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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 22.05.2003

Versiegte Brunnen
Kirsten Eisenberg

Als "Die Tochter des Geschichtenerzählers" berichtet die in England geborene Afghanin Saira Shah über Heimatlosigkeit und Identitätssuche



"Die Tochter des Geschichtenerzählers": Was nach orientalischem Märchen klingt, ist in Wirklichkeit das autobiographische Werk der britischen Journalistin Saira Shah.
1965 wurde Shah als Tochter eines afghanischen Schriftstellers und Gelehrten in Langton Green geboren. Durch die mythischen Geschichten ihres Vaters lernte sie das Land ihrer Ursprünge als paradiesischen Märchengarten kennen und lieben.
Die Erzählungen entfachten in ihr die große Sehnsucht, Afghanistan endlich mit eigenen Augen zu sehen. So studierte sie Persisch und Arabisch, wurde Journalistin und begab sich als 21Jährige erstmals auf eine Reise ins Land ihrer Ahnen.

Die Intention, die Saira Shah in "Die Tochter des Geschichtenerzählers" verfolgte, ist nun aber weniger politischer als vielmehr ganz persönlicher Natur. In einem ersten Abschnitt des Buches berichtet die Autorin über ihre behütete Kindheit, in der ihr Bild von Afghanistan als "Garten" entstand.
Unter dem aussagekräftigen Titel "Die Märchenkarte" spricht Shah anschließend über ihre erste, lang ersehnte Reise ins Land ihrer Träume, welche ihre Phantasien auf brutale Weise zerstörte.

Krieg und Leid statt 1001 Nacht: Was sie Ende der 80er Jahre dann erlebt, ist alles andere als das Märchen-Paradies aus den väterlichen Geschichten.
Zu jener Zeit, als der Kalte Krieg in seiner eisigsten Phase angelangt ist und Russland und die USA ihre Feindschaft auch in Afghanistan austragen, lässt sich die junge Kriegsberichterstatterin für drei Jahre im pakistanischen Peshawar nieder.
Schon bald gehört es zum Alltag, unter der Burka versteckt in Schützengräben zu springen, um dem Granatenhagel zu entgehen.

Neben tiefen Einblicken in komplizierte politische Verflechtungen mit Pakistan, der damaligen Sowjetunion und den USA, welche die intime Kennerin Afghanistans, die Shah ihren LeserInnen gewährt, spricht sie vor allem über persönliche Begegnungen mit verrückten westlichen Abenteurern, russischen Geheimdienstagenten und afghanischen Mudshaheddinkämpfern. Wie kleine Mosaiksteinchen entsteht für Saira Shah nach und nach ein klareres Bild "ihres" Afghanistan, ein Bild, das auch von Krieg und Leid gekennzeichnet ist.

Afghanin? Britin? Zwei Identitäten? Oder gar keine? Tief in den afghanischen Bergen spürt Saira Shah, im tiefsten Inneren schon immer Muslimin gewesen zu sein. Trotzdem weiß sie, dass sie und ihre Verwandten praktisch auf unterschiedlichen Planeten leben. "Ich habe eine östliche und eine westliche Seite in mir, die ständig miteinander kämpfen" sagt Saira Shah von sich selbst. "Die Tochter des Geschichtenerzählers" ist ihre Beschreibung einer langen Reise der Identitätssuche.

Gespaltene Wahrnehmung: Die Autorin spricht einerseits vom "wilden, edlen, und kämpferischen Volk der Afghanen". Aus dem offensichtlichen Stolz auf ihre Zugehörigkeit zu diesen Menschen leitet Shah die Pflicht ab, der Welt ein anderes Afghanistan vorzustellen, ein Afghanistan des kulturellen Reichtums. So bettet sie in die Schilderung ihres Journalistinnenalltags viele Hinweise auf weise Gelehrte, afghanische Literatur, Geschichte und Traditionen.
Besondere Aufklärungsarbeit leistet sie hinsichtlich falscher Vorstellung zum Islam als einer Religion des Fanatismus. Sie selbst wuchs mit einer sehr toleranten Auslegung auf, in der "Frauen die Zwillingsschwestern der Männer" sind.

"Vertraue Gott, aber binde dein Kamel an." Man muss lachen, wenn Saira Shah liebevoll Macken und sehr eigene Charaktereigenschaften der Afghanen beschreibt.rn"Wie Allah es will. Die Afghanen haben keine Angst vor dem Tod". Shah kritisiert auf der anderen Seite auch den Hang zu Kompromisslosigkeit und Extremismus.

Saira Shah wurde vor allem mit ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Im Reich der Finsternis" aus dem Jahr 2001 berühmt. Mit versteckter Kamera gelang es ihr, erschreckende Einblicke in die menschenverachtenden Praktiken des seit 1996 an der Macht stehenden Taliban-Regimes zu gewähren.
Verhüllte, halbverhungerte Frauen, die im Dreck kauern und betteln, weil es ihnen untersagt ist, zu arbeiten - Saira Shah´s Bilder erschütterten die westliche Welt.
Im dritten Abschnitt von "Die Tochter des Geschichtenerzählers" hat die engagierte Reporterin Teile dieser Bilder eines Afghanistan des religiösen Fanatismus schriftlich festgehalten.

Heute kämpft die intime Kennerin Afghanistans Saira Shah vor allem für die Rechte afghanischer Frauen. Im Februar diesen Jahres reiste sie zudem für eine Undercover-Fernsehreportage nach Bagdad. Zur Zeit beschäftigt die Journalistin zwischen östlicher und westlicher Kultur sich mit einem für sie besonders heiklen Thema: In ihren aktuellen Filmprojekte geht sie dem Anti-Amerikanismus in der islamischen Welt auf den Grund.



Saira Shah
Die Tochter des Geschichtenerzählers

Originaltitel "The Storyteller´s Daughter"
Aus dem Englischen übersetzt von Elke Hosfeld und Andrea Ott
Goldmann Verlag, Februar 2003, 351 Seiten
Preis: 22,90 €,
ISBN: 3-442-30988-3200531833575"

Literatur Beitrag vom 22.05.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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