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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 15.02.2011

Svenja Leiber - Schipino
Marie Heidingsfelder

Ein Punkt auf der Landkarte, ein schlammiger Weg und vier Datschen in der Herkuleswüste des russischen Sommers – Ein großartiger Debütroman über eine Reise ins Nirgendwo und die Poetik des Abseits



Als Jan Riba im Zug nach Russland sitzt, hat er das Gefühl, "seinen Hintergrund zu verlieren": Der Arbeitsfluss seines deutschen Mittelklasselebens ist zu einem Tinnitus zusammen geschrumpft und seine Familie ein Abstraktum geworden. Er lässt alles hinter sich und folgt der Einladung seines russischen Freundes Viktor. In der Tasche eine Notiz seiner Mutter: "Ich weiß auch nicht, was du tun sollst. Vielleicht einfach irgendjemand lieb haben."

Von Moskau aus fahren die beiden nach Schipino, eine Ansammlung von vier Datschen um einen Gasherd in der Nähe einer halb zerfallenen Kolchose: Der Ort, wo Viktor seine Sommer verbringt. Ohne Hintergrund ist Riba verloren, doch was ihn in Moskau in Viktors Wohnung und dem verrauchten Hausflur eingesperrt hat, ist in Schipino fast normal. Weder die unzugängliche Lilja, noch die dünne Anna, noch der lange Pawel, noch der dicke Tolik noch der launische Wassili bringen ihren Hintergrund mit. Und so entsteht mitten im Nichts der russischen Sommerhitze eine neue Realität, eine Raum-Zeit-Blase in der die spartanischen Umstände das Leben diktieren.
Ohne jemals in das platte Format einer Aussteiger-Geschichte zu verfallen, zeigt die Autorin Svenja Leiber, wie ihr Protagonist seinen Platz sucht. Wie er stolpert, fällt, verzweifelt, wieder Glücksmomente erlebt und nie weiß, wohin mit ihm. Keine ihrer undurchsichtigen Figuren lädt zur Identifikation ein, und doch findet man sich genau in ihrer Situation: Irgendwo im Nirgendwo, gleichzeitig verloren und zuhause.

Doch was an "Schipino" wirklich begeistert ist nicht die Geschichte Jan Ribas und sein Leben in Russland. Böswillig könnte man den Roman auch sehr kurz mit den Worten: "Auf 200 Seiten passiert im Nirgendwo nichts" zusammenfassen – aber was wirklich begeistert, ist Svenja Leibers oft brutal plastische Sprache und die Sensibilität, mit der sie die Sommerstimmung und das Innere ihrer ProtagonistInnen beschreibt:
"Riba sagt nichts. Seine Füße haben rote Flecken. Ein Mückenschwarm hüllt ihn ein. Er beißt in das Brot, das Viktor ihm reicht. Es schmeckt. Und Luft und Himmel über dem Moor. Und es kriecht irgendwo, und es riecht, das Gelb und das Lila, und Viktors enge Augen, und es geht weiter, stärker. Auf einem lehmigen Abhang rutscht Riba aus, lässt sich fallen wie ein Sack legt sich mit dem Kopf in den Lehm. Er ist ein Genesender: Er ist so doll auf der Welt, dass er anfängt zu lachen"
Quasi nebenbei streift sie Details auf deren Basis eine Welt entsteht, in der man - selbst im Winter – komplett versinken kann.

AVIVA-Tipp: Zugegeben, "Schipino" ist kein Roman, den man problemlos in vollen S-Bahnen lesen kann, aber er ist sprachlich und psychologisch großartig. So plastisch, dass man noch im Schnellzug durch die Winterlandschaft die Mückenstiche auf der Haut und die Strohmatratze im Rücken fühlt.

Zur Autorin: Svenja Leiber wurde 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und lebte einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin und gewann 2003 den Literaturpreis Prenzlauer Berg. 2005 erschien der Erzählungsband "Büchsenlicht", für den sie 2006 den Bremer Förderpreis und 2009 den Werner-Bergengruen-Preis erhielt. Für einen Auszug aus Schipino wurde sie 2007 mit dem Kranichsteiner Förderpreis ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin.
(Quelle: Schöffling Verlag)
Die Website von Svenja Leiber finden Sie unter: svenjaleiber.de

Svenja Leiber
Schipino

Schöffling Verlag, erschienen August 2010
Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
ISBN: 978-3895612060
18,95 Euro
www.schoeffling.de


Literatur Beitrag vom 15.02.2011 Marie Heidingsfelder 

   




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