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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 21.02.2003

Siri Hustvedt: Was ich liebte
Meike Bölts

Die New Yorker Autorin widmet sich wieder der Identität und dem Rollenverhalten, diesmal bravourös ergänzt um Reflektionen zu Kunst und Wahrnehmung - eingebettet in einen großen Familienroman



Soho, New York - wir schreiben das Jahr 1975. Ein in die Jahre kommender Kunstprofessor kauft das Bild eines unbekannten Künstlers: "Selbstportrait". Auf dem Bild ist eine nackte Frau zu sehen und der Schatten einer Person: der des Malers oder gar des Betrachters? Zunächst unbemerkt, aber dann doch ebenso präsent wie die nackte Frau ragt an einer Ecke der Schuh einer anderen Person - einer Frau? - in das Bild hinein.

Mit diesem Bild haben wir auch schon weitgehend das Personal von Siri Hustvedts neuem Roman Was ich liebte beisammen. Der Käufer und Betrachter des Bildes ist der Erzähler des Romans: Leo Hertzberg, ein in Berlin geborener jüdischer Kunsthistoriker. Durch den Kauf des Bildes trifft Leo auf den Maler Bill Wechsler. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Die beiden Frauen auf dem Bild sind Violet - nackt - und Lucille - die beinahe abwesend zu sein scheint und doch den zweiten Mittelpunkt des Bildes ausmacht. Ergänzt wird dieses Quartett durch Erika, Leos Ehefrau.

Ein Roman über Rollenbilder und Geschlechterdifferenz? Ja.
Ein Familienroman mit den Ingredienzien Betrug, Schmerz und Trauer? Ganz sicher.
Eine Bespiegelung der New Yorker Kunstszene? Natürlich.
Kunsthistorische und philosophische Reflektionen, wie wir sie schon aus den beiden Romanvorgängern Hustvedts schon kennen? Ohne Zweifel - und diesmal noch sehr viel authentischer als bisher.

Doch der Kern des Ganzen ist die Frage nach der Identität: Die Personen des Romans leben uns vor, wie sich ihre Identität aus dem Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart herausbildet, Hustvedt vergisst dabei natürlich nicht darauf hinzuweisen, dass der Erinnerung als solche kaum zu trauen ist. Ganz sicher hat auch unser Gegenüber einen großen Einfluss auf unsere eigene Identität: Werden wir gar - ähnlich den Hysterikerinnen des letzten Jahrhunderts - zu dem, was wir sehen, oder zu dem, was unser Gegenüber in uns sieht?

All diese Fragen werden anhand der Schicksale der beiden Familien durchgespielt: Leo und Erika verlieren ihren Sohn Matthew durch einen Unfall. "Wir wussten nicht, wie wir ihn aufgeben, wie wir weiter existieren sollten. Wir fanden nicht mehr in den Rhythmus eines normalen Lebens zurück." Doch auch Bills Sohn sollte ihm entgleiten: In die zunächst nur skurrile, dann aber auch grausame Drogen- und Transvestitenszene New Yorks.

Das Besondere an Hustvedts Roman ist, dass er auf mehreren Ebenen funktioniert: Wer möchte, kann ihn durchaus als tragische Familiengeschichte lesen und wird nicht enttäuscht werden. Geschickt mit dieser Geschichte verflochten sind die intellektuellen Gedanken, von denen einige durchaus einen eigenen Essay verdient hätten. Im Zentrum steht die Identitätsproblematik, wie ich sie in letzter Zeit selten in dieser Reflektiertheit und Breite gelesen habe. All die Hinweise auf Essstörungen, auf Hysterie, auf multiple Persönlichkeiten und auf den möglichen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Anforderungen an das Individuum geben Anstöße, die durchaus lohnenswert sind, weiter gedacht zu werden.

Was ich liebte: Ein Roman, der durchaus ein zweites, wenn nicht sogar ein drittes Mal gelesen werden kann und immer noch Neues bietet.



Siri Hustvedt
Was ich liebte

Rowohlt Verlag Gmbh, 2003
ISBN: 3-498-02971-1
Preis: 22,90 EUR200911416575" .

Literatur Beitrag vom 21.02.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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