Zsuzsa Bánk - Die hellen Tage - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.02.2011

Zsuzsa Bánk - Die hellen Tage
Sonja Baude

Dieses Buch erzählt von der Freundschaft, von Liebe und Lebenslügen, vom schmerzlichen Vergehen der Zeit und von einer unstillbaren Sehnsucht. Dabei lauschen wir einer Sprache, die zu Musik wird.



Ähnlich wie in ihrem hoch geschätzten Debüt "Der Schwimmer" vor neun Jahren führt uns Zsuzsa Bánk wieder in eine Kinderwelt, in ein zauberisches Märchenreich, zu dem wir und ihre Figuren über eine "Brücke über den Klatschmohn" hinter dem Bahnwärterhäuschen gelangen. Und auch viel später in der Geschichte, wenn ihre ProtagonistInnen schon längst erwachsen sein werden und die Welt nicht mehr nur helle Tage in sich birgt, sondern Lücken und Schmerzen reißt, werden sie immer wieder diese Brücke über den Klatschmohn nehmen, um einer Sehnsucht und einer Hoffnung zu folgen.

Der Ort ist Kirchblüt, ein Dorf angesiedelt in Süddeutschland, nahe am Neckar und nicht weit von Heidelberg gelegen sowie Évis angrenzendes Reich: eine schillernde Welt neben staubigen Pfaden. Dahinter ist der Wald und der See, an dem die Kinder in langen Sommern ihre Nachmittage verbringen. Die Ungarin Évi lebt dort mit ihrer Tochter Aja in einem Haus, das mehr einem Bretterverschlag ähnelt, in unserer Phantasie aber wie verzaubert wirkt: irgendwie zusammengeschustert, mit einem kleinen Gartentürchen davor, das über Jahrzehnte aus den Angeln gehoben zu sein scheint und so wie es über den Sandboden schleift, ein Kommen ankündigt, das aussteht. Ein anderer Ort fliegt den Kindern nur in Geschichten zu, immer dann, wenn Ajas Vater Zigi einmal im Jahr, ausgestattet mit einem kleinen Koffer, für einige Wochen sein Zirkusleben auf der anderen Seite des Ozeans verlässt.

Zsuzsa Bánk hat eine verzaubernde Kinderwelt erfunden, eine Welt für Aja, Therese (Seri) und Karl. Aus der anfänglichen Zweisamkeit der Mädchen hat sich bald ein Dreieck geformt, eine höchst fragile Figur. Die Ich-Erzählerin Seri lenkt uns durch eine Welt, die schon bald Lücken, Leer- und Bruchstellen aufweist. Genau in diesen Leerstellen liegt der Verbindungsstoff der Kinder. Die Wirklichkeit, die es abzuwehren gilt, legt immer größere Schatten auf die hellen Tage, einstmalige Gewissheiten werden nach und nach eingerissen und nichts bleibt so, wie sie einmal dachten, dass es sei.

Neben der Kinderwelt interessieren Zsuzsa Bánk auch die verlustreichen Lebensgeschichten ihrer Mütter und Väter und damit verlassen wir das Märchen. Allen voran steht die Exilantin Évi, in ihrem früheren Leben Seiltänzerin, die ein wenig über allem und allen zu schweben scheint und deren Gabe es ist, die Menschen zu trösten. Sie selbst findet in Thereses Mutter eine wichtige Begleiterin, die ihr Lesen und Schreiben beibringt und für sie zum Scharnier ins einheimische Leben wird. Nach und nach entsteht auch unter den Müttern eine Dreieckskonstellation, freilich weniger angreifbar als die der drei Freunde, die seit Kindertagen zusammen ihr Leben leben und ungesagte Ansprüche aufeinander erheben.

Als StudentInnen - und damit nimmt der Roman seine Wendung an einem neuen Ort - gehen die FreundInnen nach Rom. Auch hier noch, in der Ewigen Stadt, kann Seri sagen: "wir fielen durch helle Tage und vergaßen die Zeit." Aber ausgerechnet hier holt sie die Zeit dann doch ein, die Vergangenheit wie auch die Gegenwart: beide schmerzhaft. Die Störanfälligkeit ihrer Beziehungen wird den Freunden gewahr und Rom ist der Ort, wo sie fühlen und später verstehen lernen, dass auf die Verlässlichkeit ihrer Freundschaft kein Verlass sein kann, dass auch kein Verlass ist auf das, was schon immer als vermeintlich beständige Realität sich in ihr Denken, Fühlen und in das Gedächtnis eingeschrieben hatte.

Bánk hat sich in ihrem neuen Roman sehr viel Zeit genommen im Erzählen: ein Erzählen der Langsamkeit. Sie hat lange Sätze gemeißelt, in elegischem Rhythmus, mit denen sie, ohne auch nur ein einziges Detail aus den Augen zu verlieren, eine große und umfassende Geschichte erzählt: uns ist, als kennten auch wir sehr bald schon das schiefe Haus in- und auswendig, das im Zentrum der Geschichte und am Rande von Wiesen und Weizenfeldern liegt und auch diejenigen, die dort kommen und gehen. Wir sehen die Linden und Birnbäume vor dem Haus, den Hühnerstall dahinter und erahnen wie Aja den morgigen Schnee.

Die Vergänglichkeit, das Nicht-Anhalten-Können des Augenblicks ist eine schmerzliche Erkenntnis. Dieses Erkennen macht Bánk kraft ihrer Poesie, ihres tief angeschlagenen melancholischen Tons, auch wenn er zuweilen ins Pathos abzugleiten droht, fühlbar: Wir sind so oft mitgegangen über die Brücke über den Klatschmohn, haben das Klacken in Karls Kopf gehört, den schwarzen Vogel gesehen, den Winter mit Évi aus den Zimmern vertrieben und den Frühling begrüßt, so dass wir am Ende des Buches um viele helle und auch um manche dunkle Tage reicher sind, in denen wir nicht zuletzt auch unsere eigene Verwundbarkeit sehr deutlich zu spüren bekamen.

AVIVA-Tipp: Zsuzsa Bánk schreitet in ihrem neuen Roman Lebenswege dreier Familien Stück für Stück ab, reiht helle neben dunkle Tage, erzählt vom Verwobensein des Erinnerns mit dem Vergessen, davon, dass das eine ohne das andere nicht aushaltbar ist. Sie erzählt vom Fluch der Einsamkeit und von der Kraft der Freundschaft. Ein trauriges und schönes Buch, das das Herz in Aufruhr versetzt, wenn die LeserInnen bereit sind, sich in Bánks Märchenwelt einspinnen zu lassen.

Zur Autorin: Zsuzsa Bánk wurde am 24. Oktober 1965 als Tochter ungarischer Eltern, die nach dem Aufstand in Ungarn 1956 in den Westen flohen, in Frankfurt am Main geboren. Sie arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend Publizistik, Politik und Literatur. Seit 2000 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman "Der Schwimmer" erhielt sie 2002 zahlreiche Preise, unter anderen den aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Bücherpreis. Für die Erzählung "Unter Hunden" wurde sie mit dem Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet.


Zsuzsa Bánk
Die hellen Tage

S. Fischer Verlag, erschienen am 11. Februar 2011
544 Seiten
ISBN 978-3-10-005222-3
21,95 Euro


Weitersehen: www.br-online.de Zsuzsa Bánk im Gespräch über ihr neues Buch.

Literatur Beitrag vom 19.02.2011 Sonja Baude 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken