Irmtraud Morgner - Neuauflage zweier Romane zum 20. Todestag - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.02.2011

Irmtraud Morgner - Neuauflage zweier Romane zum 20. Todestag
Anna Hohle

Zwanzig Jahre nach dem Tod der bedeutenden DDR-Schriftstellerin und Feministin wurden zwei ihrer Werke neu aufgelegt: Der Roman "Hochzeit in Konstantinopel" sowie der monumentale zweite Band...



... ihrer Salman-Trilogie "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura".

  • Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura

    Lange Jahre war Irmtraud Morgners wohl bekanntestes Werk in Deutschland nicht mehr lieferbar. Im Jahr 2010 erschien im Verlag Luchterhand eine Neuauflage.

    Im Zentrum des Romans steht Beatriz de Dia, fiktive Trobadora (Minnesängerin) aus dem Frankreich des 12. Jahrhunderts. Aus Frustration darüber, dass die Domäne des Minnesangs von Männern beherrscht wird und Frauen stets nur besungenes Objekt, nicht aber singendes Subjekt sein dürfen, ließ sich de Dia im Mittelalter von der Unterweltgöttin Persephone in Schlaf versetzen – mit dem Ziel, erst zu erwachen, wenn gleichberechtigte Verhältnisse herrschen. Im Frankreich der 1970er Jahre wird sie jedoch unsanft aus ihrem Zauberschlaf geweckt: Das Schloss, in dem sie sich zur Ruhe bettete, wurde eingerissen, um einer Autobahntrasse zu weichen.

    Die Trobadora begibt sich nach Paris, wo sie in die StudentInnenunruhen des Pariser Mai gerät. Schnell realisiert sie, dass hinter der revolutionären Fassade eben jene Vorurteile und Unterdrückungsmechanismen bestehen bleiben, denen sie durch ihren achthundertjährigen Schlaf zu entfliehen gedachte. Beatriz siedelt in die DDR über, das ihr als ein "Paradies" in Sachen Gleichberechtigung geschildert wurde.

    In Berlin trifft sie auf Laura Salman, Triebwagenführerin, die nach einer abgebrochenen Germanistinnen-Karriere die pragmatische DDR-Bürgerin verkörpert. Laura wird zu Beatriz´ Spielfrau. In Liedern und Anekdoten berichten beide dem DDR-Publikum von den Tücken und Niederungen eines weiblichen Alltags – von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft bis zur sozialistischen Gegenwart. Irmtraud Morgner verdeutlicht, dass in der DDR der siebziger Jahre trotz aller hehren Ideale von Gleichheit nach wie vor Konventionen herrschen, die Frauen darin einschränken, ihre Fähigkeiten ungehindert zu entfalten.

    Mehr noch als über den Inhalt drückt Morgner über die Form die Absage an traditionelle Perspektiven aus. Die konventionelle lineare Erzählweise wird zugunsten einer bewegten Montagetechnik aufgegeben. Textsegmente verschiedener Gattungen werden zu einer komplexen Textkomposition verwoben. Gesprächsprotokolle wechseln sich ab mit Gedichten und Liedern, Sagen, Mythen und Auszügen aus wissenschaftlichen Fachtexten. Selbstreferentiell rühmt die Protagonistin dabei den "operativen Montageroman" als Romanform der Zukunft – mit der Begründung, er entspräche dem gesellschaftlich, nicht biologisch bedingten Lebensrhythmus einer gewöhnlichen Frau, die ständig von haushaltsbedingten Abhaltungen zerstreut wird".

    Nicht zuletzt ging Morgner mit dem Trobadora-Roman auch ein Wagnis ein: Er enthält lange Textauszüge aus ihrem zuvor verfassten Roman Rumba auf einen Herbst, dessen Erscheinen 1965 von der DDR-Zensur verboten wurde.

  • Hochzeit in Konstantinopel

    Morgners 1968 erschienener Roman beschreibt die Geschichte von Bele, Paul und ihrer "Hochzeitsreise", wie die beiden sie irreführend nennen. Denn in Wahrheit ist das Paar aus Ost-Berlin nicht verheiratet. Ihre Fahrt führt sie auch nicht, wie im Titel behauptet, nach Konstantinopel – beide sind DDR-Bürger – sondern nach Split an der kroatischen Küste.

    Erst kürzlich sind die Laborantin und der Physiker einander begegnet – die Reise soll das Kennenlernen vertiefen. Doch je länger ihr Aufenthalt andauert, desto mehr wird sich Bele bewusst, dass sie Paul zwar liebt, ein gleichberechtigtes Miteinander auf Augenhöhe mit ihm jedoch nicht möglich ist. Paul kann Beles Freiheitsdrang und ihren Wunsch, als Fahrerin zu arbeiten, um beständig in Bewegung zu bleiben, nicht nachvollziehen: "Wenn sie davon sprach, bezeichnete Paul ihren Ehrgeiz als schwächlich, bemängelte ihn jedoch nicht, da sie eine Frau war. Er glaubte, dass sie ihn liebte, weil er ein begabter Wissenschaftler war. Sie liebte ihn, weil er ein begabter Liebhaber war. Gedanken hatte sie notfalls selbst".

