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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.09.2004

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Julia Richter

Ein bewegendes Kinderbuch über Euthanasie im Dritten Reich von Elisabeth Zöller. Ab 1939 wurden behinderte Menschen systematisch erfasst und ermordet.



Antons Behinderung wird für ihn zur lebensgefährlichen Bedrohung

Am nächsten Tag, in der großen Pause, nehmen ihn Herrmann und Wolfgang zur Seite. Sie schieben ihn hinten in eine Ecke. Dann schauen sie sich um und fangen an, ihn zu schubsen. Und der Herrmann sagt: "Bekloppt, bekloppt, wird Zeit, dass man Dich stoppt!" Und sie schubsen ihn immer doller hin und her. Als wäre Anton ein Ball. Schließlich stürzt Anton zu Boden. Herrmann tritt Anton an seinen Kopf. "Pass auf", zischt Wolfgang. "Der ist doch eh bekloppt. Auf´n bisschen mehr kommt´s da auch nicht mehr an."

Durch einen schweren Verkehrsunfall mit der Straßenbahn erleidet Anton eine Hirnverletzung, in deren Folge sein rechter Arm gelähmt und sein Sprachzentrum geschädigt wird. Er stottert. Im Dritten Reich, das jegliche Andersartigkeit mit Brutalität und Vehemenz bekämpft, kommt eine solche Behinderung dem Todesurteil gleich. Systematisch werden Menschen mit körperlichen und geistigen Missbildungen in einem "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" in Berlin katalogisiert, in Heime gebracht und dort als "wertlose Arbeitskraft" ermordet.

Antons Familie jedoch kämpft um das Überleben ihres Kindes. Als die Gewalttätigkeiten von Antons MitschülerInnen und Lehrern überhand nehmen und eine Einweisung in eines der berüchtigten Heime für behinderte Menschen unmittelbar bevorsteht, verstecken die Eltern ihren Sohn bei Bekannten auf dem Land und lassen ihn offiziell für tot erklären.

Elisabeth Zöller, die in diesem Werk das Leben ihres Onkels nacherzählt, ist ein sehr bewegendes Kinderbuch gelungen. Mit viel Einfühlungsvermögen beschreibt sie, welcher Gefahr behinderte Menschen und Juden ausgesetzt waren und wie hilflos sie dieser meist gegenüberstanden. Da einige im Buch erwähnte historische Begebenheiten sicherlich der Erklärung der Eltern bedürfen, wäre es gut, wenn diese das Buch gemeinsam mit ihren Kindern läsen. Dabei könnten sie ihnen auch erklären, dass die furchtbaren Ereignisse der Pogromnacht vom 9. November 1938 nicht auf Münster, Antons Heimatstadt, beschränkt waren, sondern in ganz Deutschland stattfanden.

Zur Autorin:
Elisabeth Zöller
wurde 1945 in Brilon geboren. In München, Münster und Lausanne studierte sie Deutsch, Französisch, Kunstgeschichte und Pädagogik und arbeitete später fast zwanzig Jahre lang als Lehrerein. Seit 1989 ist sie freie Autorin und hat einige Jugendbücher zum Thema Gewalt geschrieben.
Unter dem Pseudonym Marie Hagemann veröffentlichte sie den Roman "Schwarzer, Wolf, Skin", der in der rechtsradikalen Jugendszene spielt.



Elisabeth Zöller
Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

Mit einem Nachwort von Ernst Klee
Fischer Schatzinsel, erschienen August 2004
224 Seiten
12,90 Euro
ISBN 3-596-85156-4200457575075

Literatur Beitrag vom 23.09.2004 AVIVA-Redaktion 

   




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