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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 12.10.2010

Gerhard Haase-Hindenberg - Polina. Aus der Moskauer Vorstadt auf die grossen Bühnen der Welt
Tatjana Zilg

Das Leben der Ballerina Polina Semionova ist voll von außergewöhnlichen Ereignissen und spektakulären Gastauftritten, aber auch strengen Erfordernissen an Disziplin und Ausdauer. Am Berliner ...



... Staatsballett ist die 26jährige seit ihrem Diplomabschluss an der weltberühmten Moskauer Bolschoi-Akademie als Erste Solotänzerin engagiert.

Nach vielen Gesprächen mit Polina Semionova und weiteren Recherchen wählte der Autor Gerhard Haase-Hindenberg für sein Buch eine romanhafte Form der Biografie. Abwechselnd in zwei Erzählsträngen beschreibt er ihre Erfolgskarriere seit Eintritt ins Ensemble des Berliner Staatsballetts unter der Intendanz von Vladimir Malakhov (ebenfalls an der Bolschoi-Akademie ausgebildet) und ihre Kindheits- und Jugendzeit, die eng verbunden war mit langen, viel von ihr abfordernden Ausbildungsjahren. Eine Unmenge an Disziplin und Ehrgeiz investierte sie von Anfang an in ihren großen Mädchentraum, auf den Bühnen der Welt zu tanzen.

Begabte Geschwister

Polina (links) mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern © Polina Semionowa
Begonnen hat alles auf einem zugefrorenen Fluss nahe der elterlichen Wohnung in einem Moskauer Vorstadt-Hochhausgebiet. Gemeinsam mit ihrem älteren, damals dreijährigen Bruder Dima entdeckt die kleine Polina Spaß und Lust am Eislaufen. Dima fällt durch sein Bewegungstalent auf und zufällige BeobachterInnen legen den Eltern nahe, ihn an den staatlichen Sportinstituten fördern zu lassen. Nach intensiven Eislauftrainings gemeinsam mit seiner Schwester am "Stadion der Jungen Pioniere" und am "Zentralen Sportclub" wird Dima aufgrund eines Wachstumsschubs der Wechsel zum Tanz empfohlen. Seine Aufnahme an die Bolschoi-Akademie verläuft nahtlos, während seine Schwester Polina bis zur fünften Klasse nur an den Vorbereitungsklassen teilnehmen darf, für welche die Eltern eine monatliche Gebühr zahlen müssen. Jahrelang muss Polina mit der Unsicherheit leben, ob sie je einmal zur Vollzeitausbildung zugelassen wird.

Der lange Weg zum Ruhm an der Bolschoi-Akademie

Als es schließlich soweit ist, hat sie schon fast die Aufnahme an der zweiten hochangesehenen russischen Ballett-Akademie in der Tasche, der Vaganova Akademie in St. Petersburg, an der ihr Bruder mittlerweile studiert. Aber nun gibt auch die Bolschoi-Akademie ihr die Chance, auf die sie solange mit Ausdauer und harten Trainings hingearbeitet hat: Sie wird endlich als Vollzeitschülerin angenommen, und zwar in die begehrte Klasse der Direktorin und Ballett-Ikone Sophia Golovkina. Nach drei Jahren wird sie, wenn sie alle Prüfungen besteht, das Ballett-Diplom der Bolschoi-Akademie in den Händen halten. Aber dadurch ist die unsichtbare Hürde noch nicht überwunden, in ihrem außergewöhnlichen Talent erkannt zu werden. Die berühmte Lehrerin erklärt drei Mädchen, deren Eltern selbst bekannte Balletttänzer sind, zu ihren Vorzeigeschülerinnen. An ihrem 17. Geburtstag kommt es im Tanzraum dennoch zu einer entscheidenden Begegnung: Während eines spontanen Unterrichtsbesuches von Vladimir Malakhov macht Polina auf diesen einen bleibenden Eindruck, obwohl Sophia Golovkina andere Schülerinnen herausstellt.

Schon einmal zuvor wurde Polina von einem Ballettprofi anders gesehen als von ihrer Direktorin. Der ehemalige Ballettstar und als Akademie-Lehrer neu eingestellte Yuri Vasyuchenko nahm sie unter seine Mentorenschaft und bereitete sie entgegen dem Willen der Direktorin auf den Internationalen Wettbewerb in Moskau vor, bei dem sie die Goldmedaille und die fachliche Aufmerksamkeit außerhalb der Schule gewann.
Wenig später bot ihr Vladimir Malakhov an, gleich nach dem Diplomabschluss als Erste Solotänzerin in seinem Stammensemble am Berliner Staatsballett durchzustarten. Nur sehr selten können Ballett-Absolventinnen direkt als Solistin an einem Ensemble beginnen.

Das Licht um Caravaggio wird durch Polina tänzerisch sichtbar

Polina Semionowa ist auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. © Maria-Helena Buckley
Begeistert nimmt das Berliner Publikum ihr Profi-Debüt am 21. September 2002 in "Schwanensee" auf. Neue Herausforderungen lassen nicht auf sich warten: Ihre erste Hauptrolle verkörpert sie in dem neoklassischen Ballett "Lindentraum" von Uwe Scholz mit Premiere am 24. Oktober 2002. Zuvor muss sie sich völlig neu einlassen auf die andere Herangehensweise, denn moderne Tanzformen außerhalb des klassischen Balletts werden an der Bolschoi-Akademie nicht unterrichtet.
Von da an erstrahlt ihre Karriere in vielen Glanzpunkten, die vom Autor eindrucksvoll geschildert werden, darunter ihre einnehmende tänzerische Interpretation des Lichts in dem Ballett "Caravaggio" des italienischen Choreographen Mauro Bigonzetti während seines Gastauftrags in Berlin. Besonders deutlich wird hier die Notwendigkeit, neben der technischen Perfektion einen intuitiven Zugang zur Rolle zu finden und eine Sprache des Körpers zu entwickeln. Denn drei wichtige Aufgaben nimmt das Licht ein: Einsatzmittel des Malers, erlösendes Element und gegen Ende destruktive Kraft.

AVIVA-Tipp: Gerhard Haase-Hindenberg bringt Polina Semionovas Weg zum Weltstar allen TanzliebhaberInnen und allen anderen interessierten LeserInnen mit hoher Empathie und im leicht dahinfließenden Erzählfluss nahe. Neben sensiblen Charakterstudien, Umfeldbeschreibungen, Ereignisskizzen und Blicken hinter die Kulissen der Balletthäuser auf aller Welt finden sich für Laien gut verständliche Erklärungen von Ballett-Techniken und weitere unzählige Informationen zum Profi-Tanzgeschehen.
Polinas anfängliche Aussage "Ich war kein Wunderkind!" im Wechselspiel mit ihrer erfolgreichen Karriere lässt das Buch zudem zum Ansporn werden, mit Ausdauer und Disziplin die Verwirklichung der eigenen Träume anzugehen.

Gerhard Haase-Hindenberg
Polina
Aus der Moskauer Vorstadt auf die grossen Bühnen der Welt

Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten und farbige Fototafeln
VGS, Egmont, erschienen September 2010
ISBN: 978-3-8025-3714-1
16,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Daphne Kalotay. Die Tänzerin im Schnee


Literatur Beitrag vom 12.10.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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