Margreth Lünenborg, Katharina Fritsche, Annika Bach - Migrantinnen in den Medien - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.08.2011

Margreth Lünenborg, Katharina Fritsche, Annika Bach - Migrantinnen in den Medien
Nina Breher

Ein in der transcript-Reihe "Critical Media Studies" erschienenes Buch liefert eine stichfeste Diagnose der Wirkung von Medien auf Stereotype von Migrantinnen. Politische Perspektiven inklusive.



Das Ergebnis – mensch ahnt es – fällt alles andere als positiv aus. Dass aus dieser vagen Ahnung eine Gewissheit wird, ist der große Gewinn, den die Lektüre mit sich bringt. Eine Ahnung lässt sich nicht beweisen und ist allzu schnell wieder vergessen. Doch die Hard Facts, die die an der Freien Universität Berlin forschenden Autorinnen in den Vordergrund stellen, nehmen jedeN in die Verantwortung, zu handeln. Es sollte zur Pflichtlektüre werden, dieses Buch.

Die erste umfassende Untersuchung dieser Art

Tatsächlich ist dies die erste systematische Analyse deutschsprachiger Medien, die empirisch die medialen Darstellungsweisen von Migrantinnen untersucht. Über einen Zeitraum von vier Jahren haben die Autorinnen Artikel aus fünf tagesaktuellen deutschen Zeitungen gesammelt und analysiert, sowie Gruppendiskussionen mit Frauen unterschiedlichen Hintergrunds geführt. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Journalismus seine Integrationsfunktion weitestgehend verfehlt.

Geschlechterblinde Medien, geschlechterblinde Forschung

Im öffentlichen Diskurs werden MigrantInnen überwiegend als homogene Gruppe dargestellt, die aufgrund ihrer Ethnie kategorisiert wird. Geschlechterspezifische Differenzierungen bleiben aus, und auch der bisherigen Medienforschung diagnostizieren die Autorinnen Geschlechtsblindheit: Bis heute wurden überwiegend Stereotype männlicher Migranten untersucht und die weiblichen Migrierten unter diesen subsumiert. Die hier vorliegende Analyse zeigt in aller Klarheit, dass "Migration" im deutschen Medien- und Forschungsbild männlich konnotiert ist. Die Klischees jedoch unterscheiden sich deutlich voneinander: Dominiert bei der Berichterstattung das Bild des aggressiven, religiös fanatischen Migranten, werden Frauen tendenziell als Opfer inszeniert, als "unterdrückte Kopftuchmädchen".

Auch Überraschungen hält die detaillierte Untersuchung bereit. Die Lokalnachrichten der Zeitungen werden dafür gelobt, vielfältige Bilder zu schaffen und dafür, sich oftmals von Klischees zu lösen. Migrantinnen sind hier nicht nur passive Opfer, sondern treten auch als Nachbarinnen oder selbstverständliche Mitglieder eines Vereins in Erscheinung. Es ist genau diese Darstellung von Normalität, die dem überregionalen Journalismus nicht gelingen will. Die Politikberichterstattung wird hier als Negativbeispiel herangeführt, denn die Artikel, die sich innerhalb dieses Ressorts mit Migrantinnen befassen, tun dies überwiegend problemorientiert. Sie bleiben passiv – meistens Opfer – , kommen nicht selbst zu Wort und treten kaum als Handlungsträgerinnen auf.

Migrantinnen sehen ihre Lebenswirklichkeit nicht repräsentiert

Besonders hervorzuheben sind die Gesprächsanalysen, die ein Licht darauf werfen, welche Relevanz die Medienbilder für die gesellschaftliche Verständigung innerhalb Deutschlands haben. Migrantinnen, über die sonst so viel gesprochen wird, kommen selbst zu Wort und formulieren ihre konkreten Anforderungen an die Medien. Es zeigt sich, dass es vor allem wertungsfreie Darstellungen sind, die fehlen. Frauen, die als nicht-deutsch wahrgenommen werden, tauchen selten als Teil des normalen Alltags auf, sie sehen ihre Lebenswirklichkeiten nicht repräsentiert. Aus den Gesprächen lässt sich ein einfacher, klarer Appell ableiten: Die Medien sollen endlich ihre integrative Funktion ernst nehmen, damit "ich nicht mehr den türkischen Namen lese und denke, oh ´Ehrenmord´, sondern ihn lese und denke... nix denke. Weil ich gar nicht weiß, worum es geht.", so Sakina, eine der Gesprächsteilnehmerinnen.

