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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 02.03.2006

Julia Kissina - Vergiss Tarantino
Constanze Geißler

Mit eigenwilligem Humor und distanziertem Blick auf ihre Wahlheimat Deutschland erzählt die junge russische Autorin über abgedrehte KünstlerInnen, verhinderte Liebespaare und ...



... individuelle QuerschlägerInnen.

Christian ist Abteilungsleiter eines Berliner Supermarktes. Doch in Wirklichkeit ist der Supermarkt ein hinduistischer Tempel, worin Christian als Hüter dieser Heiligkeit dafür sorgt, dass die Opfergaben an die Geister stets frisch sind.
Zufällig lernt ihn Julia beim Einkaufen kennen. Gemeinsam entwickeln die beiden die größte Idee, die es je für einen Supermarkt gab: Die Mumie Lenins als Opfergabe muss in die Kühltruhe geschafft werden. Das Geld für diese "Kunstaktion" bewilligt rasch das Büro für politische Bildung in Bonn. "Nun mussten wir nach Moskau fahren und mit dem Mausoleum verhandeln. Es stellte sich heraus, daß wir eine Unmenge Genehmigungen brauchten sowie die persönliche Einwilligung von Putin. Putin war entrüstet, aber wir versprachen, die Sache konspirativ durchzuführen. Der russische Präsident verlangte eine enorme Geldsumme und mehrere Kampfhubschrauber. Soviel Geld besaßen wir nicht. Da hatte Christian eine glänzende Idee."

Die Ich-Erzählerin Julia lebt in verschiedenen deutschen Städten mit ihrem Geliebten Dietz und kennt die unterschiedlichsten Menschen - nicht nur den verrückten Christian, sondern allgemein Leute, die mit ihrer schillernden Lebensart die LeserInnen in Exzesse des Nachtlebens und in eine Welt der abstrusesten Vorstellungen entführen. Da passiert es, dass Jesus gleich doppelt am Himmel erscheint und eine neue Botschaft verkündet: "Liebe, das ist Hysterie".

Mit nicht enden wollendem Einfallsreichtum bringt Autorin Julia Kissina Dynamik in ihre Erzählungen. In aberwitzigem Tempo reiht sie Ereignisse aneinander, in denen das Leben ihrer HeldInnen durcheinandergewirbelt wird.
Nicht immer zum Vorteil des Buches. Mitunter wirken die Handlungen, trotz beabsichtigter "Freakness", aufgesetzt. Charaktere sind schwer auszumachen. Sie durchdringen sich mit all der Aktion, Zeit für längere Gedankenformulierungen bleibt da nicht. Aber das ist auch nicht das Anliegen des Buches - "Schneller, höher, weiter." ist die Devise in der multikulturellen, modernen Welt.
Julia Kissina erzählt mit einem Gespür für Superlative über das Leben in ihrer Wahlheimat Deutschland - von Deutschen und von Russen und von Russomanen. Das sind diejenigen Personen, welche auf das exzessive Leben der Landsleute Julias "abfahren".
Verflixter Weise reduzieren alle männlichen Protagonisten die Frauen auf ihren Po.

Kissina beschreibt auch ein direktes Bild ihrer Heimat, wenn sie die junge Russin Lena in ihrer Erinnerung zu ihrer Familie in die Moskauer Neubauwohnung zurückkehren lässt. LeserInnen haben während der Lektüre allerdings Mühe, im Blick zu halten, dass die Autorin einerseits die stereotypen Bilder über Russland heraufbeschwört, sich aber andererseits wieder davon distanziert.

"Vergiss Tarantino" - Die HeldInnen des Buches können, laut Kissina, den Filmfiguren des amerikanischen Kult-Regisseurs Quentin Tarantino spielend die Stirn bieten. Sie gehen auf erotisch abgefahrene Performances, und auch sie fahren nach einem Waffendeal mit quietschenden Autoreifen durch die Stadt und "setzen sich einen Druck". Doch während die berühmt �, berüchtigten Filmfiguren Tarantinos Gewalt und Drogenkonsum als ihr Leben ganz selbstverständlich begleitend zelebrieren, müssen sich Kissinas ProtagonistInnen bemühen, dieser schonungslosen Coolness hinterherzukommen.
Und �, hat Tarantino Gewalt nicht immer auch als eine Inszenierung ihrer selbst dargestellt, die über sich hinaus weist? Solch eine klare Aussage vermag die Autorin nicht zu schaffen.

Allerdings gibt es einige wenige, erzählte Episoden im Buch, worin Melancholie durchschimmert. Das sind Momente, in denen LeserInnen verstehen, dass sich Julia, Upsi und wie sie alle heißen, nicht nur durch Show und Action bewegen, sondern durch ihr "real life".

AVIVA-Tipp:
Russische Popliteratur �, mal sanfter, mal schriller.
"Vergiss Tarantino" ist ein ambivalentes Buch. Man lernt es schätzen, um es im nächsten Augenblick wieder zu vergessen. Und dennoch bleibt die skurrile Welt Kissinas im Gedächtnis haften.

Zur Autorin:
Julia Kissina
, 1966 in Kiew geboren, lebt seit 1990 in Deutschland, u.a. in München und Frankfurt, derzeit in Berlin.
Die Künstlerin studierte an der Kunstakademie in München und hatte mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen. Bevor ihr erster Erzählband "Vergiss Tarantino" im Aufbau-Verlag erschien, veröffentlichte Kissina bereits einzelne Erzählungen in russischen und deutschen Zeitschriften.


Julia Kissina
Vergiss Tarantino
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau Verlag, erschienen August 2005
gebunden mit Schutzumschlag, 207 Seiten
ISBN: 3351030479
Euro 16,9090008115&artiId=3592895&nav=5081"


Literatur Beitrag vom 02.03.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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