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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 27.10.2005

Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid - Moderne Erzählungen koreanischer Frauen
Karin Effing

Der Band, erschienen im Pendragon-Verlag, versammelt Erzählungen koreanischer Schriftstellerinnen und ermöglicht einen Einblick in die geschriebenen Werke des im Westen vernachlässigten Landes.



Mit der Frankfurter Buchmesse 2005 wendete sich der Blick der Büchermenschen einem Land zu, dass bisher kaum literarisches Interesse gefunden hatte: Korea. Genauer gesagt: Südkorea, denn der nordische, kommunistische Part des geteilten Landes sagte kommentarlos seine Beteiligung an der Messe ab.
Während die großen Verlage zum Gastland überraschend wenig zu bieten hatten, traten der Iudicium Verlag in München, Schwerpunkt Japan und Ostasien, und zwei Kleinverlage in den Vordergrund. Der Pendragon Verlag residiert in Bielefeld und bietet mit der Edition "Moderne koreanische Autoren" 30 Titel der literarischen terra incognita an. Im ostfriesischen Thunum erscheint die "edition peperkorn" mit Schwerpunkt Japan und Korea.

Günther Butkus, der Begründer des Pendragon Verlages, gibt Auskunft: "Von diesem Begriff [moderne koreanische Literatur] kann man erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen, eigentlich sogar erst seit 50 Jahren, weil die Koreaner unter jahrhundertelanger chinesischer und japanischer Besatzung gar keine Chance hatten, eine eigenständige Literatur zu entwickeln. Sie durften ja nicht einmal in ihrer eigenen Sprache schreiben."
Die erste und zweite Generation der SchriftstellerInnen widmete sich der Aufarbeitung der tiefen Wunden, die durch die Bevormundung und Teilung des Landes entstanden waren.
"Man kann schon sagen, dass die Autoren der dritten Generation weniger politisch sind als ihre Vorgänger - was ja übrigens in Westeuropa ähnlich ist. In Korea gab es einen drastischen Industrialisierungs- und Modernisierungsschub. Dort fand in den letzten 40 Jahren das statt, was in Deutschland bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Andererseits sind in der koreanischen Gesellschaft traditionelle Werte wie Familienzusammengehörigkeit und Verantwortung gegenüber der älteren Generation nach wie vor sehr stark präsent. Besonders die jungen Autoren setzen sich mit diesem Konflikt zwischen Tradition und Moderne auseinander und fragen sich: Wo stehe ich im Leben? Welche Werte sind mir wichtig?" führt Butkus in einem Interview mit dem Fernsehsender Arte weiter aus und ergänzt: "Die aktuelle starke Präsenz von Autorinnen ist historisch begründbar. Erst die politischen Veränderungen in Korea ermöglichten es den Frauen, ihren Erfahrungen eine Stimme zu geben. Das tun sie auf wunderbare Weise und haben damit großen Erfolg."

Der Band "Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid" stellt der Leserin verschiedene dieser Autorinnen in Gestalt ihrer Texte vor.
Die titelgebende Erzählung von Jon Kyongnin beschreibt die Geschichte eines Kleides über 12 Jahre hinweg. Die als gute Stilistin geschätzte Autorin versteht es, die Leserin in ihre Bilderwelt einzuführen und erkundet über das Kleidungsstück Weiblichkeit und das, was eine Frau ausmacht bzw. auszumachen scheint. Das Stück Stoff endet als Vogelscheuche und steht damit stellvertretend für die Loslösung der Protagonistin von ihrer passiven Rolle, in die sie bisher durch gesellschaftliche Konventionen gedrängt wurde. Kong Sonoks Werk ist durch seinen starken autobiografischen Charakter geprägt. In "Die allein stehende Mutter" eckt eine Frau nach ihrer Scheidung überall an und weigert sich konsequent, wieder zu heiraten. Angesichts der hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück. Ihrer dortigen Außenseiterrolle trotzt sie durch häufigen Alkoholgenuss, Humor und Selbstironie. Die renommierteste unter den im Band versammelten Autorinnen stellt Un Hikyong dar, die in "Die Schachteln meiner Frau" aus der Sicht eines Mannes die Ehe zweier entfremdeter Menschen schildert. Der bedrückende Text besticht durch seine virtuose und messerscharfe Analyse. "Schimmelblumen" beschreibt und bedichtet uns Ha Songnan mit der Vorliebe zum Detail. Der Bewohner eines anonymen Gebäudekomplexes begegnet seinen NachbarInnen in Form ihrer alltäglichen Hinterlassenschaften. Durch einen Zufall erkennt er, dass der Abfall Rückschlüsse auf die ihn produzierenden Personen erlaubt. Ja, der Müll scheint sogar ehrlicher und aufschlussreicher als die direkte Kommunikation. Einsamkeit umgibt auch die junge Verkäuferin in "Das französische Brillengeschäft" von Jo Kyung Ran. Sicher hinter der Fensterscheibe des Ladens verborgen beobachtet sie die Welt, die sich außerhalb ihres beschränkten Terrains bewegt. Die Brutalität und Sexualisierung von Gewalt der patriarchalen Umgebung dringt jedoch auch in ihren abgeschiedenen Raum und fordert ihr Reaktion ab. In "Das kostbare Erbstück" wird an traditionelle Motive und Symbole Koreas angeknüpft. Die Historikerin Kim Kyong-He führt die Heldin ihres Textes in das Keramikmuseum, in dem ihr Vater gearbeitet hat. Dunkel und geheimnisvoll erscheinen die Vorfälle um "Ein Rudel schwarzer Wölfe" , die uns Bae Su-Ah beschert. Wie viele ihrer Personen, lässt sich auch die junge Frau in diesem Text treiben und zeigt keinerlei Ehrgeiz. Die Suche nach den schwarzen Wölfen wird fast zu einer Zwangsvorstellung. Darin der Protagonistin in "Gedenktage im Terminkalender" von Yun Songhi ähnlich, die sich aufgrund der zwanghaften Idee zurückgezogen hat, dass sie wegen ihrer hässlichen Zähne ausgelacht werden könnte.

AVIVA-Tipp: "Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid", herausgegeben von Heidi Kang und Ahn Sohyun, ermöglicht die Begegnung mit der schreibenden weiblichen Zunft aus Korea. Die Leserin taucht ein in eine Welt, die ungewohnt scheint, aber auch vertraut im ganz Menschlichen. Bereichernd und informativ weckt der Band das Interesse an weiterem Lesestoff aus koreanischen Federn.

Wer gerne mehr lesen möchte, kann stöbern unter:
www.korea-literatur.de
www.iudicium.de
www.peperkorn.de
Viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid
Moderne Erzählungen koreanischer Frauen

Koreanische Erzählungen Band 3
Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Heidi Kang und Ahn Sohyun
Pendragon Verlag, erschienen 2004
Gebunden, 188 Seiten
ISBN: 3-934872-57-3
18,50 Euro90008115&artiId=2351186" target="blank">



Literatur Beitrag vom 27.10.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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