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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 31.12.2010

Lydie Fischer Sarazin-Levassor - Meine Ehe mit Marcel Duchamp. Memoiren
Tatjana Zilg

Keine verflixten sieben Jahre, nur sieben Monate dauerte die Ehe zwischen der jungen Tochter aus gutbürgerlichem Hause und dem "Papst der Surrealisten". Was in den 1920ern Jahren zwei Menschen ...



... aus eigentlich weltoffenem Milieu bewegte, nach kurzem Kennenlernen zu heiraten und ebenso schnell wieder auseinander zu gehen, wird in dem autobiografischen Roman anschaulich nachgespürt.

Im April des Jahres 1927 wurden die 24jährige Lydie Sarazin-Levassor und der 40jährige Avantgarde-Künstler Marcel Duchamp einander vorgestellt, um eine Ehe in Erwägung zu ziehen. Dieses Vorgehen ist für die Zeit nicht ungewöhnlich, doch es überrascht, dass eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Surrealismus und Dadaismus sich darauf einließ. Spontan denkt frau hier eher an den Bruch mit jeglicher Konvention, Freiheit als Maxime und die für die Moderne Kunst richtungsweisende Bedeutung der Konzepte und Ideen, die den Avantgarde-KünstlerInnengruppen entsprangen.

Lydie war als Tochter des Automobilfabrikanten Sarazin-Levassor ohne materielle Sorgen aufgewachsen, aber geprägt von konventionellen Geschlechterrollenbildern und den dementsprechenden Erwartungen. Der Vater selbst flüchtete schon seit längerem aus der Enge der Ehe in eine Beziehung mit der Malerin Jeanne Montjovet und verlangte von seiner Ehefrau die Scheidung. Für Lydies Mutter war das eine Katastrophe, da eine geschiedene Frau zur damaligen Zeit gesellschaftlich schlecht angesehen wurde.
Sie forderte, dass ihr Ehemann mit der Scheidung bis nach Lydies Hochzeit wartete: Ein Dilemma für die junge Frau, die so zum Schlagball zwischen den Wünschen der Eltern wurde.

Francis Picabia vermittelt das erste Treffen

Als Duchamps bester Freund und künstlerischer Weggenosse Francis Picabia mit Hilfe seiner Lebensgefährtin Germaine Everling, einer ehemaligen Freundin der Familie Sarazin-Levassor, ein Treffen mit Marcel Duchamp arrangiert, ist Lydie sofort von dessen Charme begeistert.
Sein Künstlerdasein sieht sie in einem romantischen Kontext und hofft, bald die bedrückte Atmosphäre ihres Elternhauses gegen die schillernde Welt der Boheme einzutauschen.

Ihr war aber weder klar, dass Duchamp bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hatte noch dass sein Werk sehr kontrovers diskutiert wurde. Zweiteres lag durchaus in seiner Absicht, denn er stellte sich mit seinen künstlerischen Arbeitsweisen gegen die Konvention, indem er dem dekorativen Wert entsagte und die Rezeption durch die BetrachterInnen in den Vordergrund rückte. Er wurde zu einem der ersten Künstler, der Ideen und Aktionsmomenten mehr Bedeutung bei maß als dem fertigen Produkt. Verstärkt widmete er sich visuellen Experimenten, Performances, Foto-Aktionen und Installationen und legte dadurch die Anfänge für eine Entwicklung in der Kunst, auf die sich heute noch viele Konzept- und MultimediakünstlerInnen beziehen.

Der Schachspieler erobert das Herz der Braut im Sturm

Lydie tritt in das Leben des attraktiven Provokateurs, als er sich in seiner größten Schaffenskrise befindet. Angewidert vom kommerziellen Kunstmarkt war er aus Amerika nach Paris zurückgekehrt und plante, die Kunst ganz aufzugeben und als Profi-Schachspieler sein Geld zu verdienen. Dazu kam, dass er nach dem Tod seiner Eltern zum ersten Mal in seinem Leben darauf angewiesen war, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, was ihm womöglich leichter gefallen wäre, wenn er nicht zugleich dem Kunsthandel entsagt hätte. Der Verdacht, dass sein überraschender Entschluss, eine Heirat einzugehen, auf der Hoffnung beruhte, durch eine Versorgungsehe seine materielle Existenz zu sichern, liegt nahe und es stellten sich alsbald die ersten Anzeichen hierfür ein.
Lydie verschloss davor die Augen und deutete jedes Verhalten von Duchamp so um, dass zwischen ihnen eine große Anziehung bestehe. Seine Rückzugswünsche ordnete sie seinen besonderen Bedürfnissen als Künstler zu, sah sie aber nicht als konträr zu einer dauerhaften Zukunftsaussicht für ihre Ehe. Objektiv betrachtet ist es aber offensichtlich, dass er nach einer Loslösung strebte, als der Vater dem Paar weder eine Mitgift noch eine andere finanzielle Unterstützung gewährte. Wie sich dies in die Lebensphilosophie der Pariser Künstler-Boheme einordnen lässt, legt Herbert Molderings (freier Autor und Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum) in seinem aufschlussreichen Nachwort dar.

Frauenfreundschaft mit Kiki de Montparnasse

Da das Buch erst 50 Jahre später niedergeschrieben wurde, gelang es Lydie Fischer Sarazin-Levassor, mit einem humorvollen Blick auf die für sie ausgesprochen gefühlsintensive - aber durch Duchamps zunehmende Distanzierung auch deprimierende - Lebensphase zurückzuschauen. Anlass war eine Anfrage der Organisatoren der großen Marcel-Duchamp-Retrospektive 1977 im Centre Pompidou in Paris.

Detailreich beschreibt sie die Erlebnisse, die sie an der Seite von Duchamp in dessen Umfeld hatte. So lernt die Leserin die AkteurInnen der Avantgarde von einer Seite kennen, über die bisher eher wenig zu erfahren war. Man Ray ist neben Picabia ein enger Vertrauter ihres temporären Gatten. Mit seiner Lebensgefährtin Kiki de Montparnasse, eine der wenigen Frauen, der es als Künstlerin gelang, in der Pariser Szene Anerkennung zu bekommen, verbindet sie bald eine Freundschaft.

AVIVA-Tipp: Eine besondere Qualität der Memoiren sind die Charakterbeschreibungen der Beteiligten. Gerade da sie aus der Perspektive einer jungen Frau verfasst wurden, für die die Avantgarde-Kunstwelt völlig neu ist, geben sie aufschlußreiche Einblicke in deren Lebensart und Sujets.
Dennoch ist jedem Satz anzumerken, wie sehr Lydie Fischer Sarazin-Levassor das Scheitern der Ehe innerlich aufrüttelte. Punktgenau reflektiert sie die Verhaltensänderungen Duchamps bis hin zum endgültigen Bruch.
Auch wenn einige Elemente vermutlich fiktiv sind, wie Molderings ausführt, kann das Buch als wertvoller Spiegel einer Zeit gelten, in der vieles in Aufbruch war und auf der anderen Seite gesellschaftliche Erwartungen und konventionelle Rollenmuster weiterhin das Alltagsleben stark beeinflussten.

Lydie Fischer Sarazin-Levassor
Meine Ehe mit Marcel Duchamp

Originaltitel: Un échec matrimonial - Le cœur de la mariée mis à nu par son célibataire même
Deutsch von Isolde Schmitt
Nachwort von Herbert Molderings
344 Seiten, ca. 26 Abbildungen, davon 10 in Farbe
Hardcover mit Schutzumschlag
Piet Meyer Verlag, erschienen 2010
ISBN: 978-3-905799-07-1
26,50 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Karoline Hille - Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus

Picassos Gefährtinnen



Literatur Beitrag vom 31.12.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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