Die Vielschichtigkeit migrantischer Realitäten wird unterdrückt

Dass Medien ihre Funktion als realitätsvermittelnde Instanzen verfehlen, indem sie Macht ausüben und Stereotype verstärken, anstatt einen längst überfälligen gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen, hat fatale Folgen. Negative Tendenzen von Migration werden in den analysierten Medien stärker betont als Positive. Paradebeispiel ist das zum ikonischen Zeichen mutierte Kopftuch, das zum Symbol für Unterdrückung und scheiternder Integration geworden ist. So wird verschwiegen, "wie kompliziert das alles ist" (Anita im Gespräch).

Gesellschaftspolitische Forderungen und Ideen

Der wichtigste Beitrag des Werks ist, dass es Potenziale aufzeigt und konkrete politische Handlungsperspektiven aus den gewonnenen Erkenntnissen ableitet, anstatt sich in der Darstellung von Problemen zu erschöpfen. Zwingend nötig sei die Förderung migrantischer JournalistInnen, die bislang nur 1,6% (!) des redaktionellen Personals deutscher Medien stellen. Alle TextproduzentInnen müssten umfassend geschult werden, da nur durch eine Sensibilisierung stereotypisierende Artikel vermieden werden können. Auch die alltägliche Lebenswirklichkeit von MigrantInnen soll zunehmend thematisiert werden, des Weiteren müssen sie endlich als Zielpublikum adressiert werden. Parallel dazu schlagen die Autorinnen das aktive Arbeiten an der Etablierung einer kritischen Medienforschung vor, deren anhaltende Aufgabe es sein soll, Defizite in der Berichterstattung konsequent sichtbar zu machen.

AVIVA-Tipp: Ja, mensch hat es geahnt, und diese Analyse belegt es schwarz auf weiß – die deutschsprachige Medienberichterstattung erhält ein nationalstaatlich definiertes Konzept von Kultur aufrecht, verweigert Migrantinnen das Gefühl von Zugehörigkeit und trägt zur Etablierung von Stereotypen bei. Ihre integrative Funktion kann als schlichtweg verfehlt bezeichnet werden. Und doch verbleiben die Autorinnen nicht in der Kritik des Status quo, vielmehr ist die große Qualität dieses Buches das Aufzeigen politischer Handlungsmöglichkeiten. Unbedingt lesen!

Zu den Autorinnen:

Prof. Dr. Margreth Lünenborg
ist Professorin für Journalistik an der Freien Universität Berlin. Ihre Schwerpunkte liegen in der Journalismusforschung, der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung sowie der kulturorientierten Medienanalyse.

Katharina Fritsche forscht am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin zur medialen Repräsentation von Migrantinnen und untersucht Konstruktion und Hegemonie der gesellschaftlichen Strukturkategorien Geschlecht und Ethnizität.

Annika Bach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität Berlin. Neben ihrer Forschung zum Verhältnis von Ethnizität und Medienrezeption arbeitet sie an einem Projekt zur Rolle von Medien in asymmetrischen Kriegen.

Margreth Lünenborg, Katharina Fritsche, Annika Bach
Migrantinnen in den Medien
Darstellungen in der Presse und ihre Rezeption

transcript Verlag, erschienen: Februar 2011
kartoniert, 175 Seiten
ISBN: 978-3-8376-1730-6
19,80 Euro
Weitere Informationen finden Sie unter: www.transcript-verlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Mely Kiyak im Interview über eine migrantische Perspektive in den deutschen Medien.

Forschungsprojekt – Spitzenfrauen im Fokus der Medien, eine Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Margreth Lünenborg.

Initiative Neue deutsche Medienmacher gegründet

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.neuemedienmacher.de, Netzwerk und Verein zur Förderung von Vielfalt in den Medien.

www.bwk-berlin.de bietet in Berlin-Kreuzberg journalistische Fortbildungen für MigrantInnen an.

Literatur Beitrag vom 31.08.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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