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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 24.08.2005

Kirsten Küppers - Kleine Beile
Karin Effing

Die Gerichtsreporterin der taz gibt in kleinen sachlichen Texten das Geschehen vor Gericht wieder. Aus den Medien bekannte Fälle sind dabei aus einer anderen Perspektive zu entdecken. Ungewöhnlich



Der schmale handliche Band, erschienen im Verbrecher Verlag, versammelt skizzenartige Texte zu verschiedenen Gerichtsverhandlungen, der die Gerichtsreporterin Kirsten Küppers beigewohnt hat.
Sie beschreibt die Menschen, die in der ungewöhnlichen Situation vor Gericht zusammentreffen. Alle Beteiligten - RichterIn, Anwalt/Anwältin, Angeklagte/r, ZeugInnen - sind einer enggefassten Rolle unterworfen, die sie nicht überschreiten dürfen. Selbst die juristische Sprache ist eine ganz eigene.
Die Rechtsfindung selbst stellt eine besondere Art der Wirklichkeitsfindung dar. Mit ihren eigenen Regeln versucht die Justiz, Schuldige zu ermitteln und ihnen eine möglichst gerechte Strafe im Sinne des Gesetzbuches zukommen zu lassen. Schuldig ist, wer gegen eine bestehende juristische Norm verstößt und dem oder der die kriminelle Handlung auch gerichtsfest nachgewiesen werden kann.
Dabei kann es zu Urteilsfindungen kommen, die im menschlichen Sinn als ungerecht empfunden werden.
Im Kapitel "Cybersex auf der Motorhaube" sitzt Dirk B. auf der Anklagebank, er soll bei einem Date eine Frau vergewaltigt haben. Es sei ganz anders gewesen behauptet er. Die Hauptbelastungszeugin, das Opfer sagt nicht aus, sie hat sich zurückgezogen, wie es viele Gewaltopfer tun. Damit kann die Klage nicht aufrecht gehalten werden, und obwohl Dirk B. nicht glaubwürdig erscheint, wird er frei gesprochen. Im Zweifel für den Angeklagten. Das Opfer ist vor Gericht nicht von Belang, denn zwischen ihm und dem Staat ist es ja im juristischen Sinne zu keiner Rechtsverletzung gekommen.

Viele der Fälle vor Gericht in "Kleine Beile" sind skurril, wie der von Lutz W., der in seiner Kanzlei "Akademus" gefälschte Doktortitel anbot oder der Fall des Rechtsanwaltes Karl Sch., der Drogen in den Knast schmuggelte.
Manch ein Angeklagter ist durch dumme Zufälle vor dem hohen Gericht gelandet.
Wie im Fall des früheren Bauministers im Land Brandenburg Wolf. Der von ihm angeheuerte Killer Ralf M. wurde von der Polizei mit auf die Wache genommen, da er ohne Führerschein und Fahrzeugpapiere mit dem Auto unterwegs war. Wie sich herausstellte, hatte er auch nie einen besessen. Ralf M. fängt daraufhin an zu reden und packt aus, er hätte Wolfs Frau für 10.000 Mark aus dem Weg räumen sollen. Der Minister hatte sich in die 25-jährige Dolmetscherin Oksana K. verliebt und seine Frau loswerden wollen.

Dokumentiert sind auch erschütternde Fälle wie dieser:
In Potzlow, einem Dorf 100 Kilometer nordöstlich von Berlin, haben zwei Brüder und ein Freund den 16-jährigen Marinus umgebracht. Bei einer heiteren Biergeselligkeit mit Kartenspiel pöbelten sie das Opfer an, denn er hatte einen Sprachfehler und trug eine weite Schlaghose. "Ein anständiger Deutscher trägt so was nicht" riefen ihm die angetrunkenen Kumpanen mit den kurzgeschorenen Haaren und den Springerstiefeln zu "Sag, dass du ein Jude bist!" Vier Stunden malträtierten sie den Jungen bis er tot war, dann versenkten sie ihn in einer Jauchegrube.
Der eine der Brüder begann mit dem Mord zu prahlen. Für 25 Euro zeigte er in einer Bierlaune ein paar Jugendlichen die verweste Leiche und hieb mit einem Beil auf die menschlichen Überreste ein. Dann tauchte erst das Rad des Opfers auf, ein Mädchen fuhr auf ihm durch das Dorf, dann auch sein Rucksack. Langsam machte die Geschichte ihre Runde im Dorf. Alle schienen irgendwie Bescheid zu wissen. Irgendwann kommen die Gerüchte auch bei den ganz kleinen Kindern an und auch sie laufen zur Jauchegrube und stochern mit einem Ast herum, bis sie die Leiche finden. Eines der Kinder rief die Polizei an, ohne seinen Namen zu nennen.

AVIVA-Tipp: "Kleine Beile" zeigt Menschen vor Gericht, VerbrecherInnen und eine Gesellschaft, die schweigt. Geschrieben für alle, die die wahren Geschichten des Lebens lieben, weil das, was täglich geschieht, abgefahrener und unwahrscheinlicher als Fiktion ist. Und für alle, die sich für die kriminellen Energien ihrer Mitmenschen interessieren, sei es um mehr über die Hintergründe zu erfahren oder dem Phänomen Gewalt auf die Spur zu kommen. Ein besonderes Buch. Nicht immer leicht verdaulich.


Kleine Beile
Kirsten Küppers

Mit einem Nachwort von Dietrich Kuhlbrodt
Verbrecher Verlag, erschienen Mai 2005
Kartoniert, 128 Seiten
ISBN: 3-935843-47-X
13 Euro200591806575"



Literatur Beitrag vom 24.08.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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