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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.02.2005

Wörterbuch. Ein Roman von Jenny Erpenbeck
Sabine Grunwald

Was bleibt von der Elternliebe bestehen, wenn ein Kind erfahren muss, dass Vater und Mutter nicht ihre leiblichen Eltern sind, sondern die Folterer und Mörder derselben?



Ein Mädchen wächst wohlbehütet in einer südamerikanischen Stadt auf. Während sie Klavier spielt und sich mit ihrer Freundin Anna unterhält, klingen die draußen platzenden Reifen wie Schüsse. Von ihrer Amme wird sie mit der Leidensgeschichte der Heiligen Difunta vertraut gemacht, während Freunde und Bekannte spurlos verschwinden. Die Stadt wird immer freud- und lebloser.
Je älter das Mädchen wird, umso mehr muss sie sich anstrengen, die Augen vor einem unheilvollen Geheimnis zu verschließen. Ihr Leben ist eines aus zweiter Hand und muss ganz neu definiert und interpretiert werden.

Der geliebte Vater verrichtet eine mörderische Arbeit hinter den Mauern des Staatsgefängnisses. Als die Wahrheit nicht mehr zu leugnen ist, muss sie sich entscheiden, was sie mit dem Wissen anfängt und welche Bedeutung das Wort "Elternliebe" für sie nun besitzt.

"Wozu sind denn meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?

Jenny Erpenbecks Sätze beschreiben das Grauen mit schönen, präzisen Sätzen und einer Beobachtungsgabe, die scharf wie ein Skalpell seziert. Auch das Ungesagte wird hier deutlich, verschärft geradezu das Unfassbare und Schreckliche der Geschichte. Scheinbar eindeutige Begriffe wie "Geburtstag", "Eltern", "Liebe" oder "Wahrheit" haben eine zweite Dimension.

AVIVA-Tipp: Ein Buch, das niemand so leicht vergessen wird. Jenny Erpenbeck hat das Talent, ein grausames Thema in einer poetisch schönen Sprache elegant zu verpacken.

Zur Autorin:
Jenny Erpenbeck
wurde 1967 in Berlin (DDR) geboren. Nach einer Buchbinderlehre studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Von 1991 an arbeite sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper, Musik- und Sprechtheater in Berlin, Potsdam und Graz. Ihr am Deutschen Theater in Berlin inszeniertes Theaterstück Katzen haben sieben Leben (2000) wurde begeistert gefeiert. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin. Mit ihrem Prosadebüt Geschichte vom alten Kind gelang ihr der Durchbruch. Den Hintergrund dieser Veröffentlichung bildet eine tatsächliche Begebenheit, von der die Autorin durch ihre Familie erfuhr, sowie Recherchen, die Jenny Erpenbeck vor fünf Jahren anstellte. Damals gab sie sich als Siebzehnjährige aus und ging nochmals für einige Wochen in eine elfte Klasse eines Berliner Gymnasiums.
2001 folgte die Gedichtsammlung Tand. Beide Bücher wurden mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet und in insgesamt elf Sprachen übersetzt.
Beim Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb in Klagenfurt erhielt Jenny Erpenbeck im Juni 2001 für Sibirien, eine Erzählung aus dem Buch Tand den Preis der Jury.


Jenny Erpenbeck
Wörterbuch

Eichborn Verlag, erschienen Februar 2005
116 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
ISBN 3-8218-0742-3
14,90 Euro200681908775"


Literatur Beitrag vom 21.02.2005 Sabine Grunwald 

   




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