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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.03.2006

Die Platzanweiserin
Sarah Ross

Die Autorin Susanne Fischer erzählt in ihrem neuen Roman die temporeiche und intensive Geschichte über die Platzanweiserin Christina, für die Häuser weitaus lebendiger sind als Menschen.



Für die 32-jährige Christina Genthe haben Häuser eine Seele. Die Protagonistin in Susanne Fischers neuem Roman "Die Platzanweiserin" ist sogar davon überzeugt, dass Häuser ein eigenständiges Leben führen – mit allen dazugehörigen Empfindungen und Emotionen. Ein Leben, das scheinbar um einiges ereignisreicher ist als das ihrer stillen Beobachterin Christina. Denn sie hat sich weitgehend aus dem aktiven Leben zurückgezogen. Menschliche Nähe kann sie ohnehin kaum ertragen und ebenso wenig konnte sie sich längerfristig mit all den verschiedenen Jobs anfreunden, die sie schon ausprobiert hat. Einzig und allein ihre Arbeit als Platzanweiserin im Kino hätte ihr über kurz oder lang Erfüllung bringen können, wenn da nicht ihr Freund Frank gewesen wäre, dem der Job seiner Freundin peinlich war. Also hat sie den Job – und schließlich auch den Freund – aufgegeben, um nun alleine in den Tag hinein zu leben, den Nachbarsjungen Max zu hüten und währenddessen eine ganz eigentümliche Zuneigung zu alten Häusern zu entwickeln.
Doch eines Tages wird sie von dem Bruder einer alten Freundin aus ihrer Lethargie – ihrer selbst gewählten Einsamkeit – herausgezogen.

Die einzige Beschäftigung, der Christina mit steter Regelmäßigkeit nachgeht, ist, Häuser anschauen. Wann immer in Hamburg ein zum Verkauf stehendes Haus zur Besichtigung frei gegeben ist, ist sie gemeinsam mit dem vernachlässigten Nachbarskind Max vor Ort. Stundenlang streifen die beiden durch die Stadt und schauen sich "arme, kleine, geflickte Vierzimmerkartons" an, wie Christina die Häuser liebevoll nennt, und in denen einst fremde Menschen gelebt haben.
Und da jedes Haus für sie per se viel lebendiger ist als ein Mensch, vermag Christina es, jedem einzelnen seine geheimsten Geschichten abzulauschen.
Sie macht sich Gedanken darüber, ob ein Haus glücklich oder traurig ist, ob es seine BewohnerInnen leiden kann und stellt sich vor, wie die Menschen ganz achtlos die einzelnen Häute ihrer Wohnungen herunterreißen und neue darüber kleben: "Man könnte sich die Häuser schließlich auch glücklich denken, endlich werden sie den säuerlichen Geruch der Alten los, ihre faden Gewohnheiten, ihre trockene Haut, die sich an den Mauern reibt und schuppt seit hundert Jahren." Und obwohl Christina immerzu im Bann dieser verwohnten Gebäude steht, die ihr Geschichten erzählen und eine Lebendigkeit verheißen, die sie sich selbst nicht zugesteht, sind dies keine Orte, mit denen sie wirklich etwas zu tun haben will.

Lange Zeit konnte Christina erfolgreich vor den Menschen flüchten und sich der Gleichgültigkeit gegenüber ihrem eigenen Leben und dem der anderen hingeben. Bis sie eines Tages dem Bruder einer früheren Schulfreundin begegnet.
Plötzlich erinnert sie sich an ihre Schulzeit in den 1970er Jahren, an ihr linksliberales Elternhaus und ihre Freundinnen Tamara, mit ihrer unverkennbaren Sympathie für die RAF, und Rita, die brave Schwester ihres Jugendschwarms Thomas.
Gerade durch ihn wird sie mit längst vergessen geglaubten Geschichten konfrontiert, und muss nun einsehen, dass sie dem Leben nun nicht mehr so ohne weiteres aus dem Weg gehen kann. Sie erfährt, dass Tamara alleinerziehende Mutter von vier Kindern ist, mit denen sie unter erbärmlichsten Verhältnissen leben muss, und dass Rita schon vor vielen Jahren ohne jede Spur verschwand. Besonders der Verlust seiner Schwester lässt Thomas nicht mehr los, und so sucht er Nacht für Nacht die Straßen nach ihr ab.

Christina lässt sich im negativen wie auch im positiven Sinne von Thomas mitreißen, schafft es letztendlich aber doch, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und der Zukunft offen gegenüberzutreten. Sie freundet sich sogar mit dem Gedanken an, einmal selbst Bewohnerin eines der Häuser zu werden, in denen sie immer nur ein außergewöhnlicher Gast gewesen ist.

AVIVA-Tipp: Dass Susanne Fischer eindeutig zu den AutorInnen gehört, die den Sinn und den Blick für Skurriles haben, hat sie mit ihrem neuen Roman "Die Platzanweiserin" unter Beweis gestellt. Die Autorin erzählt eine befremdliche Geschichte von einer jungen Frau, die sehr darum bemüht ist, sich das Leben vom Hals zu halten, um nur noch den Geschichten lauschen zu können, die ihr die alten Häuser selbst erzählen. Wie all die anderen Figuren in Fischers Roman ist auch Christina eine Außenseiterin, und zugleich eine derart groteske Figur, die auf eine ganz erschreckende Weise schon wieder normal zu sein scheint. Was diesen Roman so lesenswert macht, ist die einzigartige Mischung aus schwarzem Humor, Realität, phantasievollen wie liebenswerten Bildern und Figuren, die Fischer mit ihrer unverwechselbaren Sprache zeichnet.

Zur Autorin:
Die Autorin und Hobbybassistin Susanne Fischer wurde 1960 in Hamburg geboren.
Sie schreibt regelmäßig Kolumnen für die taz, bekam 1998 den Förderpreis des Landes Niedersachsen und ist seit 2001 Geschäftsführerin der Arno Schmidt Stiftung. Zuletzt veröffentlichte sie "Unter Weibern" (Suhrkamp 2003).


AVIVA-Berlin verlost 1x "Die Platzanweiserin" aus dem Eichborn Verlag. Bitte nennen Sie uns einen weiteren Buchtitel der Autorin Susanne Fischer und senden Sie bis zum 06.05.2006 eine eMail an folgende Adresse: gewinnspiel@aviva-berlin.de


Susanne Fischer
Die Platzanweiserin

Eichborn Verlag, Februar 2006
ISBN 3-821-85755-2
191 Seiten, gebunden
17,90 Euro90008115&artiId=5178654"


Literatur Beitrag vom 14.03.2006 Sarah Ross 

   




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