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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.03.2006

Das erste Mal sah ich sie an einem Samstagnachmittag
Sabine Grunwald

Anne-Sophie Brasme setzt sich schonungslos mit der Thematik der Hässlichkeit auseinander - sie schildert die obsessive, zerstörerische Beziehung zwischen Joachim dem Maler und seinem Modell Marica



Die Geschichte behandelt eine dunkle Obsession. Der Maler und Fotograf Joachim unterrichtet an der Uni Philosophie. Sein Lebenswerk ist eine Dissertation über Ästhetik. Seine Arbeit behandelt nicht die Ästhetik der Schönheit sondern die der Monster, der Gezeichneten und Hässlichen.

Die erste Fotoserie zeigte einen Zwerg....Je weiter ich blätterte, desto hässlicher wurden sie und kamen Joachims Wahnvorstellungen immer näher. Eine Magersüchtige von dreißig Kilo...Ein verstümmelter Transsexueller nach einer missglückten Operation. Ein großer verbrannter Mann, der wie durch ein Wunder überlebt hatte. Ein Krüppel, der von Geburt an keine Arme hatte. Und dieser verrückte Engländer...er hatte sich einer unglaublichen Anzahl von chirurgischen Eingriffen unterzogen, um einen Katzenkörper zu bekommen.

Marica lernt Joachim durch eine Annonce kennen.
"Amateurfotograf sucht Personen mit körperlichen Besonderheiten für künstlerische Aufnahmen. Seriös."

Ich war schon immer hässlich. Und als sei dies das Joch des Schicksals, wusste ich seit meiner Kindheit aus innerster Überzeugung, dass ich es ewig sein würde...Hässliche Kinder haben etwas Unantastbares und Erschreckendes...Lange bevor meine Zähne sich verformten, stand mir schon diese Anomalie ins Gesicht geschrieben, dieses Paradoxon des jugendlichen Körpers, den man nicht in die Arme schließen will...Ich glich vor allem meinem Vater. Ich hatte seine raue Haut, seine trüben Augen, seinen Nussknackerkiefer....In meinem Gesicht gab es keine Einheit. Die Hässlichkeit war überall und nirgends, ein wandelbares Monster, das sich je nach Blickwinkel veränderte.

Marcia geht regelmäßig in Joachims Atelier und lässt sich malen. Als Modell verliert sie ihre Scheu und findet sich zum ersten Mal schön. Obwohl es keine Kommunikation zwischen den beiden gibt und sie gleich nach jeder Sitzung geht, haben die Treffen etwas Erotisches. Marcia ist nicht nur Modell sondern auch sein Objekt. Er zeigt ihr seine Arbeiten nie.
Nach zwei Monaten richtet er das erste Mal sein Wort direkt an sie und fragt sie nach ihrer Meinung.

Das Portrait nahm den ganzen Raum ein. Ich sagte "Portrait" aber ich weiß nicht genau, ob es das war. Es hatte keine menschliche Form. Es bestand nur aus Flecken, verschmierten Linien. Blau, grau, braun. Die Farbschichten überlagerten sich, die Oberfläche war uneben. An zwei Stellen war die Leinwand aufgerissen. Zwei klaffende Wunden zerschnitten das Gemälde und rissen die dargestellte Figur auseinander, als würde der Bruch von ihr herrühren, als wäre sie selbst aufgerissen worden.

Eines Tages taucht Joachim in der Buchhandlung auf, in der Marica arbeitet.
Er lädt sie in ein Café ein, danach gehen sie ihm, wo sie ihre Jungfräulichkeit verliert.
Sie werden ein Paar ohne sich zu lieben und kommen doch nicht voneinander los. Die beiden ziehen zusammen und führen eine freudlose, sexuell exzessive Koexistenz bis zum bitteren Ende.
Joachim Kellermann unternimmt einen Selbstmordversuch und Marica wird ohnmächtig in der Wohnung aufgefunden. Sie fährt zur Erholung zu ihren Eltern in die Provinz und nimmt dort einen Job als Sekretärin in Valenciennes an. Sie kehrt noch einmal nach dem Tod ihres Vaters nach Paris zurück und trifft dort den Transsexuellen Paola, ebenfalls ein Modell Joachims.
In diesem Moment erinnerte ich mich an die Fotos von ihr. Erinnerte mich an diesen Blick, den sie hatte und den wir alle vor Joachims Kamera hatten. An jenem Tag, am Tag, als ich den Karneval zerriss, sah ich alle Bilder an, versenkte mich in sie, bis ich sie auswendig kannte, um sie nie wieder zu vergessen. Eins nach dem anderen. Ganz bedächtig, ohne Wut zerstörte ich Joachims Werk. Im Namen aller Monster weise ich zurück, was er aus uns gemacht hatte.

AVIVA-Tipp: Ein Buch, das durch seine ungewöhnliche Thematik verstört und berührt. "Täter" und "Opfer" kommen in wechselnden Dialogen zu Wort und vertauschen gegen Ende die Rollen bis zur Befreiung. Für den Einen ist es der geglückte Selbstmord, für die Andere das Aufschreiben der Geschichte.

Zur Autorin:
Anne-Sophie Brasme
wurde 1984 geboren. Ihr erster Roman Dich schlafen sehen (2001) schrieb sie im Alter von 16 Jahren, er wurde als literarische Sensation gefeiert, stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde in 17 Ländern verkauft. Sie gilt als eine der viel versprechendsten Talente der jungen französischen Literatur. Sie lebt in Paris und studiert an der Sorbonne Moderne Literatur.


Anne-Sophie Brasme
Das erste Mal sah ich sie an einem Samstagnachmittag

Le carnaval des monstres
Aus dem Französischen von Gaby Wurster
Gebunden, 192 Seiten
ISBN 3-442-31100-4
18 Euro90008115&artiId=5203814"


Literatur Beitrag vom 17.03.2006 Sabine Grunwald 

   




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