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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.09.2005

Jüdische Berliner - Leben nach der Schoa
Sarah Ross

Die Herausgeber Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama sprachen mit 14 Berliner Juden darüber, wie sie den Holocaust überlebten und wie Berlin nach 1945 wieder Heimstadt für Juden werden konnte.



In ihrem Buch "Jüdische Berliner - Leben nach der Schoa" haben der Jurist und Kulturwissenschaftler Ulrich Eckhardt, sowie der Berliner Rabbiner und Historiker Andreas Nachama die Lebensberichte von vierzehn Berliner Juden und Jüdinnen, die das nationalsozialistische Terrorregime überlebten, zusammengetragen. Die Texte entstanden aus Gesprächen, die die Herausgeber nach Tonbandtranskriptionen aufgezeichnet haben, und die schließlich von den Portraitierten autorisiert worden sind. Es sind weniger vollständige Biographien, als beeindruckende Momentaufnahmen aus dem Jahr 2002 - mit Einblicken, Rückblicken und Ausblicken. Begleitet wurden die Herausgeber von der Fotografin Elke Nord.

Am Anfang des Projektes stand die Frage "Wo waren Sie am 8. Mai 1945?". Der Tag der Befreiung, der hier als zeitlicher Ausgangspunkt und historischer Dreh- und Angelpunkt für das Aufrufen der Erinnerungen diente, repräsentiert einerseits das Ende der Verfolgung der Juden in Deutschland und andererseits den Beginn eines neu geschenkten Lebens - eines Lebens, das auch andernorts als in Deutschland seinen Anfang hätte nehmen können. Doch die hier portraitierten Berliner Juden und Jüdinnen haben sich dazu entschieden, im besiegten Deutschland - in Berlin - zu bleiben. Ihre Antworten auf die Ausgangsfrage der Interviews beginnen somit stets mit einer Schilderung, wie es überhaupt dazu kam, dass sie den 8. Mai 1945 erlebten.

In ihren Berichten gehen ZeitzeugInnen wie Lilli Nachama, Heinrich Simon, Inge Borck oder Ernst Cramers, um nur einige wenige der AutorInnen zu nennen, auch auf die im Vorwort des Buches aufgeworfene Frage ein, wie es in Berlin nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wieder jüdisches Leben geben konnte - wie Berlin wieder zur Heimatstadt für Juden und Jüdinnen hat werden können. Und das, obwohl sie niemand zurückgerufen hatte. Ihre ZeitzeugInnenberichte sind daher von den unterschiedlichsten Empfindungen gekennzeichnet: "Resignation und Hoffnung, tiefe, unaufhebbare Trauer und Engagement, Zorn über anhaltende Bedrohung und Kampf um eine neue, veränderte Welt".

Die Geschichten der Überlebenden aus der Zeit der Verfolgung sind meist bodenlos traurig, absurd und tragikomisch zugleich. So konnte etwa Lilli Nachama mit falschem Pass in der Illegalität überleben. Die Witwe des Kantors Estrongo Nachama und ihre Freundin erkannten schnell ihre Vorteile zu nutzen: "Wir waren jung, waren schön und blond. Und mussten eiserne Nerven haben". So erzählt sie, wie sie beide in einem Wiener Hotel den Silvesterabend 1944/45 verbrachten - in Begleitung von 30 bis 40 SS-Männern, die auf den Führer anstießen und sich darauf freuten, bald alles "Gesocks" umgebracht zu haben. Lilli und ihre Freundin flogen nicht auf. Ihr Überlebensmotto war: "Verloren ist, wer Angst zeigt". Ernst Cramers hingegen, der bereits 1938 nach der Pogromnacht ins KZ Buchenwald deportiert wurde, später jedoch in die USA auswandern konnte, erzählt seine ergreifende Geschichte, wie er 1945 als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurückkehrte: "Ich bin wahrscheinlich der Einzige - ich habe jedenfalls niemanden sonst gefunden -, der sowohl Gefangener in Buchenwald als auch später "Befreier" gewesen ist".

Das es nach 1945 nicht normal war als Jude in Deutschland zu leben, erfuhren die vierzehn Interview-Partner am eigenen Leib. Deutschland, und damit auch Berlin, galt als das "Unland" für Juden und auch die Ressentiments von Seiten jüdischer BürgerInnen im Ausland waren nicht zu ignorieren. Die, die geblieben oder zurückgekehrt waren, fanden sich in einem "unsichtbaren Netz aus Lügen, Verschweigen, Verdrängen, Entschuldigungen und Reinwaschungen" wieder. Für viele von ihnen war es aber das "Trotz alledem", das sie veranlasste in Berlin zu bleiben und zu leben. Sätze wie: "Ich war nie weg" (Inge Borck), oder "Wir Juden gehören dazu" (Susanne Thaler) sind charakteristisch für das Leben dieser Menschen. Sie machen neugierig, verblüffen, und laden einen zum Dialog mit den Portraitierten ein.

Zu den Herausgebern: Ulrich Eckhard ist promovierter Jurist und Kulturwissenschaftler. Von 1973 bis 2001 war er Intendant der Berliner Festspiele, und ist Professor an der Hochschule für Musik "Hans Eisler". Dr. Andreas Nachama ist promovierter Historiker und Rabbiner in Berlin. 1997 bis 2001 war er Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

AVIVA-Tipp: In dem Buch "Jüdische Berliner - Leben nach der Schoa" erzählen 14 Überlebende von der Zeit der Verfolgung und der Nachkriegszeit. Die Texte zeugen von einer Selbstreflexion des eigenen Lebens und des jüdischen Lebens im heutigen Berlin. Die Lebensberichte machen in einzigartiger Weise deutlich, dass die eigene Entscheidung für Berlin als Lebensort meist als eine politische zu verstehen ist. Und nur der Trotz der Überlebenden gegenüber allen Formen des Antisemitismus hat jüdisches Leben in Berlin wieder denkbar und möglich gemacht. Dennoch: "Sein wie die anderen - fliehen in die Geborgenheit der Familie, der Gemeinde, der Synagoge. Bürgerliches Ambiente, ästhetisches Verhalten, Wahrung von Stil und gepflegtem Äußeren sind Ausdrucksformen des Widerstands gegen erlittene und hautnah erfahrene Herabwürdigungen und Verluste". So erklärt Nachama dieses oft sehr zurückgezogene Leben.


Ulrich Eckhardt/Andreas Nachama
Jüdische Berliner - Leben nach der Schoa

Jaron Verlag: März 2003, ISBN 3-89773-068-5
288 Seiten, Einband: Geb, Illustrationen: 14 Fotos
14, 90 Euro200826491075"

Literatur Beitrag vom 19.09.2005 Sarah Ross 

   




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