Jonathan Franzens 27ste Stadt - die Aufforderung zur urbanen Depression - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 03.05.2004

Jonathan Franzens 27ste Stadt - die Aufforderung zur urbanen Depression
Gaby Miericke-Rubbert

Franzens Abgesang auf seine Beinahe-Heimatstadt St. Louis, die ausgezogen war, die bedeutendste amerikanische Metropole zu werden und an Profitgier und Mißwirtschaft scheiterte



Eigentlich hätte St. Louis, im Jahre 1870 die viertgrößte Stadt Amerikas, das Zeug dazu gehabt, zur größten Metropole der Nation, zur Nummer 1, vielleicht zur Hauptstadt zu werden. Hundert Jahre später war diese ambitionierte Vision ausgeträumt, auf Platz 27 der Rangliste der amerikanischen Großstädte abgerutscht. Schuld daran trug einzig und allein die Verwaltung der County, zu der die Stadt nominell gehörte. Sie hatte letztendlich mit ihrer engstirnigen Steuer- und Landvergabepolitik St. Louis in ein starres Korsett eingeschnürt, damit ihr Wachstum verhindert und die einstige Blütezeit zum Verblühen gebracht. Florierende Wirtschaftsunternehmen wanderten ab ins Umland, die schönen und reichen Weißen zogen in die Vororte, die Stadt selbst verslumte zusehends. Kriminalität, Korruption und Zerstörung hielten Einzug.

Soweit das soziologisch-historische Szenario. Da tritt S. Jammu auf den Plan, die neue vornamenlose Polizeichefin aus Bombay, jung, zerbrechlich, mafiös sympathisch. Ihre Verwandtschaft mit Indira Gandhi war sicherlich nicht ganz unschuldig an ihrer steilen Polizeikarriere in Indien. In St. Louis muss sie jetzt aber erst mal beweisen, dass sie trotz ihrer Jugend, ihrer Nationalität und ihres Geschlechts es drauf hat, St. Louis von dem korrupten und kriminellen Übel zu befreien.

Wir verfolgen - gemeinsam mit der mißtrauischen bis argwöhnischen Elite der Region - Jammus zielstrebige und machthungrige Versuche, sich in das Labyrinth von inner- und außerstädtischen Beziehungen und Machtstrukturen einzuarbeiten. Sie hat ein Troß von indischen Landsleuten im Handgepäck, die ihr behilflich sind, die Lokalgrößen aus Politik und Wirtschaft zu bespitzeln, zu erpressen und zu manipulieren. Ein großangelegter skrupelloser Komplott soll St. Louis und der County die Rettung bringen, dafür muss allerdings eine unfeine Mixtur aus Entführung, Bombenanschlägen und Morden angerichtet werden.

Achtung, liebe LeserInnen, spätestens bei der Vorstellung der Führungselite, also ab Seite 28 des Buches, sollten Sie anfangen, Bleistift und Papier bei der Lektüre parat zu haben. Denn um nicht in dem Geflecht von Beziehungen, Verwandtschaften und Machtgruppierungen unterzugehen, sollten Sie jetzt beginnen, ein Organigramm der St. Louiser oberen Zehntausend anzufertigen. Ansonsten sind Sie hilflos verloren, müssen immer wieder zurückblättern, nachlesen, um den Überblick zu behalten.

Wobei ich letzten Endes feststellen mußte, dass diese mühevolle Kleinarbeit mir zwar das Lesen und das Durchkommen ermöglicht hat. Aber den Untergang konnte ich so auch nicht abwenden, alle Figuren sind dann am Schluß doch Verlierer und es ist ziemlich gleichgültig, zu welcher Fraktion die Einzelnen gehört haben, wer mit wem geschlafen hatte und wer mit wem verschwippt und verschwägert gewesen ist.

Der Autor spürt nicht, dass er seine Figuren und die LeserInnen in dem Gewirr von Fatalismus, Kälte und Verachtung am Ende verloren hat. Seine Charaktere sind klischeehaft und hohl, sein Frauenbild antiquiert und seine Gesellschaftsstudie altbekannt. Herr Franzen hat sich in seinem eigenen Sittenbild verfranzt, Visionen verloren und in Depression resigniert. Folgerichtig flackern Spannungsbögen immer wieder nur kurz auf, um dann schnell wieder zu verlöschen.

Aviva-Tipp:
Nur für hartgesottene Franzen-Anhänger eine Übung im Durchhalten, für alle anderen: Warten auf bessere Jonathan-Franzen-Zeiten!

Zum Autor:
Jonathan Franzen, 1959 in Western Springs/Illinois geboren, aufgewachsen in einem Vorort von St. Louis (Webster Groves/Missouri). Internationaler Durchbruch mit seinem dritten Roman "Die Korrekturen", wofür er 2001 den National Book Award verliehen bekam. Er hat eine Zeit lang in Berlin und München studiert und lebt seit langem in New York.




Jonathan Franzen
Die 27ste Stadt

Roman, gebunden
Rowohlt Verlag GmbH, September 2003
ISBN: 3-498-02087-0
670 Seiten
Euro 24,90200855884175"


Literatur Beitrag vom 03.05.2004 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken