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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.03.2006

Der feurige Engel. Von Liliana Ke
Sabine Grunwald

Nina Petrowskaja, die Muse und Femme fatale der russischen Dekadenz lebte in Peterburg. Nach Stationen in Rom und dem "russischen Berlin" der 20er Jahre, starb sie 1928 verarmt und einsam in Paris



Die siebzehnj├Ąhrige Petersburgerin Nina Petrowskaja, Tochter eines kleinen russischen Beamten, heiratet 1896 den reichen Kaufmannssohn Sergej Sokolow.
Sie hatte zuvor die staatliche Grundschule und das den jungen Frauen aus allen sozialen Schichten zug├Ąngliche M├Ądchengymnasium besucht.
Hauslehrer oder Gouvernanten aus dem Ausland konnte sich die Familie nicht leisten. Aber bereits die Tatsache, dass auf die Ausbildung der Tochter Wert gelegt wurde, war bemerkenswert. Denn in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnte nur eine von hundert Russinnen die Schule besuchen.

Mit dem Abiturzeugnis stand den jungen Frauen allerdings nur die M├Âglichkeit offen, Grundschul- oder Hauslehrerin zu werden. Ein Studium war nur dem m├Ąnnlichen Teil der Bev├Âlkerung erlaubt.
F├╝r Nina und ihre Zeitgenossinnen gab es weder die M├Âglichkeit der Selbstverwirklichung noch die Befreiung von der elterlichen Autorit├Ąt.
Heirat war f├╝r die Mehrheit der Frauen die einzig soziale Rechtfertigung ihres Daseins.

Nina war keine Vorzeigesch├Ânheit, doch faszinierte ihre Art. Ein Zeitgenosse beschrieb sie ein paar Jahre nach ihrer Heirat mit den Worten:
Diese Frau, klein, rundlich, braun mit gr├╝nen Augen und einem gro├čen verderbten Mund, nicht h├╝bsch im landl├Ąufigen Sinn, aber sehr auffallend und f├╝r viele erotisch aufregend, etwas aufreizend d├Ąmonisch, was manche neugierig machen konnteÔÇŽHalb Moskau war in sie verliebt.

Nina heiratete nicht aus Liebe, mit ihrer ├╝berst├╝rzten Heirat wollte sie sich an einem ehemaligen Freund f├╝r ihre verletzten Gef├╝hle r├Ąchen. Sokolow war eine beeindruckende Erscheinung, gut aussehend, geschmackvoll gekleidet mit einer samtweichen Stimme und rhetorisch gewandt. In den ersten sechs Jahren kam sie ihrer Pflicht als vorbildliche Ehefrau nach. Am Reichtum ihrer angeheirateten Familie konnte sie nur passiv teilhaben. Rechtlich hatte sie keinen Anspruch auf Eigentum. Sie hatte ihrem Mann zu gehorchen und Kinder zu bekommen, was in ihrem Fall allerdings nicht m├Âglich war, die Mutterschaft blieb ihr versagt.
In ihrem ehelichen Zuhause f├╝hlte sie sich unwohl. Nach ihrer Beschreibung herrschte eine unbeschreibliche Stillosigkeit, W├Ąrme und Behaglichkeit fehlten g├Ąnzlich. In Moskau f├╝hlte sie sich au├čerdem nicht heimisch.
Moskau gefiel mir nicht. Die gro├če Stadt...war ein unordentlich zusammengestoppeltes gro├čes Dorf. Es gab wenige Prunkstra├čen, f├╝r europ├Ąische Begriffe keineswegs Avenuen oder Boulevards, doch schon die Seitenstra├čen waren ├Ąrmlich und h├Ąsslich.
Nina rettete sich in die Welt der B├╝cher, sie las alles, was ihr in die H├Ąnde kam. B├╝cher, die sich mit Okkultismus befassten, die franz├Âsischen Symbolisten, dann die russischen. Unter dem Einfluss der Frauenbildungsbewegung schrieb sie sich in einen H├Âheren Frauenkurs f├╝r Zahnmedizin ein.
Es mangelte an medizinischen Fachkr├Ąften, die Medizinerinnen sollten im Falle eines Krieges den Milit├Ąr├Ąrzten zur Hand gehen. Nach vierj├Ąhrigem Studium wurde Nina zur "wissenschaftlich ausgebildeten Zahn├Ąrztin" erkl├Ąrt. Das erworbene Diplom war aber kein akademischer Grad und sie besa├č auch nicht die gleichen beruflichen Rechte wie die m├Ąnnlichen Kollegen. Ninas Mann hatte inzwischen sein Jurastudium abgeschlossen und war in die Kanzlei seines Bruders mit eingestiegen.
Sokolows Salon entwickelte sich bald zum Treffpunkt des Moskauer B├╝rgertums. Nina f├╝hlte sich in dieser Gesellschaft einsam und langweilte sich schrecklich.
Im Winter 1903 gr├╝ndete Sokolow einen eigenen Verlag. Der Symbolismus hatte sich zu ungeahnter Bl├╝te entwickelt und in Moskau gab es nur einen einzigen Verlag, mit Namen Skorpion, der sich auf diese Richtung spezialisiert hatte.
Auch dichtete Sokolow selbst.
Das Ehepaar einigte sich auf den Namen Greif. Brjussow, der Eigent├╝mer des Skorpion duldete keinen Widerspruch bei seinen Autoren und so wechselten einige seiner Sch├╝tzlinge zu dem neu gegr├╝ndeten Verlag.
Der b├╝rgerliche Salon der Sokolows wandelte sich zu einem Literatentreffpunkt. Es wurde gefeiert und getrunken, das Wort Dekadenz war in aller Munde. Einer der Stammg├Ąste gestand aber:
"Am meisten waren wir von Sokolows Frau angetan."

Im ersten eigenen Almanach war Nina mit zwei kurzen Erz├Ąhlungen der Herbst und Sie vertreten. Der Dichter Balmont wurde zur Galionsfigur des Verlages und Ninas Geliebter. Die leidenschaftliche Aff├Ąre war ├Ąu├čerst kr├Ąftezehrend und mit der Zeit verlor Nina die Lust, die Abende in lauten, verrauchten Spelunken zu verbringen. Au├čerdem hatte das Ehepaar Zwistigkeiten wegen interner Verlagsentscheidungen. Nina beendete die Beziehung zu ihrem Liebhaber und wandte sich dem jungen Dichter Andrej Belyi zu. Der sch├╝chterne Poet gewann alle Herzen und bald war er Ninas Charme erlegen. Doch auch diese Liebschaft war qu├Ąlerisch und Nina begann zu trinken, wurde depressiv, litt an Halluzinationen und hatte Anf├Ąlle von Hysterie.

In der undurchdringlichen, kontrovers diskutierten Hysterie liegt m├Âglicherweise der Schl├╝ssel zu Ninas unwiderstehlicher Anziehungskraft. In der Kindfrau Petrowskaja glaubte eine ganze Generation von K├╝nstlern die L├Âsung f├╝r das R├Ątsel ihrer ├Ąu├čersten ├Ąsthetischen Sch├Ânheit gefunden zu haben. Denn nur einer perfekten, idealen Liebhaberin gelingt es, die z├╝gellose, alle moralischen Gesetze verwerfende, d├Ąmonische Erotik mit der Unschuld, der seelischen Reinheit ja mit dem G├Âttlichen in der eigenen Person zu vereinen. Dieser Widerspruch steckt voller Zauber.

Ninas unwiderstehliche Anziehungskraft f├╝r die egomanischen K├╝nstler wurde ihr zum Verh├Ąngnis. Ihre wechselnden Liebhaber konnten ihr nicht das geben was sie suchte. Sie waren zu sehr auf ihre eigene Person zentriert oder konnten sich nicht von ihren duldsamen Ehefrauen trennen. Nach ihrer Emigration aus Russland versuchte sie sich mit ├ťbersetzungen ├╝ber Wasser zu halten und scheiterte zuletzt an den politischen und ├Âkonomischen Bedingungen. Ihre letzte Zuflucht war Paris, wo sie einsam und veramt 1928 freiwillig aus dem Leben schied.

AVIVA-Tipp: Die ber├╝hrende Biographie einer intelligenten Frau, der es nicht verg├Ânnt war, sich zu verwirklichen und die an der Sehnsucht, ihren Lebenshunger mit Liebhabern, Alkohol und Drogen zu stillen scheiterte.

Zur Autorin:
Liliana Kern
, geboren 1958, studierte Slavistik und Osteurop├Ąische Geschichte in Frankfurt am Main. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Journalistin f├╝r verschiedene Zeitungen und die Deutsche Welle. Sie lebt als freie Autorin in K├Âln.


Liliana Kern
Der feurige Engel

Berliner Taschenbuch Verlag, erschienen Januar 2006
ISBN 3-8333-0359-X
11,90 Euro90008115&artiId=3584096"


Literatur Beitrag vom 14.03.2006 Sabine Grunwald 

   




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