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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.04.2004

Alice Miller - Die Revolte des Körpers
Tatjana Zilg

Therapie zwischen Moralvorstellungen und Heilung: Die vielgelesene und umstrittene Psychoanalytikerin zeigt, wie das Vierte Gebot der Elternliebe zur Tabuisierung von Kindesmisshandlung beiträgt.



Der russische Schriftsteller Dostojewski litt an chronischer Schlaflosigkeit, an Alpträumen, Existenzängsten, epileptischen Anfällen und Spielsucht. Sein Vater war ein erbarmungsloser, brutaler Mensch, der von seinen Leibeigenen umgebracht wurde. In den Briefen des Sohnes an die Eltern findet sich aber kein Hinweis auf Vorwürfe, obwohl die Qualen der Kindheit Auswirkungen auf sein ganzes Leben hatten. Stattdessen bittet er den Vater wiederholt um Geld, indem er seine finanzielle Misere beschreibt und dadurch in der Rolle des abhängigen Kindes verbleibt. Auch die Biographen thematisieren die mutmaßliche Kindesmisshandlung nicht. Alice Miller zeigt mit diesem Beispiel, wie sehr es in der damaligen Zeit verpönt war, die eigenen Eltern anzuklagen.

Mit weiteren Beispielen aus den Biographien berühmter SchriftstellerInnen belegt sie, dass dieses Tabu bis heute besteht:
Anton Tschechow beschreibt in der Erzählung "Der Vater" einen ehemaligen Leibeigenen und Alkoholiker. Vermutlich hat der Dichter seinen Protagonisten dem eigenen Vater entsprechend beschrieben. Dieser Mann trinkt und lebt auf Kosten seiner Kinder, aber versucht nie zu sehen, wer seine Söhne wirklich sind. Ähnlich wie in dieser Erzählung hat Tschechow seine Eltern lange Zeit finanziell unterhalten, obwohl er zeitweilig nur wenig Geld zur Verfügung hatte.
Virginia Woolf wurde als Kind von ihren Halbbrüdern missbraucht, weshalb sie ihr Leben lang an Depressionen litt. 1941 beging sie Suizid, indem sie in einen Fluss ging, um sich zu ertränken. Es ist erwiesen, dass sie nach der Lektüre von Sigmund Freuds Schriften an den Wahrheitsgehalt ihrer Erinnerungen zu zweifeln begann.

Freud veröffentlichte Anfang des letzten Jahrhunderts die Theorie, dass Erinnerungen aus der Kindheit oft stark verzerrt sind. Triebe, Phantasien und Wunschvorstellungen würden das Gedächtnis zu Verfremdungen und belastenden Bildern verführen. Alice Miller belegt, dass Virginia Woolf ihren Erinnerungen in den Jahren vor ihrem Tod nicht mehr vertraute. Doch die Annahme, dass das Schreckliche nicht wirklich passiert ist, war nur eine temporäre Erleichterung. Denn nun idealisierte sie ihre Familie und stellte sie sehr positiv dar, aber ihr Körper musste weiter mit den verdrängten Missbrauchserfahrungen leben: Der Suizid kann so als Versuch gedeutet werden, die Körperwahrnehmung abzuwehren.

Das Vierte Gebot der christlichen Religion hat die gesellschaftlichen Moralvorstellungen nach Einschätzung von Alice Miller entscheidend geprägt. Es besagt, dass das Kind die Eltern ein Leben lang ehren und lieben soll, und zwar unabhängig davon, wie sie sich dem Kind gegenüber verhalten. Es ist gleichgültig, ob sie fürsorglich sind oder tyrannisch – die Nachkommen sind zu Achtung und Dankbarkeit verpflichtet.

Dies führt zu einem Zwiespalt auch in den gegenwärtigen Therapien: Wird zuerst die Aufarbeitung der traumatischen Kindheitserlebnisse empathisch begleitet, so fordern dennoch viele TherapeutInnen von ihren KlientInnen, dass sie sich in der Endphase der Therapie mit den Eltern versöhnen, indem sie ihnen verzeihen. Oft wird angenommen, dass dies unabdingbar sei, um sich von den Eltern innerlich zu lösen und erwachsen zu werden.

Wichtiger Bestandteil von Alice Miller’s neuen Werk sind die Tagebuch-Aufzeichnungen von Anita Fink. Hier wird besonders deutlich, wie sehr konservative Moralvorstellungen in einen Therapieverlauf hineindrängen können. Anita Fink ist eine junge Frau, die an Magersucht erkrankt ist. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie sucht sie sich eine Therapeutin, die sie in der ambulanten Behandlung zunächst als sehr wohltuend und empathisch erlebt. Es gelingt ihr, ihre Symptome auf die schädlichen Verhaltensmuster mit ihren Eltern und in ihrem Umfeld zurückzuführen. Sie löst sich von der Ursprungsfamilie und findet Menschen, die sie so annehmen wie sie ist. Aber als sie nach einer weiteren Krise zur Therapeutin zurückkehrt, verlangt diese von ihr, sich mit ihren Eltern zu versöhnen, was die junge Frau nicht kann, da diese ihr erhebliches Leid zugefügt haben.

Anita Fink ist eine von Alice Miller erfundene Patientin, denn die Analytikerin wollte nicht die Privatsphäre einer real lebenden Person publizieren. In dem Beispiel wird erkennbar, wie der Körper gegen die verlogenen Moralvorstellungen der Gesellschaft ankämpft.

"Wir müssen die Verwirrung des kleinen Kindes aufgeben, die aus unserer einstigen Bemühung stammt, Misshandlungen nachzusehen und einen Sinn daraus abzuleiten. Als Erwachsene können wir damit aufhören und auch verstehen lernen, auf welche Weise die Moral in den Therapien das Ausheilen der Verletzungen erschwert."

Zur Autorin:
Alice Miller studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion machte sie in Zürich ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin und übte 20 Jahre lang diesen Beruf aus. 1980 gab sie ihre Praxis und Lehrtätigkeit auf, um zu schreiben. Seitdem veröffentlichte sie elf Bücher, in denen sie die breite Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschung bekannt machte – darunter den Welterfolg "Das Drama des begabten Kindes" (1983)

Aviva-Tipp: Alice Miller stellt sich mutig gegen gängige Praktiken in der Therapieszene. Sie führt diese auf die Eingebundenheit der TherapeutInnen in teils eher konservative Schulen zurück, die sich vor dem wahren Leid des Kindes oftmals verschließen. Dagegen setzt sie die Forderung, gemeinsam mit der Klientin/dem Klient radikal nach der Wahrheit zu suchen, wodurch die Therapeutin/der Therapeut die wichtige Funktion eines wissenden Zeugens einnimmt. Als solcheR akzeptiert sie/er parteilich das Leid des verletzten Kindes. – Ein aufrüttelndes und tiefgehendes Buch, das die Augen öffnet für die Auswirkungen einer starren Moralstruktur auf jedeN EinzelneN.



Alice Miller
Die Revolte des Körpers

Suhrkamp, erschienen März 2004
ISBN 3 518 38290 X
16,90 Euro
191 Seiten, gebunden200243559475"

Literatur Beitrag vom 26.04.2004 AVIVA-Redaktion 

   




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