forschungsarbeit. Denn dieses Werk bietet kein fertiges funktionierendes Konzept. Es sprengt vor allem bereits funktionierende, viel zu selten hinterfragte, sprachliche Konzepte. An diesen soll die Leserin sich abarbeiten. Kritisch zu betrachten ist jedoch der selbstreferentielle Rahmen des Buches, den sich die AutorInnen durch das ständige gegenseitige Danken und Verweisen auf die Artikel der jeweils anderen innerhalb der Publikation schaffen. Andererseits liegt es in der Radikalität des Buches, dass die AutorInnen, um ihre Thesen zu bestätigen und das neue Vokabular zu normalisieren, bisher nur auf sich selbst verweisen können.

AVIVA-Fazit: "Rassismus auf gut Deutsch" nennt sich ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Es ist aber gleichzeitig ein höchst ideologisches sprachliches Projekt, in dem unausgesprochen eine sprachwissenschaftliche Utopie anklingt, Sprache, insbesondere rassistische und genderspezifische Sprachgewohnheiten zu neutralisieren. Dass das nicht möglich ist, ist den Autorinnen des Werkes bewusst. In seiner Radikalität legt "Rassismus auf gut Deutsch" den Finger genau an die Stellen, wo es vor allem uns weißen Deutschen weh tut. Ein Kritikpunkt bliebt, dass die Diskussion von einer Liga angeführt wird, die sich in derselben Position verortet, auch wenn sie diese kritisiert: "statisiert_weiß_christlich" mit einer Tendenz zu einer "dyke_trans_feministischen" Perspektive. Was letzteres genau bedeutet, bleiben die Autorinnen allerdings auch in den Fußnoten schuldig.

Zu den Herausgeberinnen und Autorinnen

Adibli Nduka-Agwu studierte Sozial- und Politikwissenschaften in Cambridge, ist Co-Chefredakteurin des Harvard Africa Policy Journals und arbeitet am Index of African Gouvernance.
Weitere Infos finden Sie unter:
www.mccloys.org/Adibeli_Nduka-Agwu

Prof. Dr. Antje Lann Hornscheidt hat sich an der Humboldt-Universität Berlin auf transdisziplinäre Gender Studies und Sprachanalyse spezialisiert.
Weitere Infos finden Sie unter:
www.zefg.fu-berlin.de



Adibeli Nduka-Agwu, Antje Lann Hornscheidt (Hrsg.)
Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen

Brandes & Apsel Verlag, erschienen April 2010
ISBN 978-3-86099-643-0
560 Seiten
44 Euro

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