    Im Zuge ihrer Reise erzählt Bele Paul jeden Abend eine andere Geschichte voller fantastischer Elemente, sprengt darin die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Allein, am Weltbild des Wissenschaftlers Paul, der alle Phänomene des Alltags in eine rationale Ordnung einfügt, kann sie dadurch nicht rütteln.
    Bele spielt wiederholt selbst mit jener männlichen Ordnung, verwendet in ihren Erzählungen detaillierte Beschreibungen und präzise Zeitangaben, durchbricht diese jedoch immer wieder durch das Spiel mit dem Fantastischen. Dadurch wird sie laut der Verfasserin des Nachwortes, Doris Janhsen, am Ende schließlich wahrhaft "autonom zwischen den Welten, die gemeinhin als männliche und als weibliche gelten".

  • Irmtraud Morgner – eine postmoderne Autorin?

    Morgners Werke bezeichnen tollkühne ästhetische Experimente, die sich einer vorgegebenen Schreibnorm sowohl inhaltlich als auch formal entziehen. Ihre Romane überschreiten beständig narrative Grenzen, indem sie sich einer traditionellen linearen Erzählweise verweigern, und verbindliche Realitätsmuster wiederholt aufgebrochen, ironisiert und dekonstruiert werden. Sie enthalten damit all jene Elemente, die man in späteren Jahren dem "postmodernen Erzählen" zuordnete.
    Im Falle Morgners ist dies jedoch niemals bloßes ästhetisches Spiel, sondern immer auch Reaktion auf reale Verhältnisse, die vor allem die Situation von Frauen betreffen. Fantasie, Traum und Magie bezeichnen in diesem Sinne Gegenmodelle zur sozialistischen Gleichförmigkeit. Ein magischer Trick der Fantasie ermöglicht einer mittelalterlichen Figur den Zeitsprung in die Gegenwart, denn, so beschreibt es die achthundertjährige Trobadora: Die Hoffnung von "Wesen, die jahrtausendelang erniedrigt waren […] kann nur auf Wundern gründen. […] Ich bin aus der Historie ausgetreten, weil ich in die Historie eintreten wollte. Mir Natur aneignen. Zuerst meine eigne: die Menschwerdung in Angriff nehmen. Dieser Zweck heiligt alle Zaubermittel".

    AVIVA-Tipp: In der feministischen Literatur sind Morgners Werke längst zu Klassikern avanciert, in der Literaturwissenschaft gilt sie als bekannteste DDR-Schriftstellerin. Die Autorin selbst wollte ihre Bücher dennoch nicht nur unter dem plakativen Stempel "feministische DDR-Literatur" betrachtet sehen. Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz und Hochzeit in Konstantinopel bezeichnen zwei ihrer eher heiteren Werke, die trotz aller beschriebenen Missstände Morgners Hoffnung auf ein gleichberechtigtes Miteinander jenseits von Geschlechts- und Herkunftsunterschieden ausdrücken. Höchste Zeit, dass beide Bücher wieder im deutschen Buchhandel erhältlich sind.

    Zur Autorin: Irmtraud Morgner wurde 1933 in Chemnitz geboren. Durch Zufall geriet sie in ihrer Jugend an einen Koffer voller alter Reclambücher – dies weckte ihre Liebe zur Literatur. Nach einem Germanistikstudium in Leipzig arbeitete sie bis 1958 als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift Neue deutsche Literatur. Danach lebte sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Immer wieder geriet sie dabei in Konflikt mit den herrschenden Kultur-Instanzen der DDR. Obwohl sie wiederholt Preise im In- und Ausland erhielt und ihre Bücher regen Absatz fanden, wurden einige ihrer Werke durch die Zensur verboten. Häufig schrieb Morgner über die Rolle der Frau in der DDR und wies auf Ungerechtigkeiten und Unterdrückung im vermeintlich gleichberechtigten sozialistischen Alltag hin. Sie erhielt unter anderem den Heinrich-Mann-Preis, den DDR-Nationalpreis, die Roswitha-Gedenkmedaille und 1989 den Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel. Am 6. Mai 1990 starb Irmtraud Morgner nach einer mehrjährigen Krebserkrankung in Berlin.


    Irmtraud Morgner
    Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura

    Sammlung Luchterhand, erschienen April 2010
    Taschenbuch, Klappbroschur, 688 Seiten
    ISBN 978-3630621517
    12 Euro
    www.randomhouse.de


    Irmtraud Morgner
    Hochzeit in Konstantinopel

    Edition fĂĽnf (Edition Nautilus), erschienen August 2010
    Hardcover, Leinen, 272 Seiten
    ISBN 978-3942374019
    16 Euro
    www.editionfuenf.de

    Weitere Infos unter:

    www.fembio.org, Kurzbiographie und Literatur zu Irmtraud Morgner

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    "Irmtraud Morgner zum 75. Geburtstag"



    (Quellen: Nachwort von Doris Janhsen in: Irmtraud Morgner: Hochzeit in Konstantinopel. Hamburg: Edition Nautilus 2010)

  • Literatur Beitrag vom 10.02.2011 AVIVA-Redaktion 

       




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