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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 25.04.2011

Katharina Eyssen - Alles Verbrecher
Tatjana Zilg

Leerstellen in der Familiengeschichte können das gesamte eigene Leben beeinflussen. Umso mehr, je schwerer es erscheint, sie jemals aufzuklären. Marie, Anfang 20 und derzeit eher ziellose ...



... Studentin in München, nimmt den Tod des Großvater im fernen Lateinamerika zum Anlass für den Versuch, Vergangenes und Verschüttetes zu ergründen.

Um es vorwegzunehmen: In diesem Roman geht es nicht um die Nacherzählung wichtiger Ereignisse aus der Biografie von Verwandten vor einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Die Autorin bleibt stattdessen in jedem Moment dicht an der Seele ihrer Protagonistin, deren innere Welt sie aus der Ich-Perspektive erspürt und in eine atmosphärisch einzigartige Sprache packt. Das gibt dem Roman eine hohe Authentizität. Auch wird die Gegenwart so nie von der Vergangenheit verdrängt, obwohl oft mit Rückblenden gearbeitet wird. Diese verschieben sich so geschickt mit dem Handeln und Denken von Marie in der Gegenwart, dass sie beinahe zu Bestandteilen ihrer Persönlichkeit werden.

Imaginativer Flirt mit einer famosen Schauspielerin

Im scheinbaren Mittelpunkt steht eine Szene in einem Pariser Hotel, von der der Großvater Marie immer wieder während ihrer Kindheit erzählt hat. Er sei dort an der Bar der jungen, wunderschönen Catherine Deneuve begegnet und habe sie geküsst. Für Marie wird das zu einer Tagvision, in die sie sich selbst immer wieder begibt, um den Herausforderungen des Alltags auszuweichen oder sie zu verarbeiten. Je nach ihrer Stimmung erhält die Szene einen anderen Verlauf.

Seit Marie mit dem Hausmeister ihres verstorbenen Großvaters telefoniert hat, um die Formalitäten zu klären, hat der Erinnerungsstrudel eine neue Intensität erreicht. Allmählich fügen sich die Facetten von Maries Leben für die Leserin zusammen und sie erfährt, wie Marie in einer Reihenhaus-Vorstadtsiedlung bei einer kokainsüchtigen, freiberuflich tätigen Mutter aufwuchs und die Beziehung ihrer Eltern zerbrach. Über den Großvater redete die Mutter mit Marie ungern, denn er hatte seine Ehefrau und Tochter früh verlassen und ging auf Weltreise, während der er für längere Zeit in New York Station machte.

Familiärer Stillstand durch Schweigen

Gesprochen wurde über diesen Umstand und auch alle anderen Probleme fortan nicht mehr und so trugen alle Familienmitglieder die Last für sich alleine. "Alles Verbrecher" fängt diese Stimmung eindringlich ein und so wirkt es ganz natürlich, wenn Marie über die Verstorbenen als Gespenster spricht. Auch die Personen im heutigen Umfeld Maries bleiben lange Zeit eher schemenhaft, welches auf die Leserin in der Lesart eher ungewohnt wirkt, jedoch eine surreale Magie ausübt und durch die gekonnte Umsetzung der Autorin in den Bann zieht.

Aus der Metasicht ist das Drama um den Großvater nach der teilweisen Andeutung einer Auflösung eher eine unspektakuläre Geschichte. Er war ein Lebemann, der in der Nachkriegszeit die Welt erobern wollte und deshalb seine große Liebe verließ. Die Urgroßmutter trug dazu wesentlich bei. Als Nachkriegswitwe überschüttete sie das junge Paar, welches aus Mitleid der Tochter zu ihr ins Haus zog, mit verbitterten Sprüchen über die Schlechtigkeit der Menschen, was sich noch steigerte, nachdem der Schwiegersohn geflohen war.

Marie ist von diesem verdrängten und totgeschwiegenen Familientrauma stark geprägt. Sie hat nur wenig Interesse an ihrem Studium, teilt sich eine Wohnung mit Lisa, ihrer besten Freundin seit Kindheitstagen, und zieht von Party zu Party. Eine Zeitlang begleitet sie ein neuer Freund, Jakob, doch bald hat sich eine seltsame innere Entfernung zwischen ihnen aufgebaut. Mehr aus Intuition als aus rationaler Entscheidung reist Marie nach New York, um dort auf Spurensuche zu gehen. Sie trifft auf die Witwe des besten Freundes ihres Großvaters und deren Söhne. Allmählich dringt tatsächlich etwas Licht ins Dunkel der Familiengeschichte, auch wenn einige Leerstellen nicht gefüllt werden können.

AVIVA-Tipp: Familiengeheimnisse, die durch Verschweigung und Tabuisierung überdimensional an Bedeutung gewinnen, können eine destruktive Kraft entfalten. Der sensible und gleichermaßen radikale Roman ermutigt dazu, ihnen ins Gesicht zu sehen, auch wenn die Konturen unscharf bleiben müssen, da die Zeit die Spuren der Ereignisse verwischt hat. So wird es der sympathisch scheuen Protagonistin möglich, den von der Psychoanalyse beschriebenen Kreislauf der unbewussten Wiederholung zu durchbrechen, wie es besonders in dem bitterzart schönen, zwischen surreal und Poetry-Slam-realistisch dahin pendelnden Ende deutlich wird.

Zur Autorin: Katharina Eyssen, 1983 in München geboren, hat an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Dramaturgie und Spielfilmregie studiert. 2006/07 war sie Teilnehmerin des Manuskriptum-Kurses an der LMU München und 2008/09 des Textwerk-Seminars am Münchner Literaturhaus. Die Autorin lebt derzeit in Berlin, wo sie neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit auch Drehbücher schreibt. "Alles Verbrecher" ist ihr erster Roman. (Quelle: Verlagsinfo)

Weitere Infos zur Autorin finden Sie unter:

www.randomhouse.de

Katharina Eyssen
Alles Verbrecher

Gebunden, 240 Seiten
btbVerlag, erschienen März 2011
ISBN: 978-3-442-75281-2
17,99 Euro



Literatur Beitrag vom 25.04.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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