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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.12.2002

Marlene Streeruwitz: Partygirl
Meike B├Âlts

Mit "Partygirl" legt Marlene Streeruwitz ihren dritten Roman vor: Eine Familiengeschichte voller Verletzungen, Schmerz und Verlangen



Partygirl beginnt in Chicago im Jahre 2000: Madeline - eine Frau um die sechzig - arbeitet im "Crystal Cleaner", einer schmierigen W├Ąscherei. Der Besitzer ist ein Abbild dieser verkommenen Szenerie: Ein biersaufendes Ekelpaket, das zu nicht viel mehr f├Ąhig ist, als zappend vor dem Fernseher zu h├Ąngen und seine weiblichen Angestellten herumzukommandieren. Der Laden befindet sich direkt an einer U-Bahn-Station, die f├╝r alle nur eine Durchgangsstation ist. Auch f├╝r Madeline, denn wenn ihr Bruder Rick endlich den Schweden ausfindig gemacht hat, werden sie wieder reich sein und an ihr fr├╝heres Leben ankn├╝pfen k├Ânnen. Doch ein St├╝ck Pizza spielt Schicksal: Bevor wir es ├╝berhaupt begreifen, wird Rick an eben diesem ersticken. W├Ąhrend Madeline noch ruft "my brother is dying", l├Ąuft ein Dylan-Song im Hintergrund: "May you stay forever young."

Streeruwitz bedient sich eines sehr geschickten Tricks: Sie rollt die Geschichte der beiden Geschwister Madeline und Roderick Asher vom Ende her auf. ├ťber Stationen in Havanna, Berlin, Santa Barbara, Kreta, Arezzo, Wien, Baden, Peruggia und wieder Wien verfolgen wir Madelines Leben bis zur├╝ck ins Jahr 1950 in Baden in ├ľsterreich. Die beiden Geschwister wurden von irgendeinem Erlebnis in ihrer Kindheit in die Welt hinausgetrieben. W├Ąhrend Rick sich ├╝ber sein Studium ein - zumindest von au├čen betrachtet - normales Leben zurecht gezimmert hat, verweigert Madeline sich den Konventionen des Alltags.

Obwohl wir sehr intime Details ├╝ber Madeline, genauer: ├╝ber ihren K├Ârper, erfahren, bleibt sie doch in einer undurchdringlichen Distanz vor uns stehen. Der Schutzpanzer, den sie sich m├╝hsam im Laufe ihres Lebens aufgebaut hat, ist nicht zu durchbrechen. Nicht einmal von Rick. Fassungslos betrachten wir Madelines Drang, ihren K├Ârper immer wieder in schmerzhafte, verletzende Situationen zu bringen. Passiv ertr├Ągt sie es, wenn sie benutzt oder hin- und hergeschoben wird.

Ist dieser Masochismus im Freitod ihres Vaters begr├╝ndet? Dieser hatte sich das Leben genommen, als er nach dem Krieg erfuhr, dass er zu einem Viertel j├╝disch war. Oder in der Krankheit ihrer Mutter? Durch Multiple Sklerose ans Bett gebunden, wird sie f├╝r lange Zeit von Madeline gepflegt. Oder gar in ihrem Verh├Ąltnis zu Rick? Eine offenbar inzestu├Âse Geschwisterverbindung, die durch die Eltern dadurch unterbunden wurde, dass Rick ins Internat geschickt wurde.

Der Titel und das Cover tr├╝gen also, denn Partygirl ist keine leichte Kost. Nicht umsonst sind die Parallelen zu Edgar A. Poes Der Untergang des Hauses Usher un├╝bersehbar. Poes Krise der modernen Subjektivit├Ąt erweitert Streeruwitz um die Krise der Gesellschaft und den Umgang mit Erinnerung und Vergangenheit.

W├Ąhrend Poe den Tod einer sch├Ânen Frau als das angemessenste Thema von Melancholie definiert, l├Ąsst Streeruwitz hingegen nur M├Ąnner, bevorzugt ├Ąltere sterben. Madeline hingegen bleibt das Girl, das M├Ądchen, das sesselschaukelnd vergisst, dass es schon seit Jahren erwachsen sein sollte.

Partygirl ist sperrig, schwer zu knacken, doch es lohnt sich am Ball zu bleiben.



Marlene Streeruwitz
Partygirl

S. Fischer, 2002
ISBN: 3-10-074426-8
Preis: 19,90 EUR200707526075 "

Literatur Beitrag vom 26.12.2002 AVIVA-Redaktion 

   